Adventskalender 2018

24. Dezember


Als Toni am nächsten Morgen wach wurde, hielt er Mamas Pullover noch immer fest umklammert. Ein Blick auf seinen Wecker verriet ihm, dass es bereits elf Uhr war. Da er nicht sicher war, ob Papa und Martin noch schliefen, schlich er auf Zehenspitzen die Treppe hinunter. Als ihr ohrenbetäubendes Knarren dennoch die Stille im Haus zerriss, verdrehte er genervt die Augen und sprang über die letzten drei Stufen hinweg.

Papa saß bereits in der Küche und las in der Zeitung. Er sah müde aus, so als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Die dunklen Schatten unter seinen Augen ließen ihn älter wirken als er war.

„Guten Morgen, Toni“, murmelte er und nippte an seinem Kaffee.

„Guten Morgen, Papa. Schläft Martin noch?“

„Ich denke schon.“

Komisch, dachte Toni, normalerweise war Martin überhaupt kein Langschläfer. Aber vielleicht wollte er ihnen gerade heute besonders lange aus dem Weg gehen, um nicht über Mama reden zu müssen. Auch Papa hatte sich wieder in seine Zeitung vertieft und war nicht besonders gesprächig. Toni kam es fast so vor, als hätte Papa Angst, dass er ihn auf Mama ansprechen könnte. Toni seufzte. Er hatte keine Ahnung, wie Mama in den wenigen verbleibenden Stunden alles wieder ins Lot bringen wollte. Jetzt konnte nur noch der Baum helfen.

„Papa, ich muss dir was zeigen!“

„Was denn, Toni?“ Papa ließ die Zeitung sinken und sah ihn erstaunt an.

„Das ist eine Überraschung. Du musst mit mir ins Wohnzimmer kommen.“

Papa blies langsam Luft durch die Nase aus und legte die Zeitung beiseite, ehe er mühsam aufstand. Toni war klar, dass Papa keine Lust auf seine Überraschung hatte, doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Ungeduldig zog er ihn am Ärmel nach draußen in den Flur und bis vor die Wohnzimmertür.

„Musst du mir nicht erst die Augen verbinden?“, witzelte Papa.

„Sei nicht albern, Papa!“, antwortete Toni und drückte die Klinke nach unten. Langsam schwang die Tür auf. In der Mitte des Raumes stand der Weihnachtsbaum, voll behangen mit unzähligen großen und kleinen Kugeln. Toni betrachtete noch einmal zufrieden sein Werk. Er mochte den Baum, auch wenn er zugeben musste, dass sich die lila Kugeln schrecklich mit den knallroten bissen. Und auch der orange Weihnachtsschmuck wollte nicht so recht zu den türkisen Anhängern passen.

„Ach, du lieber Gott! Den Baum hab ich ja total vergessen!“, rief Papa und schlug sich eine Hand vor die Stirn. Er war so entsetzt von seinem Versäumnis, dass er sich gar nicht zu fragen schien, wie die große Tanne ins Wohnzimmer gekommen war.

„Hast du den etwa ganz allein geschmückt?“, fragte Papa.

Toni wollte nicht lügen, konnte Papa aber schlecht erzählen, dass Mama ihm dabei geholfen hatte. Also antwortete er stattdessen: „Ich hab unsere vier Lieblingsfarben genommen. Deine, meine, Martins und Mamas.“

Papa begutachtete den Baum lange von oben bis unten, dann sagte er: „Sehr schön, Toni! Eure Mutter hat zwar immer behauptet, ich hätte überhaupt kein Auge für Farben, aber das sehe sogar ich, wie hervorragend diese vier zueinander passen.“

Toni biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut loszuprusten. Papa hatte wirklich keine Ahnung!

Er beobachtete, wie Papa langsam den Weihnachtsbaum umrundete, als würde er jede Kugel einzeln betrachten. Hin und wieder strich er zärtlich über einen der Zweige. Schließlich legte er einen Arm um Toni und sagte: „Das hast du gut gemacht. Wenn ich den Baum ansehe, kommt es mir so vor, als wäre eure Mutter noch hier und hätte ihn geschmückt.“

„Das kommt dir nicht nur so vor!“

Toni fuhr erschrocken herum. In der Wohnzimmertür stand Martin und starrte auf den Baum. Er war etwas blass um die Nase und seine Augen waren leicht gerötet.

„Mama ist wirklich hier“, sagte er leise. „Ich habe sie gesehen.“

Toni riss die Augen auf. Mama hatte sich Martin endlich gezeigt! Vor Freude wäre er seinem Bruder am liebsten um den Hals gefallen.

„Was redest du denn da, mein Junge?“, sagte Papa, ehe Toni reagieren konnte. „Hast du geträumt?“

„Nein … Papa … ich …“, stammelte Martin, „ich hab sie wirklich gesehen. Sie war eben bei mir, in meinem Zimmer.“

Papa legte besorgt die Stirn in Falten. Er nahm Martin bei den Schultern, sah ihn lange an und befühlte seine Stirn, als wolle er überprüfen, ob er Fieber hatte.

„Ich weiß, das ist heute alles sehr schwer für dich“, sagte er schließlich und schloss Martin in die Arme. Der warf Toni einen flehenden Blick zu.

Toni ging zu den beiden hinüber, legte Papa eine Hand auf den Rücken und sagte: „Martin hat sich das nicht eingebildet. Bei mir war Mama auch.“

Papa ließ Martin los und drehte sich ruckartig zu Toni um. Verständnislos sah er ihn an. Dann trat er einige Schritte zurück und sein Blick verfinsterte sich.

„Findet ihr das lustig?“, fragte er. „Was soll der Blödsinn?“

„Wir haben uns das nicht ausgedacht“, sagte Martin, „das musst du uns glauben.“

In diesem Moment ging die Lichterkette am Weihnachtsbaum an und tauchte das Wohnzimmer in goldenes Licht.

„Was ist denn jetzt los?“, murmelte Papa und sah verstört zwischen seinen Söhnen und dem Baum hin und her. „Hat einer von euch …?“

„Ich war das.“

Als Toni, Martin und Papa sich umdrehten, stand Mama neben dem Tannenbaum. Sie strahlte die drei an und ein besonderes Glitzern lag in ihren Augen.

Toni wollte zu ihr laufen und sie umarmen, doch Martin hielt ihn zurück.

„Das ist nicht möglich“, flüsterte Papa. Er hatte die Hände vor den Mund geschlagen und taumelte. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und Toni fürchtete, Papa würde jeden Moment einen Herzinfarkt bekommen. Mama machte einen Schritt auf Papa zu, doch der wich mit schreckgeweiteten Augen vor ihr zurück und ließ sich auf das Sofa sinken.

„Ich bin es wirklich, mein Liebling“, sagte Mama. Sie nahm ihn bei der Hand, zog ihn wieder hoch und schloss ihn in die Arme. Papa wehrte sich noch kurz, doch dann vergrub er sein Gesicht an Mamas Hals, wie auch Toni es bei seiner ersten Begegnung mit ihr getan hatte, und sog ihren Geruch in sich auf.

„Das kann doch nicht wahr sein“, flüsterte er dicht an Mamas Ohr und Tränen liefen ihm über die Wangen. „Ich kann nicht glauben, dass du wirklich hier bist.“

Mama nahm Papas Gesicht in beide Hände und sah ihm lange in die Augen. Dann küsste sie ihn.

Martin legte einen Arm um Tonis Schultern und zog ihn hinaus auf den Flur. Als sie vor der Wohnzimmertür standen, fragte Toni: „Warum sind wir gegangen?“

Martin bedachte ihn mit seinem typischen Denk-doch-mal-nach-Blick: „Lass Papa ein bisschen Zeit mit Mama allein. Wir hatten sie schließlich auch ganz für uns.“

Toni nickte. Er gab es nicht gerne zu, aber natürlich hatte Martin recht.

„Wann ist sie zu dir gekommen?“, wollte er wissen.

„Ganz früh heute Morgen“, antwortete Martin. „Ich hab gedacht, ich fall vor Schreck tot um! Ganz schön abgefahren, das Ganze.“

Wieder nickte Toni.

„Sie hat mir übrigens ziemlich den Kopf gewaschen, weil ich so eklig zu dir war“, fügte Martin hinzu. Toni konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Schade, dass sie nicht bleiben kann“, sagte er dann.

„Ja, das stimmt“, pflichtete Martin ihm bei, „aber andererseits ist es total krass, dass wir sie überhaupt noch mal sehen durften. Das ist das, was sich wahrscheinlich jeder Mensch wünscht, was aber normal nie in Erfüllung geht.“

„Ein Weihnachtswunder“, murmelte Toni.

Eine Weile standen sie noch auf dem Flur und tauschten sich über ihre Begegnungen mit Mama aus.

„Lass uns wieder reingehen!“, sagte Martin schließlich.

Mama und Papa standen noch immer eng umschlungen neben dem Sofa. Als Martin und Toni hereinkamen, streckte Mama die Hand nach ihnen aus: „Na los, kommt zu uns!“

Toni und Martin gingen zu ihnen und kuschelten sich an ihre Eltern.

„Ich möchte, dass ihr in Zukunft besser aufeinander Acht gebt“, sagte Mama. „Ihr seid auch zu dritt nach wie vor eine Familie und müsst zusammenhalten.“

„Ich werde mich endlich wieder gut um unsere Jungs kümmern. Das verspreche ich dir“, antwortete Papa.

„Und ich werde mich bemühen, kein solches Ekel mehr zu sein“, sagte Martin.

Toni überlegte, was er sagen konnte. Schließlich meinte er: „Ich werde dafür sorgen, dass wir uns jedes Jahr an dieses ganz besondere Weihnachtsfest erinnern und mit Freude an dich denken, statt traurig zu sein.“

Mama lächelte. Dann sagte sie: „Es wird Zeit, meine Lieben.“ Sie schloss Toni, Papa und Martin in ihre Arme und ein warmes Licht breitete sich im Wohnzimmer aus, das immer heller wurde, bis es so gleißend war, dass sie die Augen zusammenkneifen mussten. Erst als das Licht langsam erlosch, wagten sie es, die Augen wieder zu öffnen. Noch immer lagen Toni, Papa und Martin sich in den Armen, doch Mama war verschwunden.

„Jetzt ist sie wieder weg“, sagte Martin und lächelte traurig.

„Nein“, antwortete Toni, „sie ist nicht weg. Wir können sie nur nicht mehr sehen.“

Wie zur Bestätigung seiner Worte begannen die Lichter am Weihnachtsbaum für einige Sekunden zu blinken.

„Danke, Toni!“, sagte Papa. „Du hast von Anfang an recht gehabt.“

„Das haben wir alles nur dir zu verdanken“, fügte Martin hinzu und drückte ihn noch einmal fest an sich.

Toni strahlte über das ganze Gesicht. Mama hat ihr Versprechen tatsächlich eingehalten, dachte er und zum ersten Mal seit Langem fühlte er sich in Papas und Martins Gegenwart wieder so wohl wie früher.

*****

Abends saßen sie mit Punsch und Plätzchen neben dem Weihnachtsbaum. Und obwohl sie keine Geschenke hatten, waren sie dennoch zufrieden, denn jeder von ihnen spürte, dass sie nicht allein im Wohnzimmer waren.

„Wie kann man nur diese vier Farben zusammen an einen Baum hängen?“, fragte Martin mit einem Augenzwinkern in Tonis Richtung.

„Mir gefällt es“, entgegnete Papa schmatzend und schob sich noch einen Lebkuchen in den Mund.

Toni lachte. Er war glücklich. Es war trotz aller Startschwierigkeiten ein fast perfektes Weihnachten geworden.

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