Adventskalender 2018

22. Dezember


„Setz dich zu mir, Anton“, sagte Mama, sobald sie zurück in seinem Zimmer waren, und klopfte neben sich auf die Bettkante.

„Ich kann es kaum erwarten, was die nächste Überraschung sein wird“, rief Toni und sprang aufs Bett.

Mama sah ihn lange an und kaute auf ihrer Unterlippe.

„Warum machst du das?“, fragte Toni. „Es war noch nie ein gutes Zeichen, wenn du das machst.“

„Erwischt“, antwortete Mama und ein seltsamer Unterton lag in ihrer Stimme.

„Es wird keine Überraschung mehr geben, richtig?“ Tonis Magen grummelte und das Herz klopfte ihm bis zum Hals.

„Richtig“, antwortete Mama und streichelte seinen Rücken, so wie sie es früher immer gemacht hatte. „Und ich werde dich auch nicht mehr besuchen kommen.“

„Was?“ Toni hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Er hatte einen Kloß im Hals und Tränen stiegen ihm in die Augen.

„Bitte, Anton, nicht weinen!“, sagte Mama und nahm ihn in den Arm. „Wir haben doch beide gewusst, dass es nicht für immer so bleiben kann.“

„Ich will nicht, dass du gehst!“, schluchzte Toni.

„Hast du vergessen, was ich dir in unserer ersten Nacht gesagt habe? Ich werde nicht gehen. Ich bin immer bei euch.“

„Aber ich kann dich dann nicht mehr sehen und auch nicht mehr anfassen. Alles wird wieder genauso schrecklich sein wie zuvor“, entgegnete Toni. Sein ganzer Körper bebte.

„Das stimmt doch nicht, Anton!“, sagte Mama, „Du weißt jetzt, dass ich da bin und auf dich aufpasse. Du kannst mir jederzeit alles erzählen.“

„Nur antworten wirst du mir nicht.“ Toni warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Nicht mit Worten, das stimmt. Aber du wirst trotzdem wissen, was zu tun ist.“

Toni sah sie lange an. Noch immer liefen ihm Tränen übers Gesicht.

„Und was ist mit Papa und Martin?“, fragte er leise. „Du hast versprochen, solange zu bleiben, bis es wieder gut läuft mit ihnen.“

„Findest du nicht, dass sich die Situation schon gebessert hat?“

Toni zuckte die Achseln: „Doch, irgendwie schon. Aber Papa geht es immer noch nicht gut. Und Martin … früher war er wie mein bester Freund, jetzt weiß ich nie, ob er nicht im nächsten Moment wieder ausrastet.“

Mama nahm seine Hand und drückte sie ganz fest: „Vertrau mir! Ich werde dieses Versprechen nicht brechen, Anton! Uns bleibt noch bis morgen Zeit.“

„Muss ich mich wirklich wieder an Heiligabend von dir verabschieden?“, fragte Toni mit großen Augen.

„Tut mir leid, Anton. Aber das war die Bedingung, damit ich mich dir überhaupt zeigen durfte“, antwortete Mama.

Toni grübelte eine Weile darüber nach, dann sagte er: „Ziemlich blöde Regeln habt ihr da, wo du jetzt bist.“

Mama schmunzelte und legte ihm einen Arm um die Schultern. Eine Zeitlang saßen sie schweigend nebeneinander und Toni genoss die Wärme, die von Mama ausging. Sie bald nicht mehr berühren zu können, machte ihn schrecklich traurig.

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