Adventskalender 2018

2. Dezember


„Sag mal, spinnst du?“

Erschrocken riss Toni die Augen auf. Martin stand an seinem Bett und hatte ihm die Bettdecke weggerissen. Wütend funkelte er ihn an.

„Was ist denn los?“, fragte Toni gähnend und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

„Was los ist? Du fragst allen Ernstes, was los ist?“, fauchte Martin. Seine Wangen waren gerötet und seine Unterlippe bebte. Instinktiv zog Toni den Kopf ein. Sein Bruder war dreizehn und somit fünf Jahre älter und dementsprechend kräftiger als er. Früher waren sie ein Herz und eine Seele gewesen, doch nach allem, was passiert war, hatte Martin sich sehr verändert und manchmal hatte Toni richtig Angst vor ihm.

„Das ist los!“, knurrte Martin nun und zeigte mit dem Finger auf Tonis Fenster. Draußen war es bereits hell, doch die Lichterkette blinkte noch immer abwechselnd in grün, blau, pink, orange und rot.

Toni dämmerte langsam, was seinen Bruder so auf die Palme brachte.

„Ich dachte doch nur, weil heute der erste Advent ist …“, flüsterte er.

„Du dachtest?“, schnitt Martin ihm das Wort ab. „Du hast überhaupt nicht gedacht! Sonst hättest du diese verdammten Lichter niemals eingeschaltet!“

Toni senkte den Blick. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

Martin ging zum Fenster und riss den Stecker aus der Steckdose. Augenblicklich erloschen die bunten Lichter.

„Was sollen denn die Nachbarn von uns denken, wenn du hier so eine Scheiße veranstaltest?“, zischte er und warf Toni einen weiteren wütenden Blick zu.

Toni war es reichlich egal, was die Nachbarn dachten. Natürlich wusste er, dass sie Papa, Martin und ihn neugierig beäugten und hinter vorgehaltener Hand mitleidig über sie tuschelten. Allerdings glaubte er nicht, dass sie sich an ein bisschen Weihnachtsdekoration stören würden, noch dazu jetzt, in der Adventszeit. Alle schmückten ihre Häuser und Gärten. Warum sollten sie das nicht tun dürfen? Sie trugen doch keine Schuld an dem, was passiert war.

Toni beobachtete, wie Martin aus dem Fenster starrte. Sein Blick ging ins Leere.

Obwohl er sich nicht sicher war, ob sein Bruder ihn überhaupt hörte, sagte Toni: „Mama würde meine Lichterkette gefallen.“

Martin fuhr herum und packte ihn am Kragen. Sein Mund war nur wenige Zentimeter von Tonis Gesicht entfernt.

„Mama ist aber nicht mehr hier!“, brüllte er. „Sie hat uns im Stich gelassen und wird nie wieder zurückkommen. Aber das scheinst du dämlicher Affe ja nicht zu kapieren!“

Toni starrte seinen Bruder erschrocken an. So plötzlich wie Martin ihn angegriffen hatte, ließ er jetzt wieder von ihm ab. Tonis Kopf sackte gegen die Wand. Während er sich zurück in die Kissen sinken ließ, stürmte Martin bereits aus dem Zimmer. Das Knallen der Tür hallte noch eine Weile in Tonis Ohren nach. Ebenso wie die harschen Worte.

Natürlich wusste er, dass Mama nicht wieder zurückkommen würde. Aber durften sie deswegen nie wieder Weihnachten feiern?

Toni schob eine Hand unter das Kissen und zog Mamas grauen Lieblingspullover hervor. Er schloss die Augen und drückte sein Gesicht in die kuschelige Wolle, wie er es jeden Tag mindestens einmal tat. Wenn er tief einatmete, konnte er sie noch ganz schwach riechen. Er wusste, dass ihr Geruch mehr und mehr verblassen und irgendwann ganz verschwinden würde. Immerhin war sie seit fast einem Jahr nicht mehr da.

„Sie hat uns nicht im Stich gelassen“, flüsterte er und drückte den Pullover noch fester an sich.

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