Adventskalender 2018

10. Dezember


Der Wecker klingelte um sechs Uhr dreißig. Toni schaltete seine Nachttischlampe ein und streckte sich. Als sein Blick auf den Schreibtisch fiel, bekam er sofort einen Kloß im Hals und sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Der Schreibtisch war ordentlich aufgeräumt, kein Papierschnipsel und kein Körnchen Glitzerpulver erinnerten an die nächtliche Bastelei mit Mama.

„Ich kann das doch nicht alles nur geträumt haben?“, murmelte Toni. „Bitte, bitte nicht!“

Er sprang aus dem Bett und lief die Treppe hinunter. Sein Herz raste, als er die Hand auf die Klinke legte und die Küchentür langsam öffnete.

Beinahe hätte er laut gejubelt. Neben dem Kühlschrank, direkt unter dem Wandkalender hingen die drei fertigen Adventskalender. Papas verzierte Tüten hingen an einer roten Kordel, Martins an einer grünen und seine eigenen an einer goldenen. Es war kein Traum! Sie war wirklich bei ihm gewesen!

„Danke, Mama!“, flüsterte Toni.

Dann entdeckte er eine weitere Überraschung. Auf dem Küchentisch stand ein kleiner Adventskranz mit vier weißen Kerzen. Toni holte eine Packung Streichhölzer und zündete eine der Kerzen an.

„Was ist denn hier los?“

Toni zuckte erschrocken zusammen. Papa stand in der Küchentür und sah mit großen Augen zwischen dem Adventskranz und den selbstgebastelten Kalendern hin und her.

„Hast du das gemacht?“, fragte er.

Toni nickte. Hoffentlich wurde Papa nicht wieder traurig und ging. Doch Papa blieb.

„Schön!“, sagte er, ging zu Toni und strich ihm über den Kopf.

„Willst du gleich mal schauen, was heute in deinem Adventskalender ist?“, fragte Toni.

Papa zögerte einen kurzen Moment. Doch dann nickte er und ging hinüber zum Kühlschrank.

„Der mit der roten Kordel ist deiner“, erklärte Toni.

Vorsichtig betastete Papa einige der verzierten Tüten.

„Die ersten vier Tütchen sind leer, aber ab heute wartet jeden Tag eine Überraschung auf dich“, wiederholte Toni das, was Mama ihm in der Nacht zuvor gesagt hatte.

Papa öffnete die Tüte mit der Fünf, auf die Toni eine große rote Sternschnuppe gemalt hatte, und zog eine Praline heraus. Genüsslich biss er hinein: „Mmmmh, Walnuss!“

Toni lächelte. Es war das erste Mal seit Langem, dass Papa nicht irgendwo saß und traurig vor sich hinstarrte.

„Was ist heute in deinem Kalender, Toni?“

„Ich hab noch nicht nachgesehen.“

„Aber du hast ihn doch selbst befüllt.“ Papa sah ihn erstaunt an.

Toni starrte auf den Boden und suchte nach einer Ausrede.

„Ich hab extra nicht geschaut, was ich in welche Tüte stecke“, sagte er schließlich.

„Dann sieh jetzt nach“, sagte Papa und schaltete die Kaffeemaschine ein.

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