Adventskalender 2018

23. Dezember


Plötzlich griff Mama in ihre Hosentasche: „Ich hab da noch was für dich! Gib mir mal meinen Pullover!“

Toni zuckte leicht zusammen, dann sah er sie mit seinem Ich-hab-keine-Ahnung-wovon-du-redest-Blick an.

„Anton!“, sagte Mama tadelnd, „Ich weiß doch, dass du meinen Lieblingspullover unter deinem Kopfkissen versteckst.“

Toni wurde abwechselnd heiß und kalt.

„Tut mir leid, dass ich ihn genommen habe, Mama! Papa hat uns ausdrücklich verboten, irgendetwas an deinen Sachen im Schlafzimmer zu verändern. Aber ich wollte etwas, das mich an dich erinnert. Wenn Papa das erfährt, bin ich geliefert!“

Mama küsste ihn auf die Stirn: „Keine Sorge, ich verrate dich ganz bestimmt nicht. Ich finde es sogar sehr süß, dass du dich nicht an Papas Verbot gehalten hast.“

Toni atmete erleichtert durch. Er griff unter sein Kissen, zog den Pullover hervor und reichte ihn an Mama weiter. Zärtlich strich sie über die weiche Wolle, den Blick in die Ferne gerichtet. Toni beobachtete sie dabei und hatte das Gefühl, dass sie sich an die Zeit vor ihrem Tod erinnerte. Nach einer Weile kehrte sie aus ihrer Gedankenwelt zurück.

„Ich habe ihn immer so gern getragen“, sagte sie, „und ich finde es schön, dass du jetzt auf ihn aufpasst.“

Toni lächelte und konnte seinen Stolz nicht verbergen. Dann sagte er: „Du wolltest mir doch irgendetwas geben.“

„Ach ja, richtig!“, antwortete Mama und griff erneut in ihre Hosentasche. Als sie die Hand wieder herauszog, lag eine goldene Walnuss darin.

Toni starrte auf die Nuss und wusste nicht recht, was er damit anfangen sollte.

„Ich weiß, du hast Angst, dass der Pullover bald nicht mehr nach mir riechen könnte“, sagte Mama, „aber wenn du die Nuss darin einwickelst, wird seine Wolle immer so riechen, als hätte ich ihn eben noch getragen.“

Toni riss die Augen auf: „Wirklich?“

Mama legte den Pullover ordentlich zusammen und steckte die goldene Walnuss zwischen seine Lagen. Als sie ihn Toni unter die Nase hielt, bemerkte er sofort den intensiven Geruch, der von dem Kleidungsstück ausging.

„Das ist echt der Wahnsinn!“, murmelte er. „Danke, Mama!“

Mama nahm Toni in die Arme und drückte ihn fest an sich. „Jedes Mal, wenn du daran riechst, soll er dich daran erinnern, wie sehr ich dich liebe“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Toni schloss die Augen und nickte. Er schmiegte sich an sie und sog mit jedem Atemzug ihren Geruch ein, bis er das Gefühl hatte, alles um ihn herum würde sich drehen.

Als Toni die Augen wieder öffnete, war Mama verschwunden. Doch ein warmes Licht pulsierte wie das Flackern einer Kerze in seinem Zimmer.

Zusammen mit dem Pullover kuschelte Toni sich in sein Bett. Obwohl ihn der Gedanke noch immer traurig machte, dass er Mama am Heiligabend zum letzten Mal sehen sollte, breitete sich dennoch eine seltsame Ruhe in ihm aus.

„Ich liebe dich auch“, murmelte er, ehe er einschlief.

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