Adventskalender 2018

11. Dezember


Toni atmete tief durch. Sanft strich er über die goldene Kordel und brachte damit die Tüten zum Hüpfen. Mama hatte jede rot angemalt und die Zahlen aus goldenem Tonpapier ausgeschnitten. Mit zittrigen Fingern griff Toni in die fünfte Tüte. Darin befand sich ein durchsichtiges Röhrchen mit Sand. Toni runzelte die Stirn. Dann sah er den kleinen Zettel, der an dem Röhrchen befestigt war. Sternenstaub stand darauf. Toni musste schmunzeln. Mama schien Martins Wutausbruch gestern tatsächlich gehört zu haben.

Wie aufs Stichwort tauchte sein Bruder in der Tür auf.

„Was ist das denn?“, fragte er.

„Toni hat für uns alle Adventskalender gebastelt“, antwortete Papa und setzte sich mit einer Tasse Kaffee an den Küchentisch.

„Aha“, grunzte Martin und setzte sich ebenfalls, ohne Toni oder die Kalender eines Blickes zu würdigen.

„Willst du nicht reinschauen?“, fragte Toni.

„Ich habs dir schon mal gesagt, lass mich mit deinem blöden Weihnachten in Ruhe!“

„Ich hab dir extra einen mit Eisbären gemacht“, startete Toni noch einen Versuch.

„Bist du taub oder was?“, fuhr Martin ihn an. „Ich hab keinen Bock auf deinen scheiß Kinderkram! Und deine blöden Viecher kannst du dir sonst wohin schieben!“

Toni ballte die Fäuste. Die ganze Arbeit umsonst. Stundenlang hatte er die Tüten blau bemalt und mit Deckweiß liebevoll Eisbären darauf gekleckst, für nichts und wieder nichts! Am liebsten hätte er seinem Bruder das Röhrchen mit dem Sternenstaub an den Kopf geworfen, aber auch das wäre die reinste Verschwendung gewesen. Stattdessen sah er zu Papa hinüber, doch der zuckte nur mit den Schultern und vertiefte sich in seine Zeitung.

Die Lust auf Frühstück war Toni vergangen. Er ging zurück in sein Zimmer, um sich für die Schule anzuziehen, und knallte die Tür hinter sich zu.

In dieser Nacht lag Toni lange wach und wartete auf Mama, aber sie kam nicht. Wahrscheinlich hat Martin sie mit seinem ständigen Gemecker vergrault, dachte Toni mit Tränen in den Augen. Die Wut auf seinen Bruder war so groß, dass er sich noch einige Zeit hin und her wälzte, ehe er endlich einschlief.

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