Adventskalender 2018

12. Dezember


Als er am nächsten Morgen ins Bad gehen wollte, wäre er beinahe über einen seiner Winterstiefel gestolpert, der vor seiner Zimmertür stand.

„Wie kommt der denn hier her?“, murmelte Toni.

Er nahm den Stiefel und sah, dass er bis oben hin mit Schokolade, Mandarinen und Nüssen gefüllt war. Deswegen war Mama letzte Nacht nicht zu ihm gekommen! Er schaute den Flur hinunter. Auch vor Martins Tür und vor dem Schlafzimmer standen befüllte Stiefel.

Toni rannte los. Ohne anzuklopfen stürmte er in Papas Zimmer und rief: “Der Nikolaus war da!“

Papa schreckte hoch und sah ihn verwirrt an: „Was sagst du da?“

„Komm schnell, Papa!“, rief Toni, zog ihn am Ärmel seines Pyjamas und hielt ihm seinen Winterstiefel vor die Nase. „Heute Nacht war der Nikolaus da und hat uns Geschenke gebracht! Für dich steht auch ein Stiefel draußen.“

Papa stand auf und folgte Toni in den Flur.

„Tatsächlich“, staunte er.

Nachdem er den Inhalt seines Stiefels begutachtet hatte, legte er einen Arm um Tonis Schultern und führte ihn zurück ins Schlafzimmer. Dort setzten sie sich nebeneinander aufs Bett.

„Du gibst dir wirklich sehr viel Mühe“, sagte Papa.

„Damit hab ich nichts zu tun“, widersprach Toni.

„Ja, natürlich!“ Papa bedachte ihn mit einem wissenden Blick. „Aber lassen wir jetzt mal die Kindereien, Toni. Ich denke, wir müssen uns endlich ernsthaft über die ganze Sache unterhalten.“

„Was meinst du?“ Toni rutschte nervös auf der Bettkante hin und her.

„Versteh mich nicht falsch, mein Junge“, sagte Papa, „ich finde es wirklich rührend, wie du versuchst, ein wenig Weihnachtsstimmung ins Haus zu zaubern. Aber ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin. Und Martin ist ganz sicher noch nicht so weit. Du merkst ja selbst, dass dein Bruder noch immer etwas neben der Spur ist. Vielleicht kommt Weihnachten dieses Jahr noch zu früh für uns.“

Toni spürte einen Kloß im Hals. Was, wenn Mama ihn nicht mehr besuchen würde, wenn Papa die Weihnachtsüberraschungen verbot?

„Martin verletzt es sehr, wenn wir die Adventszeit so an die große Glocke hängen“, fuhr Papa fort.

In Tonis Bauch brodelte es wie in einem Vulkan. Glühendheißer Zorn stieg in ihm hoch.

„Du solltest etwas mehr Rücksicht auf seine Gefühle nehmen.“

Peng! Jetzt reichte es aber!

„Ich soll Rücksicht auf Martin nehmen? Soll das ein Witz sein?“, presste Toni hervor. So hatte er noch nie mit Papa geredet, aber jetzt konnte er nicht mehr an sich halten.

„Und wer nimmt Rücksicht auf mich und meine Gefühle? Martin ist seit fast einem Jahr nur noch gemein zu mir, er gibt mir schlimme Namen und du tust nichts dagegen. Du tust sowieso überhaupt nichts mehr! Ihr behandelt mich wie ein Baby, als wäre ich zu blöd zu kapieren, dass Mama tot ist. Aber wenn es um Weihnachten geht, dann soll ich mich plötzlich erwachsen verhalten?“

„Toni, so war das doch nicht gemeint. Beruhige dich!“

„Nein Papa, ich hab das alles so satt!“, rief Toni und sprang auf. „Es geht immer nur um dich und Martin. Mir fehlt Mama auch. Ich will über sie reden. Ich will mich an sie erinnern – jeden Tag, und besonders an Weihnachten! Aber ihr interessiert euch nur für euch und dafür, was ihr wollt. Martin bin ich sowieso scheißegal! Und dir anscheinend auch!“

Papa sah Toni fassungslos an, sagte jedoch kein Wort.

„Meine Lehrerin sagt immer: Keine Antwort bedeutet Zustimmung“, flüsterte Toni und ging.

Martin stand feixend in seiner Zimmertür: „Du hast recht, Schwachkopf! Du bist mir wirklich scheißegal. Genauso wie dein dämlicher Weihnachtsmüll. Du willst nicht behandelt werden wie ein Baby? Dann verhalt dich auch nicht so! Weiß doch jeder Idiot, dass du letzte Nacht den Nikolaus gespielt hast.“

Damit schlug Martin ihm die Tür vor der Nase zu.

„Wenn du wüsstest!“, murmelte Toni und streckte der verschlossenen Tür die Zunge heraus.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s