Adventskalender 2018

7. Dezember


Toni erwachte, weil etwas über sein Gesicht strich wie ein warmer Sommerwind. Das bunte Blinken der Lichterkette durchzuckte die Dunkelheit. Der Wecker auf seinem Nachttisch verriet ihm, dass es noch nicht einmal zwei Uhr morgens war. Toni gähnte. Normalerweise wurde er nicht mitten in der Nacht wach. Gerade wollte er sich umdrehen und weiterschlafen, als jemand seinen Namen flüsterte: „Anton!“

Tonis Herz begann zu rasen. Es hatte nur einen Menschen gegeben, der ihn immer Anton genannt hatte.

„Mama?“

Auf seiner Bettdecke leuchtete ein winzig kleiner goldener Punkt auf. Nicht größer als ein Glühwürmchen. Toni sah zu, wie das Licht langsam anwuchs, bis schließlich sein ganzes Zimmer von einem goldenen Strahlen erfüllt war. Er musste seine Augen mit der Hand abschirmen, um nicht geblendet zu werden. Als das Leuchten wieder etwas nachließ, saß eine Frau auf seiner Bettkante. Sie war ganz in Weiß gekleidet und ihre rötlichen Haare fielen ihr in sanften Wellen auf die Schultern. Sie lächelte und ihre grünen Augen strahlten. Es bestand kein Zweifel!

„Mama!“, rief Toni und wollte sich ihr in die Arme werfen. Doch plötzlich hielt er inne.

„Kann ich dich überhaupt anfassen?“, fragte er.

„Natürlich“, antwortete sie und zog ihn fest an sich. Toni vergrub sein Gesicht an ihrem Hals und atmete tief ein. Mama roch genauso wie früher.

Toni löste sich aus ihrer Umarmung und starrte ungläubig in ihr Gesicht. Alles war wie immer. Die feinen Sommersprossen auf ihrer Nase. Die Grübchen, wenn sie lächelte. Sogar die feinen Fältchen um ihre Augen waren noch da.

„Das muss ein Traum sein!“, flüsterte er. Er kniff die Augen zusammen und zwickte sich mehrmals fest in den Arm. Der Schmerz war deutlich zu spüren.

Als er die Augen wieder öffnete, saß Mama ihm noch immer gegenüber. Lachend strich sie ihm durchs Haar.

„Das ist kein Traum, mein Liebling! Du hast mich gebeten zu kommen. Und hier bin ich!“

„Bist du ein Engel?“, fragte Toni.

„So könnte man es wohl sagen“, antwortete sie.

„Und wie lange bleibst du?“

Sie zuckte die Achseln: „So lange, wie es nötig sein wird.“

„Für immer? Kannst du nicht einfach für immer bleiben?“

„Nein, Anton!“ Sie schüttelte den Kopf und für einen kurzen Moment sah sie ein bisschen traurig aus. „Das geht leider nicht. Aber ich werde so lange bleiben, bis hier wieder alles seinen geregelten Gang geht. Das verspreche ich dir!“

„Seitdem du weg bist, ist alles so schrecklich. Papa und Martin benehmen sich, als wären sie gar nicht mehr sie selbst.“

„Ich weiß“, sagte sie.

„Du weißt es? Woher?“ Toni sah sie mit weit aufgerissenen Augen an.

„Weil ich nicht wirklich weg bin. Ihr könnt mich zwar nicht mehr sehen, aber ich bin immer bei euch. Ich sitze mit euch am Küchentisch, ich wache über euren Schlaf. Und natürlich sehe ich auch, wie schlecht es euch geht.“

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