Adventskalender 2018

5. Dezember


Zwei Tage später war Papas Geburtstag. Wie jedes Jahr hatten sich Onkel Fred, Papas Bruder, und Tante Rita, Freds Frau, zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Toni hatte den Tisch gedeckt, während Martin zur Bäckerei geradelt war. Papa hatte sich den ganzen Tag in seinem Büro verschanzt und war ihnen keine Hilfe gewesen.

Jetzt saßen sie zu fünft um den Küchentisch. Der Platz neben Toni blieb leer. Letztes Jahr hatte Mama noch dort gesessen. Abgemagert und sehr schwach hatte sie ausgesehen. Toni wusste damals nur, dass sie einen Krebs im Bauch hatte, darunter vorstellen konnte er sich nichts. Mama hatte ihm aber erklärt, dass ihre Krankheit nichts mit dem Tier zu tun hatte.

Tante Rita und Onkel Fred erzählten gerade von ihrem geplanten Urlaub. Karibik. Zwei Wochen. Direkt nach den Weihnachtsfeiertagen. Man musste schließlich mal rauskommen.

„Täte euch bestimmt auch gut“, flötete Tante Rita und schickte ihr schrilles Lachen hinterher.

Papa starrte auf seinen Teller. Er hatte noch kein Wort gesagt, seitdem der Besuch da war. Selbst die Umarmungen zur Begrüßung und die Glückwünsche hatte er schweigend über sich ergehen lassen.

Martin stocherte mit der Gabel in seinem Kuchen. Er hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gesogen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er versuchte, seine Wut im Zaum zu halten.

Toni mochte Onkel Freds Geschichten eigentlich, doch heute gingen sie selbst ihm auf die Nerven. Außerdem machte ihn die seltsam angespannte Stimmung nervös. Was, wenn Martin wieder ausrastete, oder Papa wie so oft in letzter Zeit einfach aufstand und ging?

„Übrigens“, sagte Tante Rita zwischen zwei Gabeln Sahnetorte, „der Kuchen schmeckt ganz ausgezeichnet. Ist der selbstgebacken?“

Martin warf ihr einen giftigen Blick zu. „Nein, gekauft! Wer soll den auch gebacken haben?“, zischte er.

Tante Rita sah zu Mamas leerem Platz hinüber.

„Natürlich“, murmelte sie.

Eine unangenehme Stille senkte sich über den Kaffeetisch, nur unterbrochen vom Klappern des Geschirrs.

Nach einer Weile fügte Tante Rita hinzu: „Eure Mama ist jetzt an einem besseren Ort.“

Martin ließ die Gabel in seinen zermatschten Kuchen fallen.

„Was soll das denn heißen?“, fragte er. „An welchem bekackten Ort soll es denn besser für sie sein als hier bei uns?“

Tante Rita starrte Martin mit offenem Mund an. Dann wanderte ihr Blick zu Papa. Sie erwartete wohl, dass der seinem Ältesten eine klare Ansage machte. Doch Papa sagte nichts. Er rührte sich nicht einmal.

„Das sagt man eben so“, wandte sie sich nun selbst an Martin, „weil sie keine Schmerzen mehr hat.“

„Stimmt!“, giftete Martin. „Dafür wird sie jetzt von Würmern zerfressen.“

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