Adventskalender 2018

8. Dezember


„Martin ist ein richtiges Ekel“, brach es aus Toni heraus. „Er ist nur noch gemein zu mir und sagt schlimme Sachen. Und Papa spricht fast gar nicht mehr mit uns und Weihnachten will er auch nicht feiern. Irgendwie ist ihm alles egal. Manchmal glaube ich, dass die beiden gar nicht richtig traurig darüber sind, dass du gestorben bist. Nicht so traurig wie ich.“

„Jeder Mensch geht anders mit seiner Trauer um, Anton“, sagte Mama und nahm seine Hand. „Martin ist wütend auf alles und jeden. Auf Papa, auf dich, sogar auf sich selbst, weil ihr alle nicht verhindern konntet, dass ich sterbe.“

„Er sagt auch schlimme Sachen über dich.“

„Auf mich ist er auch wütend, weil er sich von mir allein gelassen fühlt. Dein Bruder weiß nicht, wie er damit umgehen soll. Also wird er sauer. In Wahrheit leidet er genauso wie du.“

„Ich finde er redet Blödsinn!“, protestierte Toni.

„Das hast du auch vor meinem Tod schon gedacht“, sagte Mama und lachte.

Toni war sich nicht sicher, ob er das lustig fand, aber ihr Lachen steckte ihn an.

„Und Papa?“, fragte er schließlich. „Hat er uns nicht mehr lieb?“

„Oh doch!“, antwortete Mama. „Euer Vater liebt euch sehr. Erinnerst du dich noch, als Martin dich vor ein paar Jahren in die Abstellkammer gesperrt hat?“

Toni nickte. Es war schrecklich dunkel in der blöden Kammer gewesen. Blindlings hatte er sich bis zur Tür vorgetastet, nur um festzustellen, dass sie verschlossen war. Er hatte mit den Fäusten dagegen gehämmert und geschrien, aber seine Eltern hatten ihn nicht gehört.

„Ich hatte solche Angst, nie wieder dort rauszukommen!“

„Genau so geht es Papa auch gerade“, sagte Mama. „Nur dass er nicht in der Abstellkammer eingesperrt ist, sondern in seinem Körper, mit all seinen trüben Gedanken.“

„Klingt logisch“, sagte Toni. Mama wuschelte ihm durch die Haare und lächelte.

„Ich mache mir ein bisschen Sorgen um Papa“, meinte sie nach einer Weile. „aber jetzt bin ich ja hier, um euch aufzuheitern, und am besten fangen wir gleich damit an!“

„Wir?“

„Ich dachte, du hilfst mir dabei, wo du doch genauso vernarrt in Weihnachten bist wie ich. Bis Heiligabend ist noch viel zu tun. Wir sollten also keine Zeit verlieren!“

„Klar helfe ich dir!“, rief Toni und sprang aus dem Bett. „Womit fangen wir an?“

„Morgen ist zwar schon der 5. Dezember“, antwortete Mama, „aber ich denke, es ist noch nicht zu spät für Adventskalender.“

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