Adventskalender 2018

9. Dezember


Auf Tonis Schreibtisch lagen bereits kleine weiße Papiertüten bereit, in die Mama früher ihre Pausenbrote eingepackt hatte. Jetzt mussten sie sich selbst darum kümmern. Martin konnte sich an seiner Schule wenigstens etwas am Pausenverkauf besorgen, doch Toni musste sich meist mit einer trockenen Breze vom Vorabend zufriedengeben, falls Papa es überhaupt geschafft hatte zum Bäcker zu gehen. Toni störte das nicht weiter. Zum Frühstück aß er eine große Schale Cornflakes und in der Schule hatte er dann nur selten richtig Hunger. Aber ihm fehlte das Gefühl, dass sich jemand um ihn kümmerte.

„Was hältst du davon“, fragte Mama und riss ihn damit aus seinen Gedanken, „wenn wir die Tüten anmalen und verzieren, bevor wir kleine Geschenke hineingeben?“

Tonis Augen strahlten. „Das ist eine großartige Idee!“, jubelte er.

„Ich werde mich um deinen Adventskalender kümmern“, sagte Mama, „damit du auch eine Überraschung hast. Fang du doch schon mal mit den Tüten für Papa und Martin an!“

Toni überlegte, ob Martin es überhaupt verdiente, dass er so etwas Schönes für ihn machte. Doch dann fielen ihm Mamas Worte ein, dass jeder von ihnen anders mit seiner Trauer umging.

„Ich könnte Martins Adventskalender mit Eisbären verzieren. Das sind doch seine Lieblingstiere“, sagte er schließlich.

Mama fuhr ihm lächelnd mit der Hand durch die Haare: „Darüber wird er sich mit Sicherheit sehr freuen.“

Mit Feuereifer machte Toni sich an die Arbeit. Hin und wieder warf er Mama einen verstohlenen Blick zu. Sie war vollkommen in ihr Tun vertieft und bemerkte gar nicht, dass er sie beobachtete. Eine der Haarsträhnen, die sie sich hinters Ohr geschoben hatte, hatte sich gelöst, so dass sie ab und an die Unterlippe vorschob, um sie sich aus dem Gesicht zu pusten. Diese Geste war typisch für Mama und Toni musste angesichts der Normalität, die davon ausging, schmunzeln. Der Streit mit Martin und seine Enttäuschung über Papas Teilnahmslosigkeit waren für den Moment in weite Ferne gerückt.

Als Toni mit dem Eisbärenkalender für seinen Bruder fertig war, bemalte er Papas Tüten mit Tannenbäumen, Schneemännern und Weihnachtskugeln, er beklebte sie mit Sternen aus goldenem Tonpapier und bestreute sie mit jeder Menge Glitzerpulver. Anschließend betrachtete er zusammen mit Mama sein Werk.

„Das hast du sehr schön gemacht, Anton!“, sagte sie und drückte ihn fest an sich. „Jetzt aber ab ins Bett mit dir! Morgen ist schließlich Schule!“

„Aber wir haben die Kalender doch noch gar nicht befüllt!“, protestierte Toni.

„Keine Sorge, das ist meine Aufgabe!“

Lächelnd schob Mama ihn zum Bett und wartete, bis er sich unter die Decke gekuschelt hatte.

„Ich denke, es ist besser, wenn du meinen Besuch vorerst für dich behältst, Anton“, sagte sie. Dann küsste sie ihn auf die Stirn.

„Ich bin so froh, dass du wieder da bist, Mama!“, murmelte Toni. Wenige Sekunden später war er eingeschlafen.

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