Adventskalender 2018

19. Dezember


Seit der Schneeballschlacht war die Stimmung unter ihnen viel besser. Alle bemühten sich, freundlich und rücksichtsvoll miteinander umzugehen und das frisch geknüpfte Band nicht wieder zu zerstören. Sogar Martin verbiss sich fiese Kommentare in Tonis Richtung und öffnete weiterhin täglich seinen Adventskalender. Papa hatte am Tag nach ihrem Spaziergang einen Weihnachtsbaum gekauft, der nun in einem Netz verschnürt auf der Terrasse stand.

Doch je näher Heiligabend rückte, desto angespannter wurden sie. Auch Toni kam nicht dagegen an. Immer wieder standen ihm Erinnerungsfetzen an die letzten Stunden in Mamas Leben vor Augen.

Bereits einige Tage vor ihrem Tod hatte sie nicht mehr aufstehen können und war im Bett liegen geblieben. Papa kümmerte sich mit Hilfe einer Krankenpflegerin um sie. Sobald Toni und Martin aus der Schule kamen, setzten sie sich zu Mama ans Bett und wichen nicht mehr von ihrer Seite. Seit Papas Geburtstag war sie noch dünner geworden und ihr Gesicht war blass und eingefallen. Ein Tropf versorgte sie unablässig mit Medikamenten.

„Hast du Schmerzen?“, fragte Martin, als sie am Freitag vor den Weihnachtsferien wie gewohnt bei ihr saßen.

„Es geht schon, mein Schatz!“, antwortete sie mit brüchiger Stimme, doch Toni und sein Bruder konnten an ihrem zusammengekniffenen Mund sehen, dass sie log.

„Soll ich dir einen Tee bringen?“, fragte Toni und wollte schon aufstehen, doch Mama nahm seine Hand und hielt ihn zurück.

„Ich möchte nur, dass meine beiden Jungs bei mir sitzen und mir erzählen, wie der letzte Schultag war.“

Toni kam es komisch vor, über die Schule zu reden, wenn es Mama schlecht ging. Andererseits wollte er ihr ihren Wunsch auch nicht abschlagen. Also erzählten sie von ihrem Vormittag.

„Ich bin heilfroh, dass endlich Ferien sind“, schloss Martin seinen Bericht, besonders euphorisch klang er allerdings nicht.

Mama streichelte jedem von ihnen über die Wange. Ihre Hände waren eiskalt.

„Seid mir nicht böse, aber ich bin furchtbar müde“, sagte sie schließlich und ließ sich in die Kissen sinken. Kurze Zeit später war sie eingeschlafen.

Wie immer wenn sie schlief, hielt Papa an ihrem Bett Wache. Toni und Martin mussten dann das Schlafzimmer verlassen.

Auf dem Flur fragte Toni seinen Bruder: „Was meinst du, wann Mama wieder gesund wird?“

Martin sah ihn schweigend an. Seine Augen schienen durch ihn durch zu starren. Dann legte er Toni einen Arm um die Schultern und begleitete ihn in sein Zimmer. Seine Frage beantwortete er nicht. Zwei Tage später war Mama tot.

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