Adventskalender 2018

20. Dezember


Am Nachmittag vor Heiligabend saßen Toni, Martin und Papa am Küchentisch zusammen. Papa hatte Punsch gekocht und einen Teller mit Plätzchen vorbereitet. Lange Zeit sagte keiner von ihnen ein Wort.

„Macht es euch etwas aus“, fragte Toni schließlich, „wenn ich die Kerzen am Adventskranz anzünde?“

Papa starrte eine Weile auf den Kranz, ehe er Toni ansah. Er schien weit weg gewesen zu sein.

„Natürlich, mach nur“, sagte er dann, „heute ist schließlich der vierte Advent.“

Toni griff zur Streichholzschachtel, hielt jedoch inne und warf Martin einen prüfenden Blick zu. Sein Bruder nickte.

Als alle vier Kerzen brannten, schauten sie in das flackernde Licht und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

„Schon komisch“, sagte Martin nach einer Weile, „es sind immer noch vier Kerzen, obwohl wir nur noch zu dritt sind.“

„Tja, die Erde dreht sich eben weiter“, antwortete Papa, „ob wir wollen oder nicht.“

„Sie fehlt mir.“ Martins Stimme klang belegt. Es war das erste Mal seit einem Jahr, dass er von Mama sprach, ohne wütend oder vorwurfsvoll zu klingen. Papa griff über den Tisch und drückte Martins Hand.

Toni bekam einen Kloß im Hals. Am liebsten hätte er ihnen erzählt, dass Mama hier war – wahrscheinlich gerade mit ihnen in der Küche – und sie sehen und hören konnte. Aber vielleicht war die Zeit noch immer nicht reif dafür. Also schwieg er.

„Sollen wir ein Weihnachtslied singen?“, fragte er stattdessen. Früher hatte Mama an den Adventssonntagen immer ihre Gitarre geholt und sie hatten alle zusammen gesungen.

„Bitte, Toni“, sagte Martin, „alles, bloß das nicht. Ich hab ja in den letzten Tagen kapiert, dass du es nur gut meinst. Aber jetzt ohne sie zu singen – das ertrag ich nicht.“

Toni starrte traurig auf das Tischtuch, obwohl er seinen Bruder verstehen konnte. Wie zum Trost strich ein warmer Windhauch über seinen Nacken. Er warf einen Blick über die Schulter, konnte Mama aber nicht sehen.

Papa trank einen Schluck Punsch, dann legte er seine Hand auf Tonis Rücken: „Es tut mir leid, dass Weihnachten dieses Jahr nicht so ist, wie du es dir gewünscht hast.“

„Schon gut“, murmelte Toni.

„Nein, ist es nicht! Ich habe im letzten Jahr viel falsch gemacht. Ich hätte mich mehr um euch kümmern müssen. Ihr habt eure Mutter verloren und anstatt euch zu helfen, damit umzugehen … Irgendwie war es, als hättet ihr mich auch verloren.“

Toni sah zu Martin hinüber, doch der hielt den Blick gesenkt.

„Ich muss nur irgendwie diesen Tag morgen überstehen“, fuhr Papa fort, „und dann verspreche ich euch, dass ich mir wieder mehr Mühe gebe.“

Er leerte seine Tasse und verließ ohne ein weiteres Wort die Küche. Toni sah ihm nach und konnte sehen, dass er weinte.

„Meinst du, dass nach Weihnachten wirklich alles besser wird?“, fragte Toni seinen Bruder.

Martin sah ihn an und zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung! Mama wird immer noch weg sein, daran wird sich nichts ändern.“

Er nahm sich ein Plätzchen und schob den Teller zu Toni hinüber, der sich für einen Lebkuchen entschied.

„Ich weiß, dass ich in letzter Zeit ziemlich scheiße zu dir war“, fuhr Martin fort.

„Das kannst du laut sagen!“

„Aber ich bin nicht so wie du. Du willst Weihnachten feiern, weil es für dich dann so ist, als wäre Mama noch hier, richtig?“

Toni nickte. Das traf es besser als sein Bruder ahnte.

„Aber ich hab Angst vor morgen, Toni! Ich weiß nicht, was passiert, wenn alles wieder hochkommt. Ich vermisse sie genauso wie du, aber gleichzeitig bin ich so sauer, dass ich alles kurz und klein schlagen möchte.“

„Jeder geht anders mit seiner Trauer um“, wiederholte Toni Mamas Worte.

Martin sah ihn stirnrunzelnd an. Dann verzog sich sein Mund zu einem Grinsen: „Klugscheißer!“

„Den Weihnachtsbaum können wir wohl abhaken“, sagte Toni nach einer Weile.

„Ja, wahrscheinlich.“

„Immerhin hat Papa einen besorgt“, meinte Toni. „Der Wille zählt!“

„Das hat Mama immer gesagt“, flüsterte Martin.

„Weißt du was, Kleiner?“, fügte er hinzu. „Du hast recht. Ganz egal, ob wir Weihnachten feiern oder nicht, es ist so und so unmöglich, sich nicht an sie zu erinnern.“

Sie nahmen sich beide noch ein Plätzchen und schauten in das flackernde Licht der Kerzen.

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