Adventskalender 2018

14. Dezember


In den nächsten Nächten wurde das Vorlesen einer Geschichte für die beiden zur Routine. Toni genoss die Zeit mit Mama, vor allem weil die Stimmung im Haus seit dem Nikolaustag miserabel war. Toni hatte zwar das Gefühl, dass Papa seine Worte leid taten, aber solange er Martin nicht zurechtwies und ihm, Toni, damit den Rücken stärkte, konnte er auf Papas schlechtes Gewissen verzichten. Martin hingegen verschanzte sich zunehmend in seinem Zimmer und ignorierte Toni so gut er konnte. Tonis Auseinandersetzung mit Papa schien ihn darin bestärkt zu haben, dass es vollkommen okay war, sich seinem kleinen Bruder gegenüber wie ein Vollidiot zu benehmen.

Trotz allem – oder vielleicht gerade weil sein Groll auf Papa und Martin groß war – fehlten Toni die weihnachtlichen Überraschungen. Jedes Mal, wenn Mama zu ihm kam, hoffte er, dass sie endlich wieder etwas Schönes aushecken würden. Doch Mama hielt den richtigen Zeitpunkt noch nicht für gekommen. Erst in der Nacht auf den dritten Advent kam ihr gemeinsames Vorhaben, Papa und Martin aufzuheitern und die Stimmung innerhalb der Familie zu verbessern, wieder ins Rollen.

Toni saß in seinem Bett und wartete auf Mama. Er starrte auf die blinkenden Lichter am Fenster. Draußen fielen dicke Schneeflocken vom Himmel und hatten Straßen, Dächer und Gärten bereits angezuckert. Hin und wieder warf Toni einen Blick auf seinen Wecker. Sie war spät dran. Hoffentlich kam sie überhaupt noch!

Das Buch, das er für heute ausgesucht hatte, lag neben seinem Kopfkissen bereit.

„Eine schöne Geschichte“, sagte eine Stimme hinter ihm.

Erschrocken fuhr Toni herum.

„Mama! Seit wann schleichst du dich denn so an?“

„Ich dachte, du hättest dich mittlerweile an meine Besuche gewöhnt.“

„Ja, schon. Aber ich war gerade in Gedanken“, gab Toni zu. Mama lächelte und küsste ihn auf die Stirn.

„Schade, dass wir deine Geschichte heute nicht lesen können“, sagte sie dann.

Toni stutzte: „Warum denn nicht?“

„Weil wir etwas Wichtigeres zu tun haben“, antwortete Mama mit einem Augenzwinkern.

Aufgeregt hopste Toni auf dem Bett herum: „Bereiten wir heute endlich wieder eine Überraschung vor? Was machen mir, Mama? Los, sag schon!“

„Es wird Zeit, dass wir die Weihnachtsbäckerei eröffnen“, sagte sie und nahm Toni bei der Hand.

„Wir backen Plätzchen? Das ist klasse, Mama!“, jubelte Toni und sprang aus dem Bett.

Auf Zehenspitzen schlich er zur Tür, öffnete sie vorsichtig einen Spalt breit und spähte den Flur entlang.

„Die Luft ist rein“, sagte er. „Erinnerst du dich noch, wie laut die Treppe knarzt, Mama? Wir müssen ganz leise sein, damit Papa und Martin nicht aufwachen!“

Mama lachte und Toni sah sie verständnislos an.

„Um Papa und Martin brauchen wir uns heute Nacht keine Gedanken zu machen, Anton“, erklärte sie. „Ich habe dafür gesorgt, dass die beiden nicht aufwachen werden!“

Toni hatte keine Ahnung, wie Mama das gemacht hatte, aber seitdem sie zum ersten Mal bei ihm aufgetaucht war, wunderte ihn gar nichts mehr. Hand in Hand gingen sie die Treppe hinunter.

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