Adventskalender 2018

15. Dezember

„Wow!“, flüsterte Toni, als sie in die Küche kamen, und seine Augen wurden groß und größer. Der Backofen war vorgeheizt und alle Zutaten für den Teig standen schon bereit. Auf dem Küchentisch drängten sich kleine Behälter mit Schokostreuseln, bunten Zuckerperlen, Mandelplättchen und Kokosflocken sowie Tuben mit Lebensmittelfarbe.

„Deswegen warst du heute so spät dran“, sagte Toni.

Mama band erst ihm und dann sich selbst eine Schürze um.

„An die Arbeit!“, rief sie und klatschte in die Hände.

Toni gab die erforderliche Menge an Zutaten in eine Schüssel und Mama knetete einen Teig daraus. Nachdem sie ihn ausgerollt hatten, durfte Toni die Plätzchen ausstechen. Mama hatte viele verschiedene Ausstechformen vorbereitet, darunter Sterne, Rentiere und Tannenbäume. Doch Tonis Favorit hatte die Form einer Zuckerstange.

Als die ersten beiden Backbleche im Ofen waren, stahl sich ein verdächtiges Lächeln auf Mamas Gesicht.

„Was hast du vor?“, fragte Toni, der dieses Grinsen allzu gut kannte. Es lag eindeutig Blödsinn in der Luft.

Ohne Vorwarnung nahm Mama eine Handvoll Mehl und blies sie in Tonis Richtung. Der kreischte vor Vergnügen, nahm ebenfalls etwas Mehl und warf es Mama ins Gesicht. Innerhalb von Sekunden tobte eine Mehlschlacht in der Küche. Erst das Piepsen des Ofens unterbrach das wilde Treiben. Lachend strich sich Mama eine weiße Haarsträhne aus dem Gesicht und Toni ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken.

„Das war klasse!“, keuchte er und begutachtete das Chaos, das sie angerichtet hatten. Boden und Schränke waren über und über mit Mehl bedeckt und Toni hatte keinen Zweifel daran, dass er ebenso mit weißem Staub überzogen war wie Mama.

„Lass uns weitermachen!“, sagte sie nach einer Weile.

Während Toni die fertigen Plätzchen verzierte, backte Mama Kokosmakronen, Vanillekipferl und Lebkuchen. In der Küche breitete sich ein herrlicher Weihnachtsduft aus.

Als sie mit allem fertig waren, setzte Mama sich zu Toni und stellte zwei Tassen mit heißer Schokolade auf den Küchentisch.

„Ihr habt ja nicht mal Marshmallows zum Eintauchen im Haus“, stellte sie kopfschüttelnd fest. „Wenn ich das gewusst hätte …“

„Ich sag doch, ohne dich geht hier alles den Bach runter!“, grinste Toni und nahm einen großen Schluck seiner Schokolade.

„Wir bringen das schon wieder in Ordnung“, sagte Mama und strich ihm über die Wange. „Unsere Plätzchen werden Wunder wirken.“

„Hoffentlich hast du recht“, erwiderte Toni, auch wenn er es sich nach der Pleite mit den letzten Überraschungen kaum vorstellen konnte.

Mama sah hinüber zu den Adventskalendern. Martin hatte seinen noch immer nicht angerührt.

Toni folgte ihrem Blick und sagte: „Wenigstens Papa freut sich jeden Tag über seine Pralinen.“

„Und wie gefallen dir deine Überraschungen?“, wollte Mama wissen.

„Die sind spitze!“, sagte Toni. Neben dem Sternenstaub hatte er bisher verschiedene Holzfiguren, Schokolade und ein kleines Bilderbuch in seinen Tüten gefunden.

„Es wird Zeit, Anton!“, sagte Mama schließlich und stand auf. „Ich räume hier noch auf und du gehst ins Bett. Es ist schon spät.“

Toni verabschiedete sich mit einer langen Umarmung von ihr und ging hinauf in sein Zimmer. Als er ins Bett kroch, dachte er darüber nach, wie es sein würde, wenn Mama irgendwann nicht mehr jede Nacht zu ihm käme. Sein Herz zog sich zusammen und er schob den Gedanken schnell beiseite. Noch war sie hier und das war die Hauptsache!

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Adventskalender 2018

14. Dezember

In den nächsten Nächten wurde das Vorlesen einer Geschichte für die beiden zur Routine. Toni genoss die Zeit mit Mama, vor allem weil die Stimmung im Haus seit dem Nikolaustag miserabel war. Toni hatte zwar das Gefühl, dass Papa seine Worte leid taten, aber solange er Martin nicht zurechtwies und ihm, Toni, damit den Rücken stärkte, konnte er auf Papas schlechtes Gewissen verzichten. Martin hingegen verschanzte sich zunehmend in seinem Zimmer und ignorierte Toni so gut er konnte. Tonis Auseinandersetzung mit Papa schien ihn darin bestärkt zu haben, dass es vollkommen okay war, sich seinem kleinen Bruder gegenüber wie ein Vollidiot zu benehmen.

Trotz allem – oder vielleicht gerade weil sein Groll auf Papa und Martin groß war – fehlten Toni die weihnachtlichen Überraschungen. Jedes Mal, wenn Mama zu ihm kam, hoffte er, dass sie endlich wieder etwas Schönes aushecken würden. Doch Mama hielt den richtigen Zeitpunkt noch nicht für gekommen. Erst in der Nacht auf den dritten Advent kam ihr gemeinsames Vorhaben, Papa und Martin aufzuheitern und die Stimmung innerhalb der Familie zu verbessern, wieder ins Rollen.

Toni saß in seinem Bett und wartete auf Mama. Er starrte auf die blinkenden Lichter am Fenster. Draußen fielen dicke Schneeflocken vom Himmel und hatten Straßen, Dächer und Gärten bereits angezuckert. Hin und wieder warf Toni einen Blick auf seinen Wecker. Sie war spät dran. Hoffentlich kam sie überhaupt noch!

Das Buch, das er für heute ausgesucht hatte, lag neben seinem Kopfkissen bereit.

„Eine schöne Geschichte“, sagte eine Stimme hinter ihm.

Erschrocken fuhr Toni herum.

„Mama! Seit wann schleichst du dich denn so an?“

„Ich dachte, du hättest dich mittlerweile an meine Besuche gewöhnt.“

„Ja, schon. Aber ich war gerade in Gedanken“, gab Toni zu. Mama lächelte und küsste ihn auf die Stirn.

„Schade, dass wir deine Geschichte heute nicht lesen können“, sagte sie dann.

Toni stutzte: „Warum denn nicht?“

„Weil wir etwas Wichtigeres zu tun haben“, antwortete Mama mit einem Augenzwinkern.

Aufgeregt hopste Toni auf dem Bett herum: „Bereiten wir heute endlich wieder eine Überraschung vor? Was machen mir, Mama? Los, sag schon!“

„Es wird Zeit, dass wir die Weihnachtsbäckerei eröffnen“, sagte sie und nahm Toni bei der Hand.

„Wir backen Plätzchen? Das ist klasse, Mama!“, jubelte Toni und sprang aus dem Bett.

Auf Zehenspitzen schlich er zur Tür, öffnete sie vorsichtig einen Spalt breit und spähte den Flur entlang.

„Die Luft ist rein“, sagte er. „Erinnerst du dich noch, wie laut die Treppe knarzt, Mama? Wir müssen ganz leise sein, damit Papa und Martin nicht aufwachen!“

Mama lachte und Toni sah sie verständnislos an.

„Um Papa und Martin brauchen wir uns heute Nacht keine Gedanken zu machen, Anton“, erklärte sie. „Ich habe dafür gesorgt, dass die beiden nicht aufwachen werden!“

Toni hatte keine Ahnung, wie Mama das gemacht hatte, aber seitdem sie zum ersten Mal bei ihm aufgetaucht war, wunderte ihn gar nichts mehr. Hand in Hand gingen sie die Treppe hinunter.

Adventskalender 2018

13. Dezember

Eng an Mama gekuschelt lag Toni in seinem Bett. Seitdem sie in seinem Zimmer erschienen war, weinte er. Tröstend streichelte Mama ihm über den Rücken, bisher erfolglos.

„Nimm es nicht so schwer, Anton! Wir wussten doch, dass es nicht leicht werden würde.“

Tonis Antwort ging in einem Schluchzen unter.

„Wir lassen den beiden einfach etwas Zeit und gehen es ruhiger mit den Überraschungen an“, fuhr Mama fort.

Toni sah sie erschrocken an: „Heißt das, du kommst nicht mehr?“

„Nein, natürlich komme ich weiterhin zu dir. Aber wir lassen ein paar Tage vergehen, bevor wir noch einen Versuch starten.“

„Das bringt doch alles nichts!“, sagte Toni und schnäuzte sich. „Kannst du dich Papa und Martin nicht auch einfach zeigen? Vielleicht hilft das, damit sie wieder normal werden.“

„Das geht leider nicht, Anton“, erklärte Mama. „Die beiden sind noch nicht so weit. Ihre Herzen sind noch so verschlossen, dass sie mich nicht sehen könnten.“

„Na toll“, seufzte Toni, „Martins Herz ist aus Stein, seitdem du tot bist. Um da irgendwas zu öffnen, brauchst du einen Panzer! Der Nikolausstiefel steht immer noch vor seiner Tür. Er hat ihn sich nicht einmal angesehen. Und an seinem Adventskalender sind auch noch alle Tüten zu.“

„Willst du aufgeben?“, fragte Mama.

Er wischte sich die Tränen weg, dann schüttelte er den Kopf.

„Natürlich nicht“, sagte er dann, „aber bis Heiligabend sind es nur noch siebzehn Tage und jeder Tag, der vergeht, bringt uns näher an den Tag, an dem du gestorben bist. Ich glaube nicht, dass Papa und Martin da plötzlich Weihnachtsgefühle bekommen werden.“

„Ich lasse mir etwas einfallen, Anton!“, antwortete Mama. „Und jetzt versuch zu schlafen!“

Toni schlang die Arme um ihren Hals und flüsterte: „Kannst du mir eine Geschichte vorlesen? So wie früher.“

„Das mach ich sehr gerne“, sagte sie und nahm ein Buch aus dem Regal. Gemeinsam kuschelten sie sich unter die Decke und Mama begann zu lesen. Toni schloss die Augen und stellte sich vor, dass tatsächlich alles wie früher war – vor Mamas Tod.

Adventskalender 2018

12. Dezember

Als er am nächsten Morgen ins Bad gehen wollte, wäre er beinahe über einen seiner Winterstiefel gestolpert, der vor seiner Zimmertür stand.

„Wie kommt der denn hier her?“, murmelte Toni.

Er nahm den Stiefel und sah, dass er bis oben hin mit Schokolade, Mandarinen und Nüssen gefüllt war. Deswegen war Mama letzte Nacht nicht zu ihm gekommen! Er schaute den Flur hinunter. Auch vor Martins Tür und vor dem Schlafzimmer standen befüllte Stiefel.

Toni rannte los. Ohne anzuklopfen stürmte er in Papas Zimmer und rief: “Der Nikolaus war da!“

Papa schreckte hoch und sah ihn verwirrt an: „Was sagst du da?“

„Komm schnell, Papa!“, rief Toni, zog ihn am Ärmel seines Pyjamas und hielt ihm seinen Winterstiefel vor die Nase. „Heute Nacht war der Nikolaus da und hat uns Geschenke gebracht! Für dich steht auch ein Stiefel draußen.“

Papa stand auf und folgte Toni in den Flur.

„Tatsächlich“, staunte er.

Nachdem er den Inhalt seines Stiefels begutachtet hatte, legte er einen Arm um Tonis Schultern und führte ihn zurück ins Schlafzimmer. Dort setzten sie sich nebeneinander aufs Bett.

„Du gibst dir wirklich sehr viel Mühe“, sagte Papa.

„Damit hab ich nichts zu tun“, widersprach Toni.

„Ja, natürlich!“ Papa bedachte ihn mit einem wissenden Blick. „Aber lassen wir jetzt mal die Kindereien, Toni. Ich denke, wir müssen uns endlich ernsthaft über die ganze Sache unterhalten.“

„Was meinst du?“ Toni rutschte nervös auf der Bettkante hin und her.

„Versteh mich nicht falsch, mein Junge“, sagte Papa, „ich finde es wirklich rührend, wie du versuchst, ein wenig Weihnachtsstimmung ins Haus zu zaubern. Aber ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin. Und Martin ist ganz sicher noch nicht so weit. Du merkst ja selbst, dass dein Bruder noch immer etwas neben der Spur ist. Vielleicht kommt Weihnachten dieses Jahr noch zu früh für uns.“

Toni spürte einen Kloß im Hals. Was, wenn Mama ihn nicht mehr besuchen würde, wenn Papa die Weihnachtsüberraschungen verbot?

„Martin verletzt es sehr, wenn wir die Adventszeit so an die große Glocke hängen“, fuhr Papa fort.

In Tonis Bauch brodelte es wie in einem Vulkan. Glühendheißer Zorn stieg in ihm hoch.

„Du solltest etwas mehr Rücksicht auf seine Gefühle nehmen.“

Peng! Jetzt reichte es aber!

„Ich soll Rücksicht auf Martin nehmen? Soll das ein Witz sein?“, presste Toni hervor. So hatte er noch nie mit Papa geredet, aber jetzt konnte er nicht mehr an sich halten.

„Und wer nimmt Rücksicht auf mich und meine Gefühle? Martin ist seit fast einem Jahr nur noch gemein zu mir, er gibt mir schlimme Namen und du tust nichts dagegen. Du tust sowieso überhaupt nichts mehr! Ihr behandelt mich wie ein Baby, als wäre ich zu blöd zu kapieren, dass Mama tot ist. Aber wenn es um Weihnachten geht, dann soll ich mich plötzlich erwachsen verhalten?“

„Toni, so war das doch nicht gemeint. Beruhige dich!“

„Nein Papa, ich hab das alles so satt!“, rief Toni und sprang auf. „Es geht immer nur um dich und Martin. Mir fehlt Mama auch. Ich will über sie reden. Ich will mich an sie erinnern – jeden Tag, und besonders an Weihnachten! Aber ihr interessiert euch nur für euch und dafür, was ihr wollt. Martin bin ich sowieso scheißegal! Und dir anscheinend auch!“

Papa sah Toni fassungslos an, sagte jedoch kein Wort.

„Meine Lehrerin sagt immer: Keine Antwort bedeutet Zustimmung“, flüsterte Toni und ging.

Martin stand feixend in seiner Zimmertür: „Du hast recht, Schwachkopf! Du bist mir wirklich scheißegal. Genauso wie dein dämlicher Weihnachtsmüll. Du willst nicht behandelt werden wie ein Baby? Dann verhalt dich auch nicht so! Weiß doch jeder Idiot, dass du letzte Nacht den Nikolaus gespielt hast.“

Damit schlug Martin ihm die Tür vor der Nase zu.

„Wenn du wüsstest!“, murmelte Toni und streckte der verschlossenen Tür die Zunge heraus.

Adventskalender 2018

11. Dezember

Toni atmete tief durch. Sanft strich er über die goldene Kordel und brachte damit die Tüten zum Hüpfen. Mama hatte jede rot angemalt und die Zahlen aus goldenem Tonpapier ausgeschnitten. Mit zittrigen Fingern griff Toni in die fünfte Tüte. Darin befand sich ein durchsichtiges Röhrchen mit Sand. Toni runzelte die Stirn. Dann sah er den kleinen Zettel, der an dem Röhrchen befestigt war. Sternenstaub stand darauf. Toni musste schmunzeln. Mama schien Martins Wutausbruch gestern tatsächlich gehört zu haben.

Wie aufs Stichwort tauchte sein Bruder in der Tür auf.

„Was ist das denn?“, fragte er.

„Toni hat für uns alle Adventskalender gebastelt“, antwortete Papa und setzte sich mit einer Tasse Kaffee an den Küchentisch.

„Aha“, grunzte Martin und setzte sich ebenfalls, ohne Toni oder die Kalender eines Blickes zu würdigen.

„Willst du nicht reinschauen?“, fragte Toni.

„Ich habs dir schon mal gesagt, lass mich mit deinem blöden Weihnachten in Ruhe!“

„Ich hab dir extra einen mit Eisbären gemacht“, startete Toni noch einen Versuch.

„Bist du taub oder was?“, fuhr Martin ihn an. „Ich hab keinen Bock auf deinen scheiß Kinderkram! Und deine blöden Viecher kannst du dir sonst wohin schieben!“

Toni ballte die Fäuste. Die ganze Arbeit umsonst. Stundenlang hatte er die Tüten blau bemalt und mit Deckweiß liebevoll Eisbären darauf gekleckst, für nichts und wieder nichts! Am liebsten hätte er seinem Bruder das Röhrchen mit dem Sternenstaub an den Kopf geworfen, aber auch das wäre die reinste Verschwendung gewesen. Stattdessen sah er zu Papa hinüber, doch der zuckte nur mit den Schultern und vertiefte sich in seine Zeitung.

Die Lust auf Frühstück war Toni vergangen. Er ging zurück in sein Zimmer, um sich für die Schule anzuziehen, und knallte die Tür hinter sich zu.

In dieser Nacht lag Toni lange wach und wartete auf Mama, aber sie kam nicht. Wahrscheinlich hat Martin sie mit seinem ständigen Gemecker vergrault, dachte Toni mit Tränen in den Augen. Die Wut auf seinen Bruder war so groß, dass er sich noch einige Zeit hin und her wälzte, ehe er endlich einschlief.

Adventskalender 2018

10. Dezember

Der Wecker klingelte um sechs Uhr dreißig. Toni schaltete seine Nachttischlampe ein und streckte sich. Als sein Blick auf den Schreibtisch fiel, bekam er sofort einen Kloß im Hals und sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Der Schreibtisch war ordentlich aufgeräumt, kein Papierschnipsel und kein Körnchen Glitzerpulver erinnerten an die nächtliche Bastelei mit Mama.

„Ich kann das doch nicht alles nur geträumt haben?“, murmelte Toni. „Bitte, bitte nicht!“

Er sprang aus dem Bett und lief die Treppe hinunter. Sein Herz raste, als er die Hand auf die Klinke legte und die Küchentür langsam öffnete.

Beinahe hätte er laut gejubelt. Neben dem Kühlschrank, direkt unter dem Wandkalender hingen die drei fertigen Adventskalender. Papas verzierte Tüten hingen an einer roten Kordel, Martins an einer grünen und seine eigenen an einer goldenen. Es war kein Traum! Sie war wirklich bei ihm gewesen!

„Danke, Mama!“, flüsterte Toni.

Dann entdeckte er eine weitere Überraschung. Auf dem Küchentisch stand ein kleiner Adventskranz mit vier weißen Kerzen. Toni holte eine Packung Streichhölzer und zündete eine der Kerzen an.

„Was ist denn hier los?“

Toni zuckte erschrocken zusammen. Papa stand in der Küchentür und sah mit großen Augen zwischen dem Adventskranz und den selbstgebastelten Kalendern hin und her.

„Hast du das gemacht?“, fragte er.

Toni nickte. Hoffentlich wurde Papa nicht wieder traurig und ging. Doch Papa blieb.

„Schön!“, sagte er, ging zu Toni und strich ihm über den Kopf.

„Willst du gleich mal schauen, was heute in deinem Adventskalender ist?“, fragte Toni.

Papa zögerte einen kurzen Moment. Doch dann nickte er und ging hinüber zum Kühlschrank.

„Der mit der roten Kordel ist deiner“, erklärte Toni.

Vorsichtig betastete Papa einige der verzierten Tüten.

„Die ersten vier Tütchen sind leer, aber ab heute wartet jeden Tag eine Überraschung auf dich“, wiederholte Toni das, was Mama ihm in der Nacht zuvor gesagt hatte.

Papa öffnete die Tüte mit der Fünf, auf die Toni eine große rote Sternschnuppe gemalt hatte, und zog eine Praline heraus. Genüsslich biss er hinein: „Mmmmh, Walnuss!“

Toni lächelte. Es war das erste Mal seit Langem, dass Papa nicht irgendwo saß und traurig vor sich hinstarrte.

„Was ist heute in deinem Kalender, Toni?“

„Ich hab noch nicht nachgesehen.“

„Aber du hast ihn doch selbst befüllt.“ Papa sah ihn erstaunt an.

Toni starrte auf den Boden und suchte nach einer Ausrede.

„Ich hab extra nicht geschaut, was ich in welche Tüte stecke“, sagte er schließlich.

„Dann sieh jetzt nach“, sagte Papa und schaltete die Kaffeemaschine ein.

Adventskalender 2018

9. Dezember

Auf Tonis Schreibtisch lagen bereits kleine weiße Papiertüten bereit, in die Mama früher ihre Pausenbrote eingepackt hatte. Jetzt mussten sie sich selbst darum kümmern. Martin konnte sich an seiner Schule wenigstens etwas am Pausenverkauf besorgen, doch Toni musste sich meist mit einer trockenen Breze vom Vorabend zufriedengeben, falls Papa es überhaupt geschafft hatte zum Bäcker zu gehen. Toni störte das nicht weiter. Zum Frühstück aß er eine große Schale Cornflakes und in der Schule hatte er dann nur selten richtig Hunger. Aber ihm fehlte das Gefühl, dass sich jemand um ihn kümmerte.

„Was hältst du davon“, fragte Mama und riss ihn damit aus seinen Gedanken, „wenn wir die Tüten anmalen und verzieren, bevor wir kleine Geschenke hineingeben?“

Tonis Augen strahlten. „Das ist eine großartige Idee!“, jubelte er.

„Ich werde mich um deinen Adventskalender kümmern“, sagte Mama, „damit du auch eine Überraschung hast. Fang du doch schon mal mit den Tüten für Papa und Martin an!“

Toni überlegte, ob Martin es überhaupt verdiente, dass er so etwas Schönes für ihn machte. Doch dann fielen ihm Mamas Worte ein, dass jeder von ihnen anders mit seiner Trauer umging.

„Ich könnte Martins Adventskalender mit Eisbären verzieren. Das sind doch seine Lieblingstiere“, sagte er schließlich.

Mama fuhr ihm lächelnd mit der Hand durch die Haare: „Darüber wird er sich mit Sicherheit sehr freuen.“

Mit Feuereifer machte Toni sich an die Arbeit. Hin und wieder warf er Mama einen verstohlenen Blick zu. Sie war vollkommen in ihr Tun vertieft und bemerkte gar nicht, dass er sie beobachtete. Eine der Haarsträhnen, die sie sich hinters Ohr geschoben hatte, hatte sich gelöst, so dass sie ab und an die Unterlippe vorschob, um sie sich aus dem Gesicht zu pusten. Diese Geste war typisch für Mama und Toni musste angesichts der Normalität, die davon ausging, schmunzeln. Der Streit mit Martin und seine Enttäuschung über Papas Teilnahmslosigkeit waren für den Moment in weite Ferne gerückt.

Als Toni mit dem Eisbärenkalender für seinen Bruder fertig war, bemalte er Papas Tüten mit Tannenbäumen, Schneemännern und Weihnachtskugeln, er beklebte sie mit Sternen aus goldenem Tonpapier und bestreute sie mit jeder Menge Glitzerpulver. Anschließend betrachtete er zusammen mit Mama sein Werk.

„Das hast du sehr schön gemacht, Anton!“, sagte sie und drückte ihn fest an sich. „Jetzt aber ab ins Bett mit dir! Morgen ist schließlich Schule!“

„Aber wir haben die Kalender doch noch gar nicht befüllt!“, protestierte Toni.

„Keine Sorge, das ist meine Aufgabe!“

Lächelnd schob Mama ihn zum Bett und wartete, bis er sich unter die Decke gekuschelt hatte.

„Ich denke, es ist besser, wenn du meinen Besuch vorerst für dich behältst, Anton“, sagte sie. Dann küsste sie ihn auf die Stirn.

„Ich bin so froh, dass du wieder da bist, Mama!“, murmelte Toni. Wenige Sekunden später war er eingeschlafen.

Adventskalender 2018

8. Dezember

„Martin ist ein richtiges Ekel“, brach es aus Toni heraus. „Er ist nur noch gemein zu mir und sagt schlimme Sachen. Und Papa spricht fast gar nicht mehr mit uns und Weihnachten will er auch nicht feiern. Irgendwie ist ihm alles egal. Manchmal glaube ich, dass die beiden gar nicht richtig traurig darüber sind, dass du gestorben bist. Nicht so traurig wie ich.“

„Jeder Mensch geht anders mit seiner Trauer um, Anton“, sagte Mama und nahm seine Hand. „Martin ist wütend auf alles und jeden. Auf Papa, auf dich, sogar auf sich selbst, weil ihr alle nicht verhindern konntet, dass ich sterbe.“

„Er sagt auch schlimme Sachen über dich.“

„Auf mich ist er auch wütend, weil er sich von mir allein gelassen fühlt. Dein Bruder weiß nicht, wie er damit umgehen soll. Also wird er sauer. In Wahrheit leidet er genauso wie du.“

„Ich finde er redet Blödsinn!“, protestierte Toni.

„Das hast du auch vor meinem Tod schon gedacht“, sagte Mama und lachte.

Toni war sich nicht sicher, ob er das lustig fand, aber ihr Lachen steckte ihn an.

„Und Papa?“, fragte er schließlich. „Hat er uns nicht mehr lieb?“

„Oh doch!“, antwortete Mama. „Euer Vater liebt euch sehr. Erinnerst du dich noch, als Martin dich vor ein paar Jahren in die Abstellkammer gesperrt hat?“

Toni nickte. Es war schrecklich dunkel in der blöden Kammer gewesen. Blindlings hatte er sich bis zur Tür vorgetastet, nur um festzustellen, dass sie verschlossen war. Er hatte mit den Fäusten dagegen gehämmert und geschrien, aber seine Eltern hatten ihn nicht gehört.

„Ich hatte solche Angst, nie wieder dort rauszukommen!“

„Genau so geht es Papa auch gerade“, sagte Mama. „Nur dass er nicht in der Abstellkammer eingesperrt ist, sondern in seinem Körper, mit all seinen trüben Gedanken.“

„Klingt logisch“, sagte Toni. Mama wuschelte ihm durch die Haare und lächelte.

„Ich mache mir ein bisschen Sorgen um Papa“, meinte sie nach einer Weile. „aber jetzt bin ich ja hier, um euch aufzuheitern, und am besten fangen wir gleich damit an!“

„Wir?“

„Ich dachte, du hilfst mir dabei, wo du doch genauso vernarrt in Weihnachten bist wie ich. Bis Heiligabend ist noch viel zu tun. Wir sollten also keine Zeit verlieren!“

„Klar helfe ich dir!“, rief Toni und sprang aus dem Bett. „Womit fangen wir an?“

„Morgen ist zwar schon der 5. Dezember“, antwortete Mama, „aber ich denke, es ist noch nicht zu spät für Adventskalender.“

Adventskalender 2018

7. Dezember

Toni erwachte, weil etwas über sein Gesicht strich wie ein warmer Sommerwind. Das bunte Blinken der Lichterkette durchzuckte die Dunkelheit. Der Wecker auf seinem Nachttisch verriet ihm, dass es noch nicht einmal zwei Uhr morgens war. Toni gähnte. Normalerweise wurde er nicht mitten in der Nacht wach. Gerade wollte er sich umdrehen und weiterschlafen, als jemand seinen Namen flüsterte: „Anton!“

Tonis Herz begann zu rasen. Es hatte nur einen Menschen gegeben, der ihn immer Anton genannt hatte.

„Mama?“

Auf seiner Bettdecke leuchtete ein winzig kleiner goldener Punkt auf. Nicht größer als ein Glühwürmchen. Toni sah zu, wie das Licht langsam anwuchs, bis schließlich sein ganzes Zimmer von einem goldenen Strahlen erfüllt war. Er musste seine Augen mit der Hand abschirmen, um nicht geblendet zu werden. Als das Leuchten wieder etwas nachließ, saß eine Frau auf seiner Bettkante. Sie war ganz in Weiß gekleidet und ihre rötlichen Haare fielen ihr in sanften Wellen auf die Schultern. Sie lächelte und ihre grünen Augen strahlten. Es bestand kein Zweifel!

„Mama!“, rief Toni und wollte sich ihr in die Arme werfen. Doch plötzlich hielt er inne.

„Kann ich dich überhaupt anfassen?“, fragte er.

„Natürlich“, antwortete sie und zog ihn fest an sich. Toni vergrub sein Gesicht an ihrem Hals und atmete tief ein. Mama roch genauso wie früher.

Toni löste sich aus ihrer Umarmung und starrte ungläubig in ihr Gesicht. Alles war wie immer. Die feinen Sommersprossen auf ihrer Nase. Die Grübchen, wenn sie lächelte. Sogar die feinen Fältchen um ihre Augen waren noch da.

„Das muss ein Traum sein!“, flüsterte er. Er kniff die Augen zusammen und zwickte sich mehrmals fest in den Arm. Der Schmerz war deutlich zu spüren.

Als er die Augen wieder öffnete, saß Mama ihm noch immer gegenüber. Lachend strich sie ihm durchs Haar.

„Das ist kein Traum, mein Liebling! Du hast mich gebeten zu kommen. Und hier bin ich!“

„Bist du ein Engel?“, fragte Toni.

„So könnte man es wohl sagen“, antwortete sie.

„Und wie lange bleibst du?“

Sie zuckte die Achseln: „So lange, wie es nötig sein wird.“

„Für immer? Kannst du nicht einfach für immer bleiben?“

„Nein, Anton!“ Sie schüttelte den Kopf und für einen kurzen Moment sah sie ein bisschen traurig aus. „Das geht leider nicht. Aber ich werde so lange bleiben, bis hier wieder alles seinen geregelten Gang geht. Das verspreche ich dir!“

„Seitdem du weg bist, ist alles so schrecklich. Papa und Martin benehmen sich, als wären sie gar nicht mehr sie selbst.“

„Ich weiß“, sagte sie.

„Du weißt es? Woher?“ Toni sah sie mit weit aufgerissenen Augen an.

„Weil ich nicht wirklich weg bin. Ihr könnt mich zwar nicht mehr sehen, aber ich bin immer bei euch. Ich sitze mit euch am Küchentisch, ich wache über euren Schlaf. Und natürlich sehe ich auch, wie schlecht es euch geht.“

Adventskalender 2018

6. Dezember

Tonis Herz setzte beinahe einen Schlag aus. Würmer? Das konnte doch nicht Martins Ernst sein?

„Mama ist jetzt im Himmel und der liebe Gott passt auf sie auf“, sagte er.

Martin verdrehte die Augen: „Na toll, der kleine Schwachkopf meldet sich auch noch zu Wort!“

„Nenn mich nicht so!“, flüsterte Toni. Er war kurz davor, in Tränen auszubrechen, kämpfte sie aber nieder.

„Du denkst also, dass Mama im Himmel ist?“, lachte Martin. „Sitzt sie dort auf einer Wolke und wirft nachts Sternenstaub auf dich?“

Tante Rita schnappte nach Luft, sagte aber nichts. Niemand sprang Toni bei.

„Und dein lieber Gott“, fuhr Martin fort, „wenn es den tatsächlich gäbe, dann hätte er schon auf Mama aufgepasst, als sie noch am Leben war. Dann hätte er sie gar nicht erst krank werden lassen.“

Martin hieb bei jedem Wort mit der Faust auf den Tisch. Mittlerweile schrie er: „Mama ist tot. TOT! Es gibt keinen Gott! Hörst du, was ich sage? Es gibt keinen scheiß Gott!“

„Jetzt reicht es aber!“, rief Onkel Fred, der neben Martin saß, und schlug ihm mit der flachen Hand in den Nacken.

Toni riss erschrocken die Augen auf. Martins Kopf ruckte von dem Schlag nach vorne, ansonsten zeigte er keine Reaktion.

„So redet man erstens nicht mit seinem Bruder“, polterte Onkel Fred, „und zweitens spricht man nicht so respektlos von Gott.“

Martins Wangen glühten, seine Hände waren zu Fäusten geballt. Hilfesuchend sah er zu Papa hinüber. Doch der saß nach wie vor regungslos da. Toni war sich nicht sicher, ob er die Aufregung der letzten Minuten überhaupt mitbekommen hatte.

Martin sprang auf. Sein Stuhl schrammte quietschend über den Küchenboden.

„Leckt mich doch alle!“, schrie er. Dann stürmte er aus der Küche.

„Also sowas!“, murmelte Tante Rita und tätschelte Onkel Freds Arm.

„Das wirst du dem Jungen hoffentlich nicht durchgehen lassen!“, sagte der an Papa gewandt.

Papa schien endlich aus seiner Starre zu erwachen. Er strich Toni liebevoll übers Gesicht. Dann sah er Onkel Fred und Tante Rita lange an.

„Ich denke, es ist besser, wenn ihr jetzt geht“, sagte er schließlich. „Das ist momentan alles etwas viel für uns.“

Onkel Fred wirkte enttäuscht. Dennoch standen die beiden ohne weitere Diskussion auf und gingen in den Flur, um sich ihre Mäntel anzuziehen. Papa begleitete sie.

Toni blieb am Küchentisch sitzen. Sein Kopf dröhnte. All die schlimmen Sachen, die Martin gesagt hatte, schwirrten darin herum: An welchem bekackten Ort soll es denn besser für sie sein als hier bei uns? Dafür wird sie jetzt von Würmern zerfressen. Es gibt keinen scheiß Gott!

Wenn Mama noch da wäre, hätte Martin sowas nie gesagt. Gut, dann hätte er auch keinen Grund gehabt, so auszurasten, das war Toni klar. Aber selbst wenn es einen gegeben hätte, hätte er niemals so reagiert. Mit Mama waren sie eine richtige Familie gewesen, in der sich alle lieb hatten und für böse Worte kein Platz war. Ohne sie war alles anders und alles war irgendwie schlecht. Toni legte den Kopf auf den Küchentisch, schloss die Augen und stellte sich vor, dass Mama neben ihm saß.

„Bitte komm zurück!“, flüsterte er. „Ich weiß ja, dass das nicht geht, aber du fehlst mir so! Und bitte mach, dass Papa und Martin wieder normal werden!“

Tränen rannen ihm über das Gesicht und sickerten in das Tischtuch. Plötzlich breitete sich eine seltsame Wärme auf seinem Rücken aus, die erst von oben nach unten und dann wieder zurück nach oben wanderte. So als würde Mama ihn streicheln, wie sie es früher immer gemacht hatte, wenn er nach dem Abendbrot so müde war, dass er beinahe im Sitzen einschlief. Toni genoss das Gefühl und wäre am liebsten ewig so sitzen geblieben. Doch auf einmal kam es ihm so vor, als wäre er nicht mehr allein in der Küche.

„Mama, bist du das?“, fragte er. Er bekam keine Antwort, aber das Streicheln auf seinem Rücken ließ nicht nach.

Toni riss die Augen auf und drehte sich blitzschnell um. Der Platz neben ihm war noch immer leer und auch sonst befand sich niemand mit ihm in der Küche. Enttäuscht atmete Toni tief durch. Das Gefühl auf seinem Rücken war verschwunden. Er hatte sich alles nur eingebildet!

Als er sich später in sein Bett legte, kuschelte er sich ganz fest an Mamas Pullover. Die bunte Lichterkette an seinem Fenster blinkte ihn in den Schlaf.

Adventskalender 2018

5. Dezember

Zwei Tage später war Papas Geburtstag. Wie jedes Jahr hatten sich Onkel Fred, Papas Bruder, und Tante Rita, Freds Frau, zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Toni hatte den Tisch gedeckt, während Martin zur Bäckerei geradelt war. Papa hatte sich den ganzen Tag in seinem Büro verschanzt und war ihnen keine Hilfe gewesen.

Jetzt saßen sie zu fünft um den Küchentisch. Der Platz neben Toni blieb leer. Letztes Jahr hatte Mama noch dort gesessen. Abgemagert und sehr schwach hatte sie ausgesehen. Toni wusste damals nur, dass sie einen Krebs im Bauch hatte, darunter vorstellen konnte er sich nichts. Mama hatte ihm aber erklärt, dass ihre Krankheit nichts mit dem Tier zu tun hatte.

Tante Rita und Onkel Fred erzählten gerade von ihrem geplanten Urlaub. Karibik. Zwei Wochen. Direkt nach den Weihnachtsfeiertagen. Man musste schließlich mal rauskommen.

„Täte euch bestimmt auch gut“, flötete Tante Rita und schickte ihr schrilles Lachen hinterher.

Papa starrte auf seinen Teller. Er hatte noch kein Wort gesagt, seitdem der Besuch da war. Selbst die Umarmungen zur Begrüßung und die Glückwünsche hatte er schweigend über sich ergehen lassen.

Martin stocherte mit der Gabel in seinem Kuchen. Er hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gesogen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er versuchte, seine Wut im Zaum zu halten.

Toni mochte Onkel Freds Geschichten eigentlich, doch heute gingen sie selbst ihm auf die Nerven. Außerdem machte ihn die seltsam angespannte Stimmung nervös. Was, wenn Martin wieder ausrastete, oder Papa wie so oft in letzter Zeit einfach aufstand und ging?

„Übrigens“, sagte Tante Rita zwischen zwei Gabeln Sahnetorte, „der Kuchen schmeckt ganz ausgezeichnet. Ist der selbstgebacken?“

Martin warf ihr einen giftigen Blick zu. „Nein, gekauft! Wer soll den auch gebacken haben?“, zischte er.

Tante Rita sah zu Mamas leerem Platz hinüber.

„Natürlich“, murmelte sie.

Eine unangenehme Stille senkte sich über den Kaffeetisch, nur unterbrochen vom Klappern des Geschirrs.

Nach einer Weile fügte Tante Rita hinzu: „Eure Mama ist jetzt an einem besseren Ort.“

Martin ließ die Gabel in seinen zermatschten Kuchen fallen.

„Was soll das denn heißen?“, fragte er. „An welchem bekackten Ort soll es denn besser für sie sein als hier bei uns?“

Tante Rita starrte Martin mit offenem Mund an. Dann wanderte ihr Blick zu Papa. Sie erwartete wohl, dass der seinem Ältesten eine klare Ansage machte. Doch Papa sagte nichts. Er rührte sich nicht einmal.

„Das sagt man eben so“, wandte sie sich nun selbst an Martin, „weil sie keine Schmerzen mehr hat.“

„Stimmt!“, giftete Martin. „Dafür wird sie jetzt von Würmern zerfressen.“

Adventskalender 2018

4. Dezember

Martin schlug die Hände vors Gesicht. Als er Toni ansah, war der Zorn von vorhin wieder da.

„Du bist so ein Vollidiot!“, rief er. „Warum kannst du nicht einmal deine Klappe halten?“

Toni senkte den Blick.

„Dieses ganze dämliche Gelaber über Weihnachten!“, fuhr Martin ihn an. „Aber damit nicht genug! Nein, Herr Superschlau muss auch noch mit Mama anfangen. Wie bescheuert bist du eigentlich?“

„Ich wollte nur …“, stammelte Toni.

„Ich, ich, ich!“, äffte Martin ihn nach. „Das ist genau das Problem, dass du immer nur an dich denkst. Wie ein kleines Baby! Hast du schon mal überlegt, wie es Papa und mir damit geht?“

Toni starrte weiter auf das Tischtuch und knetete seine Finger.

Martin wertete sein Schweigen als Aufforderung, noch mehr Dampf abzulassen: „Ich habs dir heute schon mal gesagt, Mama hat uns im Stich gelassen und deswegen wollen Papa und ich nichts mehr von dem Thema hören.“

„Aber das stimmt doch gar nicht“, brach es aus Toni heraus. „Mama hat uns nicht im Stich gelassen!“

„Ist sie noch hier?“, fragte Martin gereizt.

Tonis Unterlippe began zu zittern. Wieder senkte er den Blick.

„Siehst du“, sagte Martin, „sag ich doch! Sie ist weg und wir müssen uns jetzt allein durchschlagen. Also hat sie uns im Stich gelassen. Oder wie würdest du das nennen?“

Toni hätte seinem Bruder gern gesagt, dass er sein Gerede für totalen Schwachsinn hielt, aber das traute er sich nicht. Stattdessen zuckte er nur die Achseln.

Martin hatte sich wieder etwas beruhigt und lehnte sich zu ihm über den Küchentisch: „Was findest du überhaupt so toll an diesem blöden Weihnachten?“

„Ich weiß nicht“, sagte Toni, „irgendwie alles. Die vielen Lichter, den besonderen Geruch, die Weihnachstlieder im Radio. Und dass alles so gemütlich ist. Früher mochtest du es doch auch!“

„Ja, früher!“, sagte Martin. „Aber mittlerweile hasse ich es.“

„Denkst du nicht“, fragte Toni, „wir könnten versuchen, an Weihnachten besonders an Mama zu denken, statt es aus unserem Leben zu streichen?“

Martin seufzte. Es war das typische Du-bist-wirklich-zu-dumm-Seufzen. Dann stand er auf und ging hinüber zu dem Wandkalender, der neben dem Kühlschrank hing. Er tippte mit dem Finger auf den 24. Dezember und sah Toni dabei tief in die Augen: „Das ist der schlimmste Tag in meinem Leben. Am liebsten wäre mir, wenn es diesen Tag einfach nicht mehr gäbe. Und Papa geht es genauso. Wenn das für dich anders ist, okay, dein Ding! Aber nimm wenigstens Rücksicht auf uns!“

Toni sah Martin hinterher, als dieser die Küche verließ. Dann ging er selbst hinüber zum Kalender. Lange starrte er auf die Vierundzwanzig, bis die beiden Ziffern vor seinen Augen verschwammen. Dieses Mal versuchte er gar nicht erst, die Tränen wegzuwischen. Sie liefen ihm über die Wangen und tropften auf den Küchenboden.

„Ich vermisse dich auch, Mama“, flüsterte er. „Aber ich kann Weihnachten trotzdem nicht hassen.“

Er lauschte in die Stille, bekam aber keine Antwort. Toni legte den Finger auf den Kalender und strich zärtlich über das Wort Heiligabend. An diesem Tag war Mama letztes Jahr gestorben.

Adventskalender 2018

3. Dezember

Als Toni in die Küche kam, saßen Papa und Martin am Frühstückstisch. Papas Gesicht verbarg sich hinter der ausgebreiteten Sonntagszeitung, obwohl er in letzter Zeit meist nur auf die Bilder und Buchstaben starrte, ohne viel vom Inhalt mitzubekommen.

Martin hing über einer Schale Cornflakes und fixierte missmutig die matschige Milchpampe.

„Guten Morgen“, murmelte Toni.

„Guten Morgen, Toni“, antwortete Papa, ohne die Zeitung sinken zu lassen. Martin sagte nichts.

Toni ließ seinen Blick über den Küchentisch schweifen, der nur mit dem Nötigsten gedeckt war. Einen Adventskranz suchte er vergeblich.

Er wusste, dass Weihnachten ein heikles Thema war. Dennoch musste er endlich einen Vorstoß wagen. Während er sich ein Butterbrot schmierte, nahm er all seinen Mut zusammen und fragte: „Papa, an meinem Fenster hängt noch die Lichterkette vom letzten Jahr. Darf ich sie einschalten, sobald es dunkel wird?“

Martin warf ihm einen ungläubigen Blick zu und tippte sich mit dem Löffel an die Stirn. Papa legte die Zeitung zur Seite und sah Toni lange an.

„Wenn du das gerne möchtest“, sagte er schließlich.

Martin schnaubte, doch Papa schien es nicht zu bemerken.

Das ging ja besser als erwartet, dachte Toni. Gerade als Papa die Zeitung wieder ausbreiten wollte, schob er daher die nächste Frage hinterher: „Und meinst du, wir können dieses Jahr auch wieder einen Weihnachtsbaum aufstellen? Nur einen kleinen?“

Martin riss entsetzt die Augen auf. Und auch Papa schien mit dieser Frage nicht gerechnet zu haben. Wie vom Donner gerührt saß er da.

„Ich weiß nicht, Toni“, sagte er nach einer Weile und seine Stimme hörte sich traurig an. „Vielleicht kommt das doch noch etwas zu früh.“

„Aber ohne Baum ist es gar kein richtiges Weihnachten“, hakte Toni nach. „Mama hätte …“

„Genug, Toni!“, sagte Papa streng und stand ruckartig auf. In der Küchentür drehte er sich noch einmal um.

„Ich werde darüber nachdenken“, sagte er etwas versöhnlicher, bevor er ging.

Adventskalender 2018

2. Dezember

„Sag mal, spinnst du?“

Erschrocken riss Toni die Augen auf. Martin stand an seinem Bett und hatte ihm die Bettdecke weggerissen. Wütend funkelte er ihn an.

„Was ist denn los?“, fragte Toni gähnend und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

„Was los ist? Du fragst allen Ernstes, was los ist?“, fauchte Martin. Seine Wangen waren gerötet und seine Unterlippe bebte. Instinktiv zog Toni den Kopf ein. Sein Bruder war dreizehn und somit fünf Jahre älter und dementsprechend kräftiger als er. Früher waren sie ein Herz und eine Seele gewesen, doch nach allem, was passiert war, hatte Martin sich sehr verändert und manchmal hatte Toni richtig Angst vor ihm.

„Das ist los!“, knurrte Martin nun und zeigte mit dem Finger auf Tonis Fenster. Draußen war es bereits hell, doch die Lichterkette blinkte noch immer abwechselnd in grün, blau, pink, orange und rot.

Toni dämmerte langsam, was seinen Bruder so auf die Palme brachte.

„Ich dachte doch nur, weil heute der erste Advent ist …“, flüsterte er.

„Du dachtest?“, schnitt Martin ihm das Wort ab. „Du hast überhaupt nicht gedacht! Sonst hättest du diese verdammten Lichter niemals eingeschaltet!“

Toni senkte den Blick. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

Martin ging zum Fenster und riss den Stecker aus der Steckdose. Augenblicklich erloschen die bunten Lichter.

„Was sollen denn die Nachbarn von uns denken, wenn du hier so eine Scheiße veranstaltest?“, zischte er und warf Toni einen weiteren wütenden Blick zu.

Toni war es reichlich egal, was die Nachbarn dachten. Natürlich wusste er, dass sie Papa, Martin und ihn neugierig beäugten und hinter vorgehaltener Hand mitleidig über sie tuschelten. Allerdings glaubte er nicht, dass sie sich an ein bisschen Weihnachtsdekoration stören würden, noch dazu jetzt, in der Adventszeit. Alle schmückten ihre Häuser und Gärten. Warum sollten sie das nicht tun dürfen? Sie trugen doch keine Schuld an dem, was passiert war.

Toni beobachtete, wie Martin aus dem Fenster starrte. Sein Blick ging ins Leere.

Obwohl er sich nicht sicher war, ob sein Bruder ihn überhaupt hörte, sagte Toni: „Mama würde meine Lichterkette gefallen.“

Martin fuhr herum und packte ihn am Kragen. Sein Mund war nur wenige Zentimeter von Tonis Gesicht entfernt.

„Mama ist aber nicht mehr hier!“, brüllte er. „Sie hat uns im Stich gelassen und wird nie wieder zurückkommen. Aber das scheinst du dämlicher Affe ja nicht zu kapieren!“

Toni starrte seinen Bruder erschrocken an. So plötzlich wie Martin ihn angegriffen hatte, ließ er jetzt wieder von ihm ab. Tonis Kopf sackte gegen die Wand. Während er sich zurück in die Kissen sinken ließ, stürmte Martin bereits aus dem Zimmer. Das Knallen der Tür hallte noch eine Weile in Tonis Ohren nach. Ebenso wie die harschen Worte.

Natürlich wusste er, dass Mama nicht wieder zurückkommen würde. Aber durften sie deswegen nie wieder Weihnachten feiern?

Toni schob eine Hand unter das Kissen und zog Mamas grauen Lieblingspullover hervor. Er schloss die Augen und drückte sein Gesicht in die kuschelige Wolle, wie er es jeden Tag mindestens einmal tat. Wenn er tief einatmete, konnte er sie noch ganz schwach riechen. Er wusste, dass ihr Geruch mehr und mehr verblassen und irgendwann ganz verschwinden würde. Immerhin war sie seit fast einem Jahr nicht mehr da.

„Sie hat uns nicht im Stich gelassen“, flüsterte er und drückte den Pullover noch fester an sich.

Adventskalender 2018

1. Dezember

Kleine Schneeflocken wirbelten durch die Dunkelheit und setzten sich an die Fensterscheibe, wo sie schmolzen und plötzlich nicht mehr waren als Regentropfen.

Ab und zu fuhr unten auf der Straße ein Auto vorbei und ließ Schneematsch unter seinen Reifen aufspritzen. Es war noch zu warm und der Schnee würde mit Sicherheit nicht lange liegen bleiben.

Toni lag in seinem Bett, beobachtete wie die geschmolzenen Flocken in zarten Rinnsalen an der Scheibe hinabrannen und lauschte. Im Haus war alles still. Alle schienen zu schlafen. Toni schob die Bettdecke weg und schwang die Beine aus dem Bett. Auf Zehenspitzen tapste er hinüber zum Fenster und legte die Stirn an das kühle Glas. Die Schneetröpfchen verschwammen vor seinen Augen zu einem glitzernden Vorhang. Mit der Hand fuhr er am Fensterrahmen entlang, wo noch immer die Lichterkette vom letzten Jahr befestigt war und auf ihren neuerlichen Einsatz wartete. Normalerweise verstauten sie alle Weihnachtsdekorationen Ende Januar wieder in den dafür vorgesehenen Kisten und Papa trug sie in den Keller hinunter. Doch dieses Jahr war alles anders gewesen und an die Lichterkette in seinem Zimmer hatte niemand gedacht. Toni tastete nach ihrem Kabel und wiegte es in der Hand. Morgen war der erste Advent und ein wenig weihnachtliche Stimmung konnte bestimmt nicht schaden. Seine Lichterkette würde dieses Jahr ohnehin die einzige Weihnachtsdekoration im ganzen Haus bleiben. Als er den Stecker in die Steckdose steckte, flammten unzählige bunte Lichter auf und blinkten um die Wette. Die Schneetröpfchen an der Fensterscheibe glitzerten nun in den Farben des Regenbogens. Ein warmes Gefühl breitete sich in Toni aus. Die Weihnachtszeit war für ihn immer die schönste Zeit des Jahres gewesen. Doch zugleich schnürte es ihm auch die Kehle zu. Weihnachten, das Fest der Liebe. Würde es das bei ihnen jemals wieder geben? Tränen traten ihm in die Augen, die er hastig mit dem Handrücken wegwischte. Dann kroch Toni zurück ins Bett und zog sich die Bettdecke über den Kopf.

Kurzgeschichte

Verfolgt

Als das Licht ausging, erstarrte sie mitten in der Bewegung. Ihr angewinkeltes Bein hing reglos in der Luft. Ihre Hände – glitschig von der Bodylotion, die sie eben hatte auftragen wollen – begannen zu zittern. Sie lauschte in die Dunkelheit und obwohl sie nichts hören konnte, außer ihrem eigenen, laut pochenden Herzen, war sie sich sicher, dass sie nicht allein war. Das Kribbeln, das sie so sehr fürchtete, begann wie so oft in der letzten Zeit zuerst im Nacken. Kalter Schweiß brach ihr aus. Sie durfte auf keinen Fall ohnmächtig werden! Nicht auszudenken, was mit ihr geschehen würde, wenn sie jetzt die Kontrolle verlor. So leise wie möglich drückte sie sich in den Spalt neben dem Spind. Langsam rutschte sie an der kalten Wand entlang nach unten, bis ihr Po den Boden berührte. Sie kauerte sich zusammen und schlang die Arme um den nackten Körper. Sie hatte jegliche Orientierung verloren und somit auch keine Ahnung, wo der Feind lauerte. Falls es diesen überhaupt gab. Den Verdacht, der sich ihr seit Kurzem unaufhaltsam ins Herz eingepflanzt hatte, drängte sie zurück. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte! Oder spielte ihr nur der Zufall einen üblen Streich? Sie spähte hinter dem Spind hervor. In einiger Entfernung konnte sie einen feinen Lichtstrahl sehen, der sich seinen Weg durch den Schlitz unter der Tür bahnte. Außerhalb der fensterlosen Umkleide schien das Licht zu funktionieren. Also kein Stromausfall! Sie presste die Lippen aufeinander und hielt den Atem an.
Ein Luftzug strich über ihre Arme und Beine. Sie erschauerte. War gerade jemand in der Dunkelheit an ihr vorbeigelaufen? Wieder versuchte sie, sich auf jedes noch so kleine Geräusch zu konzentrieren. Vergeblich.
Sie fror. Dennoch wagte sie es nicht, sich zu bewegen. Das unangenehme Kribbeln hatte mittlerweile ihren Kopf erreicht. Obwohl sie nichts sehen konnte, hatte sie das Gefühl, als würde ihr jeden Moment schwarz vor Augen werden. Ihr Atem ging flach. Tränen stiegen in ihr auf. Wer spielte ihr so übel mit? Was hatte sie getan, dass jemand sie so sehr hasste?
Mit einem unerwartet lauten Rauschen sprang wenige Meter von ihr entfernt eine der Duschen an. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und unterdrückte mit Mühe einen Schrei. Schritte. Ein heiseres Kichern. Nun hatte sie Gewissheit. Jemand war mit ihr in der Umkleide. Jemand, der es nicht gut mit ihr meinte. Ihr Herz schlug nun so wild, dass sie kaum noch Luft bekam. Panisch drückte sie sich noch fester gegen die Wand. Gerade als sie kurz davor zu sein schien, den Verstand zu verlieren, flammten über ihr die grellen Neonröhren auf. Erleichtert stellte sie fest, dass sie allein war. Tränen liefen ihr über das Gesicht, als sie sich mühsam hochrappelte. Ihre Knochen schmerzten von der unnatürlichen Position, in der sie die letzten Minuten gefangen gewesen war. Achtlos schmierte sie sich die übrige Bodylotion, die sie noch immer an den Händen hatte, auf Bauch und Oberschenkel. Sie wollte nur noch hier raus! Auch ihre Nacktheit war ihr plötzlich unangenehm. Hastig suchte sie ihre Kleidungsstücke zusammen. Sie hielt inne. Wo war ihr Höschen? Sie war sich sicher, dass sie es vor dem Duschen ganz oben auf den Stapel gelegt hatte. Sie durchsuchte ihre Sporttasche und warf noch einmal einen Blick in den leeren Spind. Doch das weiße Spitzenhöschen blieb verschwunden. Sofort kroch ihr wieder die blanke Panik in die Knochen. Ihr Angreifer musste ihr vorhin sehr nah gekommen sein. So nah, dass es ihm gelungen war, eines ihrer Kleidungsstücke an sich zu nehmen. Sie musste hier raus! Ob mit oder ohne Unterwäsche. Hektisch zog sie ihre Jeans an. An ihrer Bluse schloss sie nur die Hälfte der Knöpfe, ohne dabei auf die richtige Reihenfolge zu achten. Die Socken warf sie achtlos in ihre Tasche, während sie barfuß in die Sneakers schlüpfte. Ihren Mantel versuchte sie sich im Hinauseilen anzuziehen. Doch als sie an den Duschen vorbeirannte, erregte etwas ihre Aufmerksamkeit. Im Augenwinkel sah sie etwas großes Rotes an der Wand, das dort nicht hingehörte. Sie blieb stehen und starrte in den weiß gekachelten Waschraum. Die Sporttasche rutschte ihr von der erschlafften Schulter und fiel mit einem lauten Knall zu Boden. Wieder presste sie die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. An einem der Duschköpfe baumelte ihr Höschen. Jemand hatte mit blutroter Farbe quer über die Wand das Wort HURE geschrieben. Tränen stiegen in ihr auf. Sie schnappte sich ihre Tasche und rannte, ohne sich noch einmal umzublicken, hinaus.

*****

Zwei Wochen zuvor
Anja kuschelte sich eng an Mirko, der noch immer schlief. Sie lauschte seinem gleichmäßigen Atem und strich sanft mit den Fingerspitzen über seine nackte Brust. Die Sonne sandte ihre Strahlen durch das Schlafzimmerfenster und tauchte die zerwühlten Laken in ein goldenes Licht. Anja streckte sich genüsslich und warf einen Blick auf den Radiowecker. Fast halb acht. Mirko blieb nicht mehr viel Zeit bis zu seiner Schicht im Cafe Rauschgold. Seufzend beugte Anja sich über ihn und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. Als er die Augen aufschlug, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Dann zog er sie fest an sich und küsste sie leidenschaftlich.
„Guten Morgen, meine Schöne!“, flüsterte er ihr ins Ohr.
Anja musste lachen. Wie immer, wenn er ihr eine dieser altmodisch anmutenden Liebeserklärungen machte. Sie schlang die Arme um seinen Hals und genoss für einen Moment die Wärme, die von seinem Körper ausging. Schließlich schob sie ihn sanft von sich weg: „Ich fürchte, du musst jetzt aufstehen. Deine Schicht fängt gleich an.“
Mirko seufzte theatralisch und ließ sich in die Kissen fallen. Als er sich auf einen Ellbogen stützte, schenkte er ihr sein breitestes Lächeln: „Na gut, wie du willst. Gib mir nur fünf Minuten, um mich frisch zu machen.“
Er schälte sich aus den Laken. Anjas Blick folgte seinem muskulösen, nackten Körper, bis er im Bad verschwunden war. Fünf Minuten später kam er in Jeans und einem weißen Hemd zurück ins Schlafzimmer. Die Haare hatte er fransig hochgegelt. Sein Anblick raubte ihr fast den Verstand und am liebsten hätte sie ihn zurück zu sich ins Bett gezogen.
„Genieß deinen freien Tag, Schatz“, sagte er, als er ihr zum Abschied einen Kuss auf den Haaransatz hauchte.
„Den könnte ich viel mehr genießen, wenn ich ihn weiterhin mit dir im Bett verbringen könnte“, schmollte sie.
Er grinste: „Dafür koch ich dir heute Abend zur Feier des Tages was Schönes und danach wirst du mit Sicherheit die ganze Nacht keinen Schlaf finden.“
Zur Feier des Tages. Anja fühlte sofort ein starkes Kribbeln im Bauch. Heute waren sie seit genau drei Monaten ein Paar und sie bereute keinen einzigen dieser einundneunzig Tage. Sehnsüchtig sah sie Mirko nach, als er in den Flur ging, um sich Schuhe und Jacke anzuziehen. Sie kuschelte sich in sein Kissen und atmete den Duft seines Rasierwasers ein.
Kaum war die Haustür hinter Mirko ins Schloss gefallen, klingelte Anjas Handy. Hatte er seine Schlüssel vergessen? Sie tastete nach dem Telefon und warf einen Blick auf das Display. Unbekannter Teilnehmer. Einen Moment überlegte sie, es klingeln zu lassen, dann drückte sie doch auf das grüne Annahmesymbol.
„Hallo?“
Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille. Anja warf erneut einen Blick auf das Display. Die Verbindung stand.
„Hallo?“
Wieder keine Reaktion. Doch Anja konnte ein leises Atmen hören.
„Wer ist denn dran?“ Langsam wurde sie ungeduldig.
Das Atmen wurde lauter, schneller. Schließlich war es ein obszönes Keuchen.
„Perverses Schwein!“, fauchte Anja und unterbrach die Verbindung. Ihr Herz raste und sie konnte fühlen, dass ihr Gesicht glühte. Angewidert warf sie das Handy quer durchs Zimmer. Dann zog sie sich die Bettdecke über den Kopf und versuchte sich zu beruhigen.

Obwohl sie den seltsamen Anruf von heute Morgen noch immer nicht ganz verdaut hatte, freute Anja sich sehr auf den bevorstehenden Abend mit Mirko. Sie hatte bereits den Tisch gedeckt und im gesamten Wohnzimmer unzählige Kerzen angezündet. Sie hatte sich ein verführerisches schwarzes Spitzenkleid angezogen. Die halterlosen schwarzen Strümpfe, die sie trug, hatte Mirko ihr zum Geburtstag geschenkt. Auf Unterwäsche hatte sie verzichtet. Als sie seinen Schlüssel im Schloss hörte, durchfuhr sie eine angenehme Hitze.
„Hallo Schatz! Ich hoffe, du hast schon Hunger“, rief er und bog sofort in die Küche ab. Sie konnte hören, wie er mehrere Einkaufstüten auf die Anrichte hievte. Auf Zehenspitzen schlich sie in die Küche und presste sich von hinten an ihn. Dabei umschlag sie seinen Oberkörper mit beiden Armen. Ohne sich aus ihrer Umarmung zu lösen, drehte er sich zu ihr um und begrüßte sie mit einem innigen Kuss. Anja konnte spüren, wie die Hitze direkt in ihren Unterleib wanderte. Dann schob er sie auf eine Armeslänge von sich weg und betrachtete sie von oben bis unten.
„Du siehst umwerfend aus!“, raunte er und sein anzüglicher Blick bestätigte seine Worte.
Wieder küssten sie sich und Mirkos Hand fuhr sanft über ihren Rücken nach unten, bis sie auf ihrem Po Halt machte. Anja nahm seine Hand und legte sie auf ihren Oberschenkel. Von dort dirigierte sie sie immer weiter nach oben unter das hautenge Kleid. Er sollte wissen, dass sie seine halterlosen Strümpfe trug, ansonsten aber nackt war. Sein leises Stöhnen und ein hartes Drängen an ihrem Bauch verrieten ihr, dass er begriffen hatte. Dennoch löste er sich von ihr und sah sie aus glänzenden Augen an.
„Lass uns zuerst essen“, sagte er und seine Stimme klang belegt. „Wenn ich dir jetzt nachgebe, komme ich heute Abend mit Sicherheit nicht mehr zum Kochen.“
Sie lächelte: „Na gut. Aber beeil dich! Ich weiß nicht, wie lange ich es noch aushalte, ohne über dich herzufallen.“
Während Mirko die Zutaten aus den Einkaufstüten befreite, ging Anja hinüber zu ihrem Weinregal.
„Weiß oder rot?“, fragte sie.
„Zum Wild lieber den roten“, antwortete er.
Anja dekantierte den Wein und ließ Mirko dabei keine Sekunde aus den Augen. Zwischen ihren Beinen pulsierte ein Verlangen, das sie noch bei keinem anderen Mann empfunden hatte. Sie senkte den Blick und atmete mehrmals tief durch, um sich wieder unter Kontrolle zu bringen.
Mirko war ein geübter Koch und es dauerte nicht lange, bis ein verführerischer Duft durch die Küche zog. Zwischen zwei Arbeitsschritten sah er plötzlich auf und tippte sich mit der Hand an die Stirn, als wäre ihm eben etwas eingefallen.
„Schau mal in meiner rechten Jackentasche nach. Da war ein Brief für dich in der Post“, sagte er.
Anja ging hinaus in den Flur, wo Mirkos Jacke an einem der Garderobenhaken hing. Tatsächlich lugte aus einer der Taschen ein weißes Kuvert hervor. Anja zog es heraus. Auf dem Umschlag stand nur ihr Name, in seltsamen Buchstaben, als wären sie mit einer Schreibmaschine geschrieben worden. Keine Adresse. Keine Briefmarke. Jemand musste den Brief persönlich unten eingeworfen haben. Oder war es etwa eine Überraschung von Mirko? Über die Schulter warf sie ihm einen verstohlenen Blick zu, doch er ließ sich nichts anmerken und hatte sich bereits wieder dem Wild zugewandt.
Anja nahm ihren Schlüsselbund vom Garderobenschränkchen und schlitzte den Brief mit dem Hausschlüssel auf. Im Inneren befand sich ein einzelnes weißes Papier. Als sie es auseinanderfaltete, stockte ihr der Atem. Die seltsame Schreibmaschinenschrift war vielen bunten Papierschnipseln gewichen. Buchstaben, die aus Zeitschriften und Prospekten ausgeschnitten und fein säuberlich zu einem neuen Text zusammengeklebt worden waren. Wie in einem schlechten Film. Anjas Hände zitterten so stark, dass sie Mühe hatte, den Brief ruhig zu halten. Sein Inhalt trieb ihr die Tränen in die Augen und ein eiskalter Schauer kroch ihren Rücken hinauf. DU wiRsT in dEr hÖLLe scHmoren, dU drEcKige schLamPe! stand da. Anja spürte, wie Übelkeit in ihr aufstieg. Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich in ihrem Nacken aus und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Sie taumelte nach hinten und musste sich mit einer Hand am Garderobenschränkchen festhalten, um nicht umzukippen. Dabei riss sie den Schlüsselbund mit sich, der mit lautem Geschepper auf den Holzdielen aufschlug.
„Schatz, alles in Ordnung?“, fragte Mirko aus der Küche. Als er sich zu ihr umdrehte und sah, dass sie am ganzen Leib zitterte, war er sofort bei ihr und umschlang sie mit seinen Armen, um sie zu stützen. Wortlos hielt sie ihm den Brief hin.
„Ach du … Was ist das denn? Von wem …“, stammelte er und zog sie noch fester an sich. Anja vergrub ihren Kopf an seiner Schulter. Als sie seine Wärme spürte und sie sich in seiner starken Umarmung sicher fühlte, begann sie hemmungslos zu weinen. Minutenlang wiegte er sie in seinen Armen und streichelte ihr tröstend übers Haar. Erst als sie sich wieder beruhigt hatte, führte er sie ins Wohnzimmer an den Esstisch.
Als sie wenig später vor ihren dampfenden Tellern saßen, steckte Anja der Schock noch immer in den Gliedern. Das Essen sah köstlich aus, dennoch bekam sie keinen Bissen herunter. Mirko warf ihr immer wieder besorgte Blicke zu.
„Du musst was essen, Schatz“, sagte er schließlich und griff nach ihrer Hand.
„Wer tut so etwas?“, fragte sie ihn und ihre Stimme klang brüchig.
„Ich kenne nur eine Person, der ich so etwas Widerliches zutrauen würde“, sagte Mirko und strich sanft mit dem Daumen über ihren Handrücken.
Sie sah ihn lange an und bewegte seine Worte in ihrem Kopf hin und her.
„Du meinst, Sarah könnte dahinterstecken“, sagte sie schließlich.
Sarah war Mirkos Exfreundin. Sie waren über acht Jahre zusammen gewesen, bis sie sich vor einem dreiviertel Jahr überraschend von Mirko getrennt hatte. Sie wolle zu sich selbst finden und das Leben noch einmal genießen, ehe sie sich langfristig an einen Mann binden könne, hatte sie ihm erklärt. Mirko hatte Anja gestanden, dass für ihn eine Welt zusammengebrochen war, vor allem weil er überhaupt nicht mit der Trennung gerechnet hatte. Als sie sich ein halbes Jahr später kennen gelernt hatten, war sein Schmerz glücklicherweise bereits verflogen und er hatte sich Hals über Kopf in Anja verliebt, die so anders als Sarah war. Kein Püppchen, für das gutes Aussehen und teure Kleidung an erster Stelle standen, sondern eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand und wusste, wie ihre Zukunft aussehen sollte. Eine Zukunft, die sie mit ihm teilen wollte.
„Aber warum sollte Sarah sich die Mühe machen, mir einen solchen Brief zu schreiben? Sie hat doch dich verlassen. Nicht umgekehrt“, sagte Anja schließlich. Das alles ergab für sie keinen Sinn.
Mirko schien nicht lange überlegen zu müssen: „Ja, sie hat die Beziehung beendet, weil sie auf irgendeinem komischen Selbstfindungstrip ist. Das muss aber nicht heißen, dass sie eine neue Frau an meiner Seite akzeptieren kann. Sarah war schon immer furchtbar eifersüchtig. Vielleicht hat sie gedacht, dass ich für immer alleine bleibe und davon träume, dass sie zu mir zurück kommt.“
Anja nickte. Das klang einleuchtend. Sie beschloss den Brief in der hintersten Ecke ihrer Schreibtischschublade aufzubewahren. Man konnte schließlich nie wissen, wofür es gut war. Ansonsten wollte sie diese schreckliche Frau einfach nur vergessen.

Der Radiowecker zeigte 22:35 Uhr an, als Anja und Mirko engumschlungen in ihrem Bett lagen und sich noch immer leidenschaftlich küssten. Nachdem Anja die Fassung wiedererlangt hatte, hatten sie sich mehrmals hemmungslos in der ganzen Wohnung geliebt. Die Spur ihrer überall verstreut liegenden Kleidungsstücke zeugte von der Wildheit mit der sie übereinander hergefallen waren, nachdem es Mirko endlich gelungen war, Anja zum Essen zu überreden. Der schwere Rotwein hatte sein Übriges getan, um Anja wieder etwas zu entspannen.
Jetzt spürte sie, dass ihr Verlangen noch immer nicht abgeklungen war. Jedes Mal, wenn sich ihre Lippen berührten, war es, als würde sie elektrisiert. Mirko hatte seine Hand in ihrem Haar vergraben und seine Zungenspitze fuhr sanft an ihrem Hals entlang nach oben. Bevor sie ihn ein weiteres Mal küssen konnte, hielt er plötzlich inne und sah ihr tief in die Augen. „Ich liebe dich“, flüsterte er. Ihre Antwort ging in einem Kuss unter.
Gerade als Anjas Hand unter der Bettdecke tiefer gleiten wollte, entzog er sich ihr und setzte sich auf die Bettkante.
„Bin gleich wieder da“, raunte er. „Ich brauche nur schnell ein Glas Wasser. Soll ich dir auch eines mitbringen?“
Anja schüttelte den Kopf und räkelte sich aufreizend zwischen den Laken. Als Mirko aufstand, tastete sie seinen nackten Körper mit anzüglichen Blicken ab. Selbst in der Dunkelheit, die nur vom Mondlicht und dem fahlen Licht der Straßenlaternen durchbrochen wurde, war seine Erregung deutlich zu sehen. Mirko tapste in die Küche hinüber und Anja konnte hören, wie er den Kühlschrank öffnete. Sie kuschelte sich in die Kissen und ihre rechte Hand spielte mit ihrer steil aufgerichteten Brustwarze. Sofort flammte die Hitze in ihrem Unterleib wieder auf.
Da zerriss ein viel zu laut eingestellter Klingelton die nächtliche Stille. Anja zuckte zusammen. Wer konnte das so spät noch sein? Sie griff nach ihrem Handy, das auf dem Nachttisch lag und warf einen Blick auf das Display. Schon wieder ein unbekannter Teilnehmer. Augenblicklich brach ihr kalter Schweiß aus. Bitte nicht schon wieder! Dennoch drückte sie auf das Annahmesymbol.
„Hallo?“
Nichts. Wie schon heute Morgen erhielt sie keine Antwort. Anjas Atem ging schneller. Panik stieg in ihr auf.
„Was wollen Sie von mir?“, presste sie heraus. Sie war den Tränen nahe.
Am anderen Ende der Leitung wurde die unheimliche Stille wieder von lautem Keuchen und obszönem Stöhnen abgelöst.
Anja beendete die Verbindung. Mit zitternden Händen schaltete sie das Handy aus. Einen weiteren dieser perversen Anrufe würde sie heute nicht mehr ertragen. Als sie das Telefon zurück auf den Nachttisch legte, brach sie in Tränen aus. Ihr Körper wurde noch immer von Weinkrämpfen geschüttelt, als Mirko mit einem halb leeren Glas Wasser zurück ins Schlafzimmer kam.
„Schatz, was ist los?“, fragte er und seine Stimme klang ängstlich. Er schlüpfte zu ihr unter die Decke und kuschelte sich eng an sie. „Was ist passiert?“, fragte er immer wieder.
Es dauerte eine Weile, bis Anja sich so weit beruhigt hatte, dass sie ihm von den beiden verstörenden Anrufen berichten konnte. Schockiert sah er sie an.
„Damit geht sie zu weit“, sagte er und Anja konnte in seinen Augen sehen, wie wütend er war. „Ich werde mir Sarah vorknöpfen. So kann sie mit dir nicht umspringen!“
„Nein!“, erwiderte Anja und legte ihm beschwichtigend eine Hand auf den Arm. „Lass es gut sein. Sie würde doch ohnehin alles abstreiten. Vielleicht hat sie jetzt ihren Spaß gehabt und lässt mich in Ruhe.“
Widerwillig versprach Mirko ihr, nichts zu unternehmen. Kurze Zeit später schlief er bereits tief und fest, während Anja sich noch immer unruhig umherwälzte und darüber nachgrübelte, ob wirklich Sarah hinter all dem stecken konnte.

Zehn Tage und sechsundfünfzig anonyme Anrufe später saß Anja bei ihrer besten Freundin Martina, die im Wohnblock gegenüber wohnte, in der Küche, um sich ihren Frust von der Seele zu reden. Der unbekannte Anrufer war noch nicht einmal davor zurückgeschreckt, sie während der Arbeitszeit zu belästigen. Mittlerweile fühlte Anja sich wie ein psychisches Wrack. Bei jedem noch so kleinen Geräusch zuckte sie erschrocken zusammen und wenn ein Telefon klingelte – selbst wenn es nicht ihr eigenes war – reagierte sie mit Herzrasen und Schweißausbrüchen darauf. Mirko wollte sie sich nicht anvertrauen. Zu groß war ihre Angst, dass er etwas Unüberlegtes tun könnte. Immerhin hatten sie keine Beweise, dass Sarah hinter der Sache steckte.
Martina stellte eine große Tasse dampfenden Kaffee vor Anja ab und riss sie damit aus ihren Gedanken. Dann setzte sie sich ihr gegenüber an den kleinen Küchentisch.
„Mal ehrlich“, fragte sie, „kannst du dir wirklich vorstellen, dass diese Sarah für ihren Ex so einen Aufwand betreiben würde?“
Anja zuckte mit den Schultern. Es war, also könne Martina ihre Gedanken lesen.
„Aber wer könnte es sonst sein?“, murmelte sie schließlich und starrte aus dem Fenster.
„Vertraust du ihm?“ Anja hatte Martinas Stimme nur sehr dumpf wahrgenommen und schrak nun zusammen.
„Wie bitte?“
„Mirko. Vertraust du ihm?“, wiederholte Martina ihre Frage.
„Natürlich!“ Anja sah sie aus weit aufgerissenen Augen an.
„Ich mein ja nur. Immerhin hast du ihm die Anrufe der letzten Tage verschwiegen.“
„Aber doch nur, weil ich nicht möchte, dass er sich in etwas verrennt“, versuchte Anja sich zu verteidigen.
„Sicher.“ Der seltsame Unterton in Martinas Stimme ließ Anja aufhorchen.
„Was unterstellst du mir da eigentlich?“, fragte sie gereizt.
„Liebes, ich unterstelle dir gar nichts. Ich mache mir nur Sorgen um dich und möchte, dass du über alle Eventualitäten nachdenkst.“
„Was denn für Eventualitäten? Entweder Sarah steckt hinter den Anrufen und dem Brief oder irgendein perverser Spinner hat seinen Spaß daran.“
„Oder Mirko hat was damit zu tun.“
„Sag mal, spinnst du?“ Anja schnappte nach Luft. Sie konnte nicht glauben, dass Martina ernsthaft Mirko verdächtigte.
„Reg dich bitte nicht auf, Liebes! Aber denk wenigstens mal in Ruhe darüber nach!“ Martina legte beschwichtigend ihre Hand auf Anjas Arm. Dann sprach sie weiter: „War Mirko jemals mit dir in einem Raum, wenn du einen dieser Anrufe bekommen hast?“
Anja ließ alle achtundfünfzig Mal Revue passieren. Ihr Magen krampfte sich zusammen und sofort spürte sie wieder das unangenehme Kribbeln in ihrem Nacken.
„Und?“ Martina hatte sie keine Sekunde aus den Augen gelassen.
„Ich war entweder allein zuhause oder in der Arbeit. Und wenn Mirko bei mir war, war er entweder in der Küche oder im Bad“, sagte Anja und ihre Stimme war nicht mehr als ein heiseres Flüstern.
Martina nickte versonnen.
„Aber das würde er mir nie antun“, schluchzte Anja. „Er liebt mich!“ Tränen rannen ihr über die Wangen.
„Ich will dich nicht quälen, Liebes“, sagte Anja. „Aber ich möchte, dass du wenigstens darüber nachdenkst. Könnte Mirko der anonyme Anrufer sein? Hatte er die Gelegenheit dazu?“
Anja wollte es nicht glauben. Es konnte einfach nicht sein, dass Mirko hinter all dem steckte. Doch der Zweifel war gesät und breitete sich unaufhaltsam in ihr aus. Es fühlte sich an, als hätte sich eine eiserne Faust um ihr Herz gelegt und mit einem Mal hatte sie das Gefühl, als könne sie nicht mehr richtig atmen.
„Das darf nicht sein“, schluchzte sie.
„Vielleicht irre ich mich ja auch“, sagte Martina und streichelte ihren Arm. „Ich hoffe so sehr, dass ich mich irre. Aber wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen. Falls Sarah etwas mit den Anrufen zu tun hätte, bräuchte sie auf jeden Fall einen Komplizen, der über jeden deiner Schritte Bescheid weiß.“
Anja schob diesen Gedanken in ihrem Kopf hin und her. Martina hatte recht. Sarah konnte nicht allein dafür verantwortlich sein. Woher hätte sie jedes Mal wissen sollen, wann Anja allein und somit am verletzlichsten war?
Wenn sie ehrlich war, kam tatsächlich nur einer dafür in Frage.
Anja schlug die Hände vors Gesicht und begann bitterlich zu weinen. Martina kam um den Tisch herum und schloss sie in die Arme. Beruhigend wiegte sie die Freundin hin und her.
„Ganz ruhig, Liebes“, flüsterte sie ihr ins Ohr. „Noch haben wir keine Beweise, dass Mirko mit drin hängt. Vielleicht übersehen wir auch irgendetwas und verdächtigen ihn zu Unrecht.“
Sobald Anja sich beruhigt hatte, brachte Martina sie an die Wohnungstür. Zum Abschied drückte sie ihr einen Kuss auf die Wange.
„Alles wird gut“, sagte sie.
Dann öffnete sich die Fahrstuhltür und Anja stieg ein.

Die nächsten Tage waren eine Qual für Anja. Glücklicherweise war Mirko für drei Tage beruflich unterwegs, doch sie hatte keine Ahnung, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte, wenn er wieder zurück war. Nach wie vor konnte und wollte sie nicht glauben, dass er etwas mit der Sache zu tun hatte. Dennoch hallten Martinas Worte unaufhörlich in ihrem Kopf.
War Mirko jemals mit dir in einem Raum, wenn du einen dieser Anrufe bekommen hast? Könnte Mirko der anonyme Anrufer sein? Falls Sarah etwas mit den Anrufen zu tun hätte, bräuchte sie auf jeden Fall einen Komplizen.
Auch während Mirko auf Geschäftsreise war, erhielt Anja mehrere Anrufe des unbekannten Teilnehmers und jedes Mal zog sich ihr der Magen zusammen. Sie nahm keinen der Anrufe mehr an. Zum Einen, weil sie es leid war, jedes Mal diesem obszönen Stöhnen zuzuhören, zum Anderen aus Angst, Mirkos Stimme hinter dem Keuchen zu erkennen. Sie schämte sich für ihr Misstrauen und wenn Mirko sie abends aus seinem Hotel anrief, um ihr eine gute Nacht zu wünschen, bekam sie kaum ein Wort heraus. Sie schob ihre Einsilbigkeit ihm gegenüber auf eine Erkältung, die ihr zu schaffen machte, und hoffte inständig, dass er die Lüge nicht erkannte.
Als sie am späten Mittwochnachmittag seinen Schlüssel im Schloss hörte, war sie umso angespannter. Was, wenn sie sich von Martina einen Floh ins Ohr hatte setzen lassen und ihm unrecht tat? Dennoch verkrampfte sich jeder ihrer Muskeln und sie atmete mehrmals tief durch.
Mirko betrat das Wohnzimmer und Anja setzte das aufrichtigste Lächeln auf, das sie zustande brachte. Freudestrahlend kam er auf sie zu und riss sie von der Couch in seine Arme. Er vergrub sein Gesicht in ihrem Haar und schien ihren Duft in sich einsaugen zu wollen.
„Ich hab dich so vermisst“, flüsterte er und bedeckte ihren Hals mit Küssen. Anja konnte die wohlvertraute Wärme seines Körpers spüren und fühlte sich sofort wieder geborgen. Es konnte einfach nicht sein, dass Mirko ihr Verfolger war. Je enger sie sich an ihn schmiegte, desto weiter warf sie alle Zweifel und Verdächtigungen über Bord. Als sie wenig später nackt und völlig außer Atem auf ihrem Bett lagen, war es für Anja zur Gewissheit geworden, dass sie sich von Martina in eine unbegründete Hysterie hineinquatschen hatte lassen. Wieder stieg das Gefühl der Scham in ihr auf.
„Es ist immer so schön mit dir“, raunte Mirko, „und ich weiß gar nicht, wie ich es die letzten drei Tage ohne dich ausgehalten habe.“
Anja antwortete ihm mit einem leidenschaftlichen Kuss und indem sie ein Bein fordernd um seine Hüfte schlang.
„Du bringst mich um den Verstand“, stöhnte er, ehe er sich über sie schob.
Dieses Mal liebten sie sich noch inniger. Nicht mehr so ausgehungert und von verzweifelter Sehnsucht getrieben wie beim ersten Mal. Als sie sich voneinander lösten, verschwendete Anja keinen Gedanken mehr an die anonymen Anrufe oder an Martinas Worte wenige Tage zuvor. Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen, während ihre Finger mit den wenigen Härchen auf seiner Brust spielten.
Schließlich schob Mirko sie sanft zur Seite und stand auf.
„Ich brauche dringend eine abkühlende Dusche“, sagte er. „Sonst kann ich für nichts garantieren.“
Anja lachte und sah ihm auf seinem Weg ins Bad hinterher. Der Anblick seines definierten, beinahe makellosen Körpers brachte ihr Blut erneut in Wallung. Sie konnte durch die geschlossene Badezimmertür hören, wie er die Dusche anschaltete. Das gedämpfte Rauschen des Wassers beruhigte sie und Anja ließ sich entspannt zurück in die Kissen sinken.
Ein lautes Vibrieren neben ihrem Kopf riss sie jäh aus ihren Gedanken. Sie fuhr hoch und sah sich verwirrt um. Auf dem Nachttisch tanzte ihr Handy hin und her. Sie hatte es vorhin auf lautlos gestellt, doch anscheinend war der Vibrationsalarm noch aktiviert. Sie warf einen Blick auf das Display und sofort war Gewissheit, was sie bereits befürchtet hatte. Unbekannter Teilnehmer. Nicht schon wieder. Anja brach kalter Schweiß aus und ihr Herz schlug im Takt eines Presslufthammers. Sie sah hinüber zur Badezimmertür. Das Wasser rauschte noch immer. Aber konnte es nicht sein, dass Mirko die Dusche nur aufgedreht hatte, um von sich abzulenken? Martinas Worte hallten in ihrem Kopf wieder: War Mirko jemals mit dir in einem Raum, wenn du einen dieser Anrufe bekommen hast?
So schnell, wie sie alle Zweifel zuvor von sich geschoben hatte, fraßen sie sich jetzt wieder in ihr Herz. Das Telefon vibrierte noch immer. Erneut spürte Anja das Kribbeln in ihrem Nacken, das in den letzten Wochen ihr ständiger unerwünschter Begleiter geworden war.
Wütend riss sie das Handy vom Tisch und drückte auf das Annahmesymbol.
„Hör endlich auf damit!“, schrie sie und legte sofort wieder auf.
Das Wasserrauschen im Badezimmer verstummte. War also tatsächlich Mirko der Anrufer? War er so überrascht von ihrer heftigen Reaktion, dass er seine lumpige Tarnung über Bord warf?
Anja schaltete das Handy aus und warf es achtlos aufs Bett. Dann stürmte sie zum Kleiderschrank, riss ihre Sporttasche heraus und stopfte wahllos alles hinein, was sie für einen Besuch im Fitnessstudio brauchen könnte.
Sie war gerade dabei, sich anzuziehen, als Mirko mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad kam. Überrascht bleib er in der Tür stehen.
„Was machst du denn, Schatz?“, fragte er.
Anja lief ohne ein Wort an ihm vorbei in den Flur, um sich Schuhe und Mantel anzuziehen. Er folgte ihr.
„Ist irgendwas passiert?“
„Ich halte diese verdammten Anrufe nicht mehr aus!“, schrie sie.
Verwirrt sah er sie an: „Welche Anrufe? Du meinst … Immer noch?“
„Tu doch nicht so!“, fuhr sie ihn an.
In seinem Blick konnte sie Verwirrung und ein bisschen Sorge sehen. Um sie? Oder um seine aufgeflogene Tarnung? Sie wusste einfach nicht mehr, was sie glauben sollte.
„Ich muss hier raus!“, sagte sie. Dann rannte sie aus der Wohnung und knallte die Tür hinter sich zu.

*****

Als Anja aus der Umkleidekabine des Fitnessstudios stürmte, flimmerte das schreckliche Bild noch immer vor ihren Augen, als hätte sich die blutrote Schrift in ihre Netzhaut gebrannt. HURE. Tränen rannen ihr über das Gesicht und sie hatte Mühe, auf ihrem Weg nach draußen nicht zu schreien. Bis zur Hysterie war es nur noch ein kleiner Schritt. Auf der Treppe nach unten wäre sie beinahe gestürzt, konnte aber gerade noch das Gleichgewicht halten. Dabei rammte sie mit der Schulter einen entgegenkommenden Bodybuilder.
„Sag mal, gehts noch?“, rief er ihr hinterher, doch Anja rannte mit unverminderter Gechwindigkeit weiter. Sie musste weg von hier!
Unten angekommen riss sie die Eingangstür des Studios auf und prallte gegen eine harte Brust. Sie schrie. Sofort schlossen sich zwei feste Arme um sie. Anjas Entsetzen schlug in blanke Panik um.
„Schatz, alles in Ordnung?“, fragte eine sanfte Stimme.
Als sie den Blick hob, sah sie in Mirkos schreckgeweitete Augen. Sie riss sich von ihm los und trat einen Schritt zurück.
„Was tust du hier?“, presste sie heraus.
„Ich hab versucht, dich zu erreichen. Du bist nicht an dein Handy gegangen. Da hab ich mir Sorgen gemacht.“
Schwer atmend forschte sie in seinem Gesicht nach Anzeichen für eine Lüge. Sie konnte keine entdecken. Dennoch riet ihr jede Faser ihres Körpers zur Vorsicht. Martinas Worte hallten noch immer in ihrem Gedächtnis nach: War er jemals bei dir, wenn du diese seltsamen Anrufe erhalten hast?
„Warum hast du überhaupt angerufen?“, fragte sie schließlich.
„Ich glaube ernsthaft, dass Sarah hinter der ganzen Sache stecken könnte. Sie hat mich vorhin angerufen und war so komisch am Telefon. Sie hat sich entschuldigt und gefragt, ob wir es nicht nochmal miteinander versuchen wollen.“
Anja stutzte. Sie sah Mirko lange in die Augen. Aber konnte sie ihm vertrauen? Oder tischte er ihr diese Geschichte auf, um von sich selbst abzulenken? Wie hätte Sarah über jeden ihrer Schritte so haargenau Bescheid wissen sollen? Wenn sie etwas damit zu tun hatte, musste sie einen Komplizen haben. Und wenn sie ehrlich war, war Mirko der einzige der dafür in Frage kam. Vielleicht war es tatsächlich ein Fehler gewesen, sich in ihn zu verlieben.
Mirko streckte eine Hand nach ihr aus, doch sie wich instinktiv noch weiter vor ihm zurück. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und schob sich an ihm vorbei nach draußen. Er ließ sie passieren. Auf der Suche nach einem Taxi ließ Anja ihren Blick die Straße hinauf- und hinunterwandern … und erstarrte. Nur wenige hundert Meter entfernt parkte ein Auto am Straßenrand, das sie sehr gut kannte.
„Das gibts doch nicht“, murmelte sie, dann rannte sie los. Sie konnte hören, dass Mirko hinter ihr herlief. Falls er sie aufhalten wollte, würde sie ihm keine Chance dazu lassen. Wenig später kam sie neben dem wohlvertrauten Auto zu stehen. Das Seitenfenster fuhr bis zur Hälfte nach unten.
„Hallo Anja!“, begrüßte Martina sie.
„Was willst du denn hier?“, fragte Anja. Martina antwortete nicht, doch ihre Lippen umspielte ein eisiges Lächeln.
Anja beugte sich nach vorne und warf einen Blick ins Innere des Wagens. Martina versuchte nicht einmal, sie daran zu hindern. Auf dem Beifahrersitz lagen ein Nachtsichtgerät und eine Spraydose mit roter Farbe.
Anja wich zurück: „Du? Du steckst mit Sarah unter einer Decke?“
Martina gab ein gackerndes Lachen von sich. „Ich denke eher, dass sie mit mir unter einer Decke steckt. Es hat ganz schön lange gedauert, die blöde Kuh davon zu überzeugen, dass du eine Abreibung verdient hast“, sagte sie schließlich.
„Aber warum?“ Anja schüttelte ungläubig den Kopf. „Warum tust du mir das an?“
Martina warf ihr einen abschätzigen Blick zu: „Das ist typisch für dich, dass du wieder einmal nichts kapierst. Du hast schon immer gedacht, dass dir die ganze Welt gehört und alles nach deiner Pfeife tanzen muss. Aber darauf hab ich keine Lust mehr! Ich wollte nicht mehr tatenlos zusehen, wie du dir immer und immer wieder zu eigen machst, was dir nicht zusteht. Du schreckst ja noch nicht einmal vor den Männern anderer Frauen zurück.“
Anja fehlten die Worte. Sie konnte nicht glauben, was sie eben gehört hatte.
„Du? Du hast mich die ganze Zeit von deiner Wohnung aus beobachtet? Aber wie …?“ Anja dachte an ihren Besuch bei Martina vor ein paar Tagen zurück. Sie erinnerte sich, wie sie nachdenklich aus dem Küchenfenster gestarrt und dabei die Fenster ihrer eigenen Wohnung klar und deutlich gesehen hatte. Natürlich.
Mittlerweile war auch Mirko am Auto angekommen. Er stellte sich dicht hinter Anja und berührte sie sanft am Arm. Martina schien diese vertraute Geste rasend zu machen. Sie hieb mit der Faust auf das Lenkrad. Dann wandte sie sich wieder Anja zu: „Es war ein Leichtes, euch auszuspionieren. Ihr vögelt ja sogar bei offenen Vorhängen. Widerlich!“
Anja traute ihren Ohren nicht. Sie starrte Martina aus weit aufgerissenen Augen an.
„Du nennst uns widerlich?“, presste sie schließlich hervor. „Du hast mir wochenlang nachgestellt, mich fast in den Wahnsinn getrieben und wolltest mir dann auch noch einreden, dass Mirko derjenige ist, der mich verfolgt. Du bist doch verrückt! Und ich dachte, du wärst meine beste Freundin!“
Martina funkelte sie hasserfüllt an. „Beste Freundin?“, spie sie ihr entgegen. „Auf jemanden wie dich pfeif ich! Du interessierst dich nur für dich selbst. Nimmst einer anderen Frau den Mann weg und tust so, als würdet ihr euer Glück verdienen. Du miese Schlampe!“
Am liebsten hätte Anja ausgeholt und ihr eine Ohrfeige verpasst. Mirkos Druck an ihrem Arm hielt sie davon ab.
„Lass sie!“, murmelte er. „Das ist es doch nicht wert.“
Sanft wollte er sie zu seinem Auto ziehen, doch Anja riss sich los. Mit der flachen Hand schlug sie gegen Martinas halb geöffnetes Seitenfenster.
„Sarah hat mit Mirko Schluss gemacht. Nicht er mit ihr. Und schon gar nicht war ich der Grund für das Ende ihrer Beziehung. Wenn du mir mein Glück nicht gönnen kannst, ist das dein Problem! Aber sag mir nicht, dass ich eine Schlampe bin! Ich werde euch beide anzeigen. So kommt ihr mir nicht davon. Die sollten dich wegsperren, Martina. Du gehörst in eine Psychatrie.“
Martina sagte nichts. Doch Anja konnte nach wie vor den Hass in ihren Augen sehen. Sie drehte sich um und ging so ruhig wie möglich zu Mirkos Auto hinüber. Als sie die Beifahrertür öffnete, fuhr Martina mit quietschenden Reifen davon.
Erschöpft ließ Anja sich in den Sitz fallen. Mirko nahm ihre Hand und strich mit seinem Daumen zärtlich darüber.
„Alles okay bei dir?“
Sie nickte.
„Ich habe mich noch nie in meinem Leben so sehr in einem Menschen getäuscht“, sagte sie schließlich.
Aufmunternd drückte er ihre Hand: „Ich bring dich nach Hause.“
Lange sah sie ihn schweigend an. Dann schüttelte sie entschieden den Kopf: „Nein. Erst muss ich noch etwas erledigen. Fahr mich bitte zum nächsten Polizeirevier!“

Open Mind

Traurig ist die Welt bloß, wenn du nicht verrückt bist

„Traurig ist die Welt bloß, wenn du nicht verrückt bist“ – über diese Textstelle bin ich in Stephen Kings Gedicht „Die Knochenkirche“ gestolpert und es scheint mir, als hätte ich nie eine zutreffendere Einschätzung des menschlichen Lebens, unseres irdischen Daseins, gehört oder gelesen.

Verrücktheit ist dabei nicht gleichzusetzen mit einer Geisteskrankheit oder einer immer weiter voranschreitenden Psychose. Auch wenn diese einen angesichts des politischen Weltgeschehens oder der sich täglich an Grausamkeiten und Wahnsinn überschlagenden Nachrichten durchaus befallen könnten. Verrücktheit ist für mich vielmehr der Versuch, aus der eigenen Begrenztheit, dem selbst errichteten Gefängnis aus gesellschaftlichen und persönlichen Zwängen zu entkommen. Denn sind es nicht gerade die ewig gleichen Alltäglichkeiten, die genau getakteten Abläufe, das mühsame Anrennen im Hamsterrad des Lebens, die uns oft unzufrieden machen? Die unsere Welt – zumindest manchmal – grau, fad und eben traurig erscheinen lassen? „So ist es nun einmal“, mag der ein oder andere erwidern. „Was sollten wir daran schon ändern können?“ Sicher, die Erde wird sich weiterdrehen, die Zeit wird erbarmungslos voranschreiten – ganz gleich, ob wir aus dem Hamsterrad herauszukommen versuchen, ob wir unsere Rechnungen begleichen können, nachdem wir einen gutbezahlten, aber unbefriedigenden Job aufgegeben haben …

Aber verrückt zu sein muss ja nicht gleich heißen, dass man sich als Aussteiger in die Tiefen des Waldes zurückzieht und sich künftig nur noch von Beeren, Kräutern und Insekten ernährt. Um eine Prise Verrücktheit in sein Leben zu bringen, muss man auch nicht an einem langen Gummiseil von einer Brücke springen, um schließlich – kurz vor dem Zurückschnalzen des Gummis – mit dem Kopf in einen mit hungrigen Krokodilen gespickten Fluss einzutauchen. Obwohl man das alles natürlich tun kann, wenn es den eigenen Neigungen und Vorlieben entspricht.

Für die meisten von uns werden es aber auch weniger krasse Unternehmungen tun, um dem Leben mehr Pfiff zu geben. Um die Welt ihrer Traurigkeit zu berauben. Vermeintliche Kleinigkeiten, mit denen  im eigenen Umfeld – oder zumindest kaum jemand – rechnet, weil man sie schon viel zu lange vor sich herschiebt oder weil sie einem einfach nicht zugetraut werden. Für den einen ist es schon verrückt, der schrecklichen Flugangst zum Trotz, die langersehnte Flugreise nach Kanada zu wagen. Ein anderer traut sich endlich, vor einer großen Menschenmenge auf die Bühne zu gehen und zu singen, obwohl niemand geahnt hat, dass dieses Talent überhaupt in ihm schlummert. Neongrüne Socken zum schwarzen Anzug? Immer her damit! In der Eisdiele einmal nicht das geliebte Schokoeis bestellen, sondern stattdessen zur neuen Sorte Ingwer-Blutorange greifen? Na klar! Selbst wenn du feststellst, dass du den Geschmack zum Kotzen findest, hast du es doch wenigstens versucht! Den schönsten, wundervollsten, absolut heißesten Traummann (oder natürlich Traumfrau!) ansprechen, obwohl du sicher bist, eine Abfuhr zu kassieren? Worauf wartest du noch? Ran an den Speck! Einfach mal Nein sagen, wenn dir etwas gegen den Strich geht? Ja, ja und nochmals ja! Wenn du immer nur für andere da bist, denk endlich auch einmal an dich. Warum? Einfach weil du es dir verdient hast. Und wenn dir jemand sagt, dass du zum Wohle anderer Prioritäten setzen musst, kann es – zumindest dieses eine Mal – nur eine Antwort darauf geben: „Genau das habe ich getan. Und heute liegt die Priorität auf dem, was ich will!“ Verrückt? So soll es sein! Oft sind die kleinsten Schritte auch die wirkungsvollsten. Wir müssen nicht das Rad neu erfinden oder bei der ersten Mondlandung dabei gewesen sein, um etwas Großes leisten zu können. Jeder von uns vollbringt täglich etwas Wertvolles. Womöglich nicht für die gesamte, traurige Welt, aber für Freunde, Familie oder Kollegen.

Eines sollten wir uns immer vor Augen halten: Das Leben ist zu kurz und vor allem zu wertvoll, um es mit verpassten Gelegenheiten statt mit tollen Erlebnissen und schönen Erinnerungen zu füllen. Kein Tag, an dem du nicht wenigstens eine klitzekleine Verrücktheit gemacht hast, kommt zu dir zurück. Oder – wenn wir Isaac Harris aus „Leben nach dem Tod“ Glauben schenken – bekommen wir vielleicht sogar die Gelegenheit unser Leben noch einmal zu leben. Allerdings lassen sich die ursprünglich getroffenen Entscheidungen dann auch nicht mehr abändern, wir durchlaufen sie einfach wieder und wieder, ohne zu erfahren, was uns erwartet hätte, hätten wir uns anders entschieden. Möglicherweise ist es auch ganz gut so, dass wir das „Was wäre gewesen, wenn …?“ nicht auflösen können. Aber ich denke, es kann nicht schaden, wenn wir bei jeder Entscheidung, die wir treffen, auch die kleinen Verrücktheiten in Erwägung ziehen. Denn traurig ist die Welt bloß, wenn du nicht verrückt bist!

 

Sowohl Stephen Kings Gedicht „Die Knochenkirche“ als auch seine Kurzgeschichte „Leben nach dem Tod“ finden sich in dem Sammelband „Basar der bösen Träume“, erschienen bei Heyne.

Lyrik

Du

Für meine Oma († 07.01.2017)

 

DU fehlst heute. Und doch bist du hier – mitten unter uns.

In unseren Herzen, in unseren Gedanken, in unseren Tränen

und vor allem – und das ist für dich das Wichtigste – in unserem Lachen.

 

DU hattest es nicht immer leicht im Leben.

Und dennoch bist du von einer unerschütterlichen Offenheit,

freundlich, charmant und humorvoll.

Wenn du könntest, würdest du jetzt einen Witz erzählen

– und ganz bestimmt keinen jugendfreien.

 

DU hältst nichts davon, das Leben allzu ernst zu sehen.

Davon zeugen deine Spontanität und deine verrückten Einfälle.

Nicht umsonst bist du barfuß mit mir durch frische Kuhfladen gerannt

und amüsierst dich auch dreißig Jahre später noch immer köstlich darüber.

Mit dir braucht man auch keinen Schlitten.

Weil man ebenso gut auf dem Hosenboden einen Hügel hinunterrutschen kann.

 

DU erzählst die besten Geschichten und Anekdoten.

Ab und an unterbrochen von einem „Wia wui sogn, Schatzl?“.

Dann merkt man, dass du auch anders kannst:

ernsthaft, nachdenklich, mit viel Weisheit.

Aber nie mit moralischem Zeigefinger. Weil du so nicht bist.

 

DU hast mich einmal gefragt, ob es schlimm für mich wäre,

deine Statur geerbt zu haben.

Doch ich weiß, dass ich noch so viel mehr von dir habe:

Auf andere Menschen zuzugehen,

bewaffnet mit einem Lächeln und einem Augenzwinkern.

Das Talent, Geschichten zu erzählen und dennoch zuhören zu können.

Mir fällt zu jeder Situation ein passender – oder manchmal auch unpassender – Kommentar ein.

Ich spreche oft, bevor ich darüber nachdenke.

Meine Sprüche können wahre Schenkelklopfer sein.

Meine Kollegen sagen deswegen, ich sei gut fürs Arbeitsklima.

Wenn sie dich kennen würden, wüssten sie genau,

warum ich bin, wie ich bin.

 

 

DU und ich – wir haben auch unsere Macken.

Wir trinken zu wenig, weil wir keinen Durst haben.

Wir mögen es nicht, wenn uns jemand am Hals berührt,

Massagen sind uns ein Gräuel.

Wir sprechen beide nicht gern über unsere wahren Gefühle,

verstecken uns lieber hinter witzigen Bemerkungen und flapsigen Sprüchen.

Wir tun Probleme gern als Nichtigkeiten ab.

WIR verstehen uns – auch ohne Worte.

 

DU bist jetzt wieder bei deinem „Giuseppe“.

Und ich weiß, dass er verschmitzt darüber lacht, wie es seine Art ist,

weil nun Leben in die Bude kommt.

Denn wo du bist, wird es einem nicht so schnell langweilig.

Deswegen hat der liebe Gott dich heimgeholt.

Er ist froh, dich endlich bei sich zu haben.

Uns zuliebe hat er lange auf dich verzichtet.

 

DU genießt nun das ewige Leben.

Ich bin sicher, du bist im Paradies.

Du gehörst dort einfach hin,

weil du ein Paradiesvogel bist.

 

Zum Abschluss möcht ich noch eines sagen.

Alle sollen es wissen

und jeder soll es hören.

Ich bin gerne so wie … DU!

Lyrik

Was ist MUT ?

Malochen unter Tage

 

Mitten unter Tigern

 

Mit Ungeheuern tauchen

 

Mehrere Unterhosen tragen

 

Mixer unterm Tannenbaum

 

Mutters Unterweisungen torpedieren

 

Morgens Ungeziefer töten

 

Mit Ufos trampen

 

Machosprüche ueber Tagesmütter

 

Mütze ueberm Toupet

 

Mit Untalentierten tanzen

 

Minenfelder unterschätzen… tot!

 

Mit Ungepflegten techtelmechteln

 

Mister Unbekannt treffen

 

Meckern ueber Trainertaktik

 

Mittagsschlaf unterm Torpedoangriff

 

Morgens Underberg trinken

 

Marzipan und Tafelspitz

 

Motorradfahren und telefonieren

 

Machtergreifungsversuche unter Tyrannenherrschaft

 

 

Lyrik

Hexenfeuer

Wir sind hier erschienen, das Feuer zu sehn

Tausende jubeln dem Scharfrichter zu

Die Sünderin soll heut in Flammen aufgehn

Sie ist die Hexe von Limoux

 

Was wirft man ihr vor? Uns kümmert es nicht

Die Flamme der Gerechtigkeit zünden wir an

Der Feuerschein färbt ihr teuflisch’ Gesicht

Uns zieht sie nicht länger in ihren Bann

 

Ein Lodern, ein Knistern erfüllt die Nacht

Ihr Körper erbebt am hölzernen Pfahl

Der Tod wird sie berauben all ihrer Macht

Wir schließen die Augen im Angesicht der Qual

 

Die Flammen schießen zum Himmel empor

Herr, reiße der Hexe ihr Herz entzwei!

Laut sprechen wir unsre Gebete im Chor

Von ihren Lippen löst sich nicht ein Schrei

 

*****

 

Die sengende Hitze raubt mir den Verstand

Im Tosen des Feuers finde ich keine Ruh’

Lüsterne Flammen umspielen meine Hand

Ich bin die Hexe von Limoux

Lyrik

Der Stern

Wenn ein Stern vom Himmel fällt,

uns mit seinem Glanz umhüllt,

uns unsren größten Traum erfüllt,

dann steht sie still, die Welt.

 

Herzrasende Glückseligkeit,

unverfälscht, so schön und rein,

und für immer dein und mein,

ein Lächeln für die Ewigkeit.

 

Manch Wunsch lässt uns allein zurück.

Wird wieder Stern am Firmament.

Keiner, der jeden beim Namen nennt.

Es lässt sich nun mal nicht zwingen, das Glück.

 

Das Universum ist so weit.

Wir sehen die Dinge nur manchmal nicht klar.

Nicht alle Träume werden wahr.

Dann steht sie still, die Zeit.

Lyrik

Abschied

Für Valerie und Josef – in Liebe.

Hätt’ ich nur geahnt, dass du mich verlässt,
– egal wie weit, ich wär’ zu dir geeilt.
Doch manchmal bleibt vom Leben zu wenig Rest.
Ich hätt’ mir gewünscht, du wärst länger verweilt.

Du hast dich davongestohl’n wie ein Dieb,
ganz heimlich und leise in jener Nacht.
Mein gebrochenes Herz ist alles, was blieb.
Und die Hoffnung, dass Er nun über dich wacht.

Wie gern hätt’ ich gehalten noch mal deine Hand.
In deinen Augen geseh’n, dass du mich liebst.
Dieser plötzliche Abschied raubt mir fast den Verstand
Und ich wünsch mir von Herzen, dass du mir vergibst.

Warum war ich nicht da, als die Zeit für dich kam?
Wär’ so gern gegangen deines Wegs letztes Stück.
Dich noch einmal zu halten in meinem Arm.
Doch solche Momente kommen niemals zurück.

Vertan ist vertan – eine Erkenntnis die bleibt.
Schuldtriefende Trauer legt sich auf mein Gewissen.
Kein Tag, an dem mich nicht diese Leere umtreibt.
Auf ewig werd’ ich deine Wärme vermissen.

Ein Stern blitzt am Himmel auf – hell leuchtend und klar.
Ich weiß ganz genau, dass du noch bei mir bist.
Ohne dich ist nichts mehr, wie’s vorher war.
Weil die Welt ein Stück kälter geworden ist.

Ich denk zurück an die Tage, die ich mit dir teilte.
Wir schritten im Gleichklang unsrer Herzen durchs Leben.
Als das Glück noch wie selbstverständlich verweilte.
Dich lieben zu dürfen, hat mir so viel gegeben.

Es war an der Zeit, du musstest ohne mich geh’n.
Erinnerungen helfen, den Verlust zu ertragen.
Ich kann nur hoffen, dich wiederzuseh’n.
Es gibt so viele Dinge, die würd’ ich dir gern sagen.

Sieh noch einmal zurück und trockne meine Tränen!
Du wirst immer einen Platz haben in meinem Herz’.
Ich gebe dich frei und dennoch bleibt dieses Sehnen.
Und sei dir gewiss, dein Fehl’n ist mein Schmerz!

Lyrik

Nebel

Umschlossen von deiner Allgegenwart,
wandelnd in einem Labyrinth aus dichtem Weiß.
Keinen Gedanken verschwenden an später.
Mich mitreißen lassen von deiner Gier.

Ich will mich in dir verlieren, vergessen.
Blind und taub für alle Eindrücke von außen.
Nichts sehen, nichts hören, nichts spüren.
Nur deine klamme Umarmung.

Reich mir die kühle Hand, mein Geliebter.
Küss mich mit feuchtkaltem Hauch.
Streichle meine Sinne, benetze meine Haut
mit spinnwebengleicher Gaze.

Selbst undurchdringlich,
durchdringst du mich.
Lässt mich erschauern unter deiner Berührung.
Hältst mich gefangen mit eisiger Macht.

Sollte ich sterben, dann in deinem Arm,
bedacht mit einem Schleier aus luftzartem Sehnen.
Wenn du hinfort ziehst, so nimm mich mit dir.
Vergangen wie ein blasses Schauspiel am Horizont.

Lyrik

Jambo Zanzibar

Ungeahnte paradiesische Schönheit
Mein Herz fest umklammert von deiner Exotik
Glühendes Wispern streicht sanft über meine Haut
Windgehauchtes Rascheln im Palmenhain

Weißes Sandkorn geküsst von kristallblauem Sehnen
geschieden vom Wechselspiel der Gezeiten
Verlockendes Rauschen kündigt die Nacht an
Ein göttliches Funkeln am schwarzen Firmament

Herzlichkeit und Güte sind dein Schwert und Schild
im Kampf gegen Angst, Verzweiflung und Sorge.
Unaufgesetzte, ehrliche Freude
Ein Reichtum, nicht aufzuwiegen in Gold

Die steinerne Stadt öffnet weit ihre Tore
reißt mich fort in pulsierend-buntem Treiben
Lebensfreude überdauert alles Dunkel
lässt sich nicht versklaven von Macht, Gier, Gewalt

Zum Abschied drückst du mich sacht an dein Herz

Schwer lastet die Sehnsucht auf meiner Seele.
Werde ich jemals zu dir zurückkehren?
Dein warmherziges Lachen ist Antwort genug:
Hakuna Matata – sei unbesorgt!

Lyrik

Kinder des Krieges

Ein Haus in der Sonne
Erbaut mit eigener Hände Kraft
Zuflucht
Heimat
Geborgenheit
Liebe
Dem Erdboden gleich gemacht in einem Augenblick
Kinderlachen verklungen
Heiße Tränen
Schweres Herz
Leere Hände
Schutzlos

Ein Tag mit der Familie
Pulsierende Stadt voller Leben, voller Kraft
Vorfreude
Gemeinschaft
Lebensmut
So viel vor
Die Straßen erzittern unter der Detonation
Granatsplitter in einer kleinen Seele
Blutroter Sand
Tote Augen
Taube Ohren
Machtlos

Für Mohamed und Weam, meine Kinder Syriens.

Lyrik

Reisfelder

Unergründliche Weiten
Ein Gräsermeer
Mir kommt es so vor,
als ob’s unendlich wär

Knöcheltiefes Wasser
Die Sonne sticht
Unser hartes Tagwerk
erkennen sie nicht

Die Welt soll’n wir nähren
Doch zu welchem Lohn?
Menschen verhungern
Der blanke Hohn

Die Reichen drücken die Preise
Alles nichts wert
Das Grauen von Biafra
hat ihnen keiner erklärt

Ein Blick über die Felder
Weißes Gold
Das Sehnen nach Gleichheit
hat der Teufel geholt

Lyrik

Hoffnungslos

Öffne die Tür zu deinem Herzen
lass mich eintreten
Donnergrollen
Rauschende Brandung
Hörst du das Sehnen meiner Worte?

Öffne das Fenster zu deiner Seele
lass mich einen Blick riskieren
Flammendes Inferno
Gleißendes Licht am Horizont
Siehst du das Flackern in meinen Augen?

Öffne das Tor zu deiner Welt
schließ mich nicht aus
Klirrende Kälte
Eisiger Hauch
Spürst du, wie ich langsam sterbe?

Hoffnungslos

Kurzgeschichte

Mutterliebe

Robert betrat die kleine, piefige Wohnküche. Seine Mutter saß an dem leicht in die Jahre gekommenen Esstisch über einem Kreuzworträtsel. Als sie den Blick hob, konnte er an dem Funkeln in ihren Augen erkennen, dass die nächste verbale Attacke nicht weit war.
„Wann warst du eigentlich das letzte Mal beim Friseur?“
Robert schwieg und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein.
„Zu viel Koffein ist schlecht für die Haut“, blaffte seine Mutter. „Überhaupt würde dir ein wenig Gesichtspflege nicht schaden! Du siehst ja beinahe älter aus als Onkel Walter.“
Sein Schulterzucken schien sie zusätzlich zu motivieren. „In der Stadt hat ein neues Fitness-Studio aufgemacht. Ich habe dich gleich dort angemeldet.“
„Lass gut sein, Mutter!“
„Nein, nein! Du solltest wirklich dringend etwas für deinen Körper tun.“ Den Kugelschreiber zwischen die Finger geklemmt, wedelte ihre rechte Hand all seine Einwände weg.
Robert seufzte: „Ein Fitness-Studio ist doch bestimmt nicht das Richtige für mich.“
Seine Mutter schien ihn gar nicht gehört zu haben: „Übermorgen hast du dein erstes Probetraining. Die Freude kommt beim Tun!“
Schwerfällig ließ Robert sich auf einen Stuhl sinken, seine Knie knackten bedenklich.
„Da hast du es doch schon“, stellte seine Mutter überlegen lächelnd fest. „Du siehst nicht nur aus wie ein alter Mann, du kleidest dich nicht nur wie ein Greis. Dein Körper hat sich sogar tatsächlich schon dem Verfall hingegeben!“
„Ach Mutter, das…“
Sie hob angriffslustig eine Augenbraue. Das genügte, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Du musst dringend an dir arbeiten, Junge! Es ist ja auch nicht nur, dass ich mir Sorgen um deine Gesundheit mache. Aber so wie du aussiehst, wirst du doch niemals eine nette Frau kennen lernen!“
„Bettina ist nett!“ Robert spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss und senkte beschämt den Blick.
„Pff!“ Seine Mutter schnaubte verächtlich. „Da, wo ich herkomme, bedeutet kennen lernen nicht nur, dass du sie heimlich vom Badezimmer aus beobachtest, sondern dass auch sie von dir Notiz nimmt und weiß, dass du überhaupt existierst. Das scheint in deinem Universum wohl anders abzulaufen.“
„Bettina kennt mich doch!“
„Du meinst wohl auch, nur weil du gutmütiger Trottel im Winter vor ihrer Einfahrt Schnee schippst, müsste sie verliebt in deine Arme sinken.“
„Nein, aber…“ Wieder die Augenbraue.
„Glaubst du ernsthaft, eine Frau wie Bettina steht auf eine moppelige Vogelscheuche mit fettigen Haaren und einem Kleidungsstil, der die Heilsarmee auf den Plan ruft?“
„So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ Robert merkte selbst, wie trotzig seine Antwort klang.
„Schrei mich nicht an!“ Wütend hieb seine Mutter mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Ich habe doch gar nicht…“
„Und wag es ja nicht, mir zu widersprechen!“ Sie starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Jedem anderen wäre bei ihrem Anblick das Blut in den Adern gefroren. Robert hatte sich in den dreiundvierzig Jahren seines Lebens daran gewöhnt. Er trat den Rückzug an.
„Verzeih mir, Mutter!“
Ihre Gesichtszüge entspannten sich.
„Natürlich freue ich mich auf das Probetraining.“
Zufrieden tätschelte sie seine Hand: „Es wird auch allerhöchste Zeit, dass du aus deinem Loch dort unten rauskommst.“
„Bestimmt hast du recht.“ Er leerte seinen Kaffeebecher in einem Zug und stand langsam auf.
„Und morgen fahren wir zusammen ins Einkaufszentrum und kaufen dir was Schönes zum Anziehen.“
Ihr triumphierender Blick brannte auf seinem Rücken. Ohne sich noch einmal umzudrehen, stieg er die Kellertreppe hinunter.

Kurzgeschichte

Der Brief

„Du kannst deinem Schicksal nicht entkommen!“ Zufrieden betrachte ich den letzten Satz. Der Cursor blinkt hinter dem Ausrufezeichen, als würde er mir verschwörerisch zuzwinkern. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Während der Drucker den Brief Stück für Stück ausspuckt, denke ich an die Frau, für die er bestimmt ist. Cornelia Escher hat mein Leben in den vergangenen drei Monaten zur Hölle gemacht. Mich gedemütigt. Verletzt. Belogen. Sie verdient es, zu leiden. Und mein Brief ist dazu nur der Auftakt. Eine Warnung, sozusagen. Eine Warnung, die das überhebliche Miststück jedoch nicht ernstnehmen wird. Sie wird ahnen, von wem der Brief stammt und sie wird sich darüber lustig machen. Das liegt nun mal in ihrem Naturell. Aber dieses eine Mal werde ich zuletzt lachen.
Meine Hände zittern leicht vor Erregung, als ich den Briefbogen falte und in den Umschlag schiebe. Eine Unterschrift wird nicht nötig sein. Cornelia wird die Botschaft auch so verstehen. Eines muss man ihr lassen, sie ist eine kluge Frau.
Ich lege den Brief zur Seite und streife die Latexhandschuhe ab. Leichtfüßig und beschwingt durchquere ich mein kleines Büro. In einem wuchtigen Mahagonischrank bewahre ich auf, was ich eigens für Cornelia vorbereitet habe. Vorsichtig gleiten meine Finger über den kühlen Stahl des Jagdmessers. Ein wohliger Schauer läuft mir über den Rücken. Mein Blick fällt auf die Wäscheleine aus dunkelrotem Plastik und die Schraubzwingen. Wir werden so viel Spaß haben, Cornelia und ich.