Adventskalender 2018

6. Dezember


Tonis Herz setzte beinahe einen Schlag aus. Würmer? Das konnte doch nicht Martins Ernst sein?

„Mama ist jetzt im Himmel und der liebe Gott passt auf sie auf“, sagte er.

Martin verdrehte die Augen: „Na toll, der kleine Schwachkopf meldet sich auch noch zu Wort!“

„Nenn mich nicht so!“, flüsterte Toni. Er war kurz davor, in Tränen auszubrechen, kämpfte sie aber nieder.

„Du denkst also, dass Mama im Himmel ist?“, lachte Martin. „Sitzt sie dort auf einer Wolke und wirft nachts Sternenstaub auf dich?“

Tante Rita schnappte nach Luft, sagte aber nichts. Niemand sprang Toni bei.

„Und dein lieber Gott“, fuhr Martin fort, „wenn es den tatsächlich gäbe, dann hätte er schon auf Mama aufgepasst, als sie noch am Leben war. Dann hätte er sie gar nicht erst krank werden lassen.“

Martin hieb bei jedem Wort mit der Faust auf den Tisch. Mittlerweile schrie er: „Mama ist tot. TOT! Es gibt keinen Gott! Hörst du, was ich sage? Es gibt keinen scheiß Gott!“

„Jetzt reicht es aber!“, rief Onkel Fred, der neben Martin saß, und schlug ihm mit der flachen Hand in den Nacken.

Toni riss erschrocken die Augen auf. Martins Kopf ruckte von dem Schlag nach vorne, ansonsten zeigte er keine Reaktion.

„So redet man erstens nicht mit seinem Bruder“, polterte Onkel Fred, „und zweitens spricht man nicht so respektlos von Gott.“

Martins Wangen glühten, seine Hände waren zu Fäusten geballt. Hilfesuchend sah er zu Papa hinüber. Doch der saß nach wie vor regungslos da. Toni war sich nicht sicher, ob er die Aufregung der letzten Minuten überhaupt mitbekommen hatte.

Martin sprang auf. Sein Stuhl schrammte quietschend über den Küchenboden.

„Leckt mich doch alle!“, schrie er. Dann stürmte er aus der Küche.

„Also sowas!“, murmelte Tante Rita und tätschelte Onkel Freds Arm.

„Das wirst du dem Jungen hoffentlich nicht durchgehen lassen!“, sagte der an Papa gewandt.

Papa schien endlich aus seiner Starre zu erwachen. Er strich Toni liebevoll übers Gesicht. Dann sah er Onkel Fred und Tante Rita lange an.

„Ich denke, es ist besser, wenn ihr jetzt geht“, sagte er schließlich. „Das ist momentan alles etwas viel für uns.“

Onkel Fred wirkte enttäuscht. Dennoch standen die beiden ohne weitere Diskussion auf und gingen in den Flur, um sich ihre Mäntel anzuziehen. Papa begleitete sie.

Toni blieb am Küchentisch sitzen. Sein Kopf dröhnte. All die schlimmen Sachen, die Martin gesagt hatte, schwirrten darin herum: An welchem bekackten Ort soll es denn besser für sie sein als hier bei uns? Dafür wird sie jetzt von Würmern zerfressen. Es gibt keinen scheiß Gott!

Wenn Mama noch da wäre, hätte Martin sowas nie gesagt. Gut, dann hätte er auch keinen Grund gehabt, so auszurasten, das war Toni klar. Aber selbst wenn es einen gegeben hätte, hätte er niemals so reagiert. Mit Mama waren sie eine richtige Familie gewesen, in der sich alle lieb hatten und für böse Worte kein Platz war. Ohne sie war alles anders und alles war irgendwie schlecht. Toni legte den Kopf auf den Küchentisch, schloss die Augen und stellte sich vor, dass Mama neben ihm saß.

„Bitte komm zurück!“, flüsterte er. „Ich weiß ja, dass das nicht geht, aber du fehlst mir so! Und bitte mach, dass Papa und Martin wieder normal werden!“

Tränen rannen ihm über das Gesicht und sickerten in das Tischtuch. Plötzlich breitete sich eine seltsame Wärme auf seinem Rücken aus, die erst von oben nach unten und dann wieder zurück nach oben wanderte. So als würde Mama ihn streicheln, wie sie es früher immer gemacht hatte, wenn er nach dem Abendbrot so müde war, dass er beinahe im Sitzen einschlief. Toni genoss das Gefühl und wäre am liebsten ewig so sitzen geblieben. Doch auf einmal kam es ihm so vor, als wäre er nicht mehr allein in der Küche.

„Mama, bist du das?“, fragte er. Er bekam keine Antwort, aber das Streicheln auf seinem Rücken ließ nicht nach.

Toni riss die Augen auf und drehte sich blitzschnell um. Der Platz neben ihm war noch immer leer und auch sonst befand sich niemand mit ihm in der Küche. Enttäuscht atmete Toni tief durch. Das Gefühl auf seinem Rücken war verschwunden. Er hatte sich alles nur eingebildet!

Als er sich später in sein Bett legte, kuschelte er sich ganz fest an Mamas Pullover. Die bunte Lichterkette an seinem Fenster blinkte ihn in den Schlaf.

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