Adventskalender 2018

4. Dezember


Martin schlug die Hände vors Gesicht. Als er Toni ansah, war der Zorn von vorhin wieder da.

„Du bist so ein Vollidiot!“, rief er. „Warum kannst du nicht einmal deine Klappe halten?“

Toni senkte den Blick.

„Dieses ganze dämliche Gelaber über Weihnachten!“, fuhr Martin ihn an. „Aber damit nicht genug! Nein, Herr Superschlau muss auch noch mit Mama anfangen. Wie bescheuert bist du eigentlich?“

„Ich wollte nur …“, stammelte Toni.

„Ich, ich, ich!“, äffte Martin ihn nach. „Das ist genau das Problem, dass du immer nur an dich denkst. Wie ein kleines Baby! Hast du schon mal überlegt, wie es Papa und mir damit geht?“

Toni starrte weiter auf das Tischtuch und knetete seine Finger.

Martin wertete sein Schweigen als Aufforderung, noch mehr Dampf abzulassen: „Ich habs dir heute schon mal gesagt, Mama hat uns im Stich gelassen und deswegen wollen Papa und ich nichts mehr von dem Thema hören.“

„Aber das stimmt doch gar nicht“, brach es aus Toni heraus. „Mama hat uns nicht im Stich gelassen!“

„Ist sie noch hier?“, fragte Martin gereizt.

Tonis Unterlippe began zu zittern. Wieder senkte er den Blick.

„Siehst du“, sagte Martin, „sag ich doch! Sie ist weg und wir müssen uns jetzt allein durchschlagen. Also hat sie uns im Stich gelassen. Oder wie würdest du das nennen?“

Toni hätte seinem Bruder gern gesagt, dass er sein Gerede für totalen Schwachsinn hielt, aber das traute er sich nicht. Stattdessen zuckte er nur die Achseln.

Martin hatte sich wieder etwas beruhigt und lehnte sich zu ihm über den Küchentisch: „Was findest du überhaupt so toll an diesem blöden Weihnachten?“

„Ich weiß nicht“, sagte Toni, „irgendwie alles. Die vielen Lichter, den besonderen Geruch, die Weihnachstlieder im Radio. Und dass alles so gemütlich ist. Früher mochtest du es doch auch!“

„Ja, früher!“, sagte Martin. „Aber mittlerweile hasse ich es.“

„Denkst du nicht“, fragte Toni, „wir könnten versuchen, an Weihnachten besonders an Mama zu denken, statt es aus unserem Leben zu streichen?“

Martin seufzte. Es war das typische Du-bist-wirklich-zu-dumm-Seufzen. Dann stand er auf und ging hinüber zu dem Wandkalender, der neben dem Kühlschrank hing. Er tippte mit dem Finger auf den 24. Dezember und sah Toni dabei tief in die Augen: „Das ist der schlimmste Tag in meinem Leben. Am liebsten wäre mir, wenn es diesen Tag einfach nicht mehr gäbe. Und Papa geht es genauso. Wenn das für dich anders ist, okay, dein Ding! Aber nimm wenigstens Rücksicht auf uns!“

Toni sah Martin hinterher, als dieser die Küche verließ. Dann ging er selbst hinüber zum Kalender. Lange starrte er auf die Vierundzwanzig, bis die beiden Ziffern vor seinen Augen verschwammen. Dieses Mal versuchte er gar nicht erst, die Tränen wegzuwischen. Sie liefen ihm über die Wangen und tropften auf den Küchenboden.

„Ich vermisse dich auch, Mama“, flüsterte er. „Aber ich kann Weihnachten trotzdem nicht hassen.“

Er lauschte in die Stille, bekam aber keine Antwort. Toni legte den Finger auf den Kalender und strich zärtlich über das Wort Heiligabend. An diesem Tag war Mama letztes Jahr gestorben.

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