Adventskalender 2018

24. Dezember

Als Toni am nächsten Morgen wach wurde, hielt er Mamas Pullover noch immer fest umklammert. Ein Blick auf seinen Wecker verriet ihm, dass es bereits elf Uhr war. Da er nicht sicher war, ob Papa und Martin noch schliefen, schlich er auf Zehenspitzen die Treppe hinunter. Als ihr ohrenbetäubendes Knarren dennoch die Stille im Haus zerriss, verdrehte er genervt die Augen und sprang über die letzten drei Stufen hinweg.

Papa saß bereits in der Küche und las in der Zeitung. Er sah müde aus, so als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Die dunklen Schatten unter seinen Augen ließen ihn älter wirken als er war.

„Guten Morgen, Toni“, murmelte er und nippte an seinem Kaffee.

„Guten Morgen, Papa. Schläft Martin noch?“

„Ich denke schon.“

Komisch, dachte Toni, normalerweise war Martin überhaupt kein Langschläfer. Aber vielleicht wollte er ihnen gerade heute besonders lange aus dem Weg gehen, um nicht über Mama reden zu müssen. Auch Papa hatte sich wieder in seine Zeitung vertieft und war nicht besonders gesprächig. Toni kam es fast so vor, als hätte Papa Angst, dass er ihn auf Mama ansprechen könnte. Toni seufzte. Er hatte keine Ahnung, wie Mama in den wenigen verbleibenden Stunden alles wieder ins Lot bringen wollte. Jetzt konnte nur noch der Baum helfen.

„Papa, ich muss dir was zeigen!“

„Was denn, Toni?“ Papa ließ die Zeitung sinken und sah ihn erstaunt an.

„Das ist eine Überraschung. Du musst mit mir ins Wohnzimmer kommen.“

Papa blies langsam Luft durch die Nase aus und legte die Zeitung beiseite, ehe er mühsam aufstand. Toni war klar, dass Papa keine Lust auf seine Überraschung hatte, doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Ungeduldig zog er ihn am Ärmel nach draußen in den Flur und bis vor die Wohnzimmertür.

„Musst du mir nicht erst die Augen verbinden?“, witzelte Papa.

„Sei nicht albern, Papa!“, antwortete Toni und drückte die Klinke nach unten. Langsam schwang die Tür auf. In der Mitte des Raumes stand der Weihnachtsbaum, voll behangen mit unzähligen großen und kleinen Kugeln. Toni betrachtete noch einmal zufrieden sein Werk. Er mochte den Baum, auch wenn er zugeben musste, dass sich die lila Kugeln schrecklich mit den knallroten bissen. Und auch der orange Weihnachtsschmuck wollte nicht so recht zu den türkisen Anhängern passen.

„Ach, du lieber Gott! Den Baum hab ich ja total vergessen!“, rief Papa und schlug sich eine Hand vor die Stirn. Er war so entsetzt von seinem Versäumnis, dass er sich gar nicht zu fragen schien, wie die große Tanne ins Wohnzimmer gekommen war.

„Hast du den etwa ganz allein geschmückt?“, fragte Papa.

Toni wollte nicht lügen, konnte Papa aber schlecht erzählen, dass Mama ihm dabei geholfen hatte. Also antwortete er stattdessen: „Ich hab unsere vier Lieblingsfarben genommen. Deine, meine, Martins und Mamas.“

Papa begutachtete den Baum lange von oben bis unten, dann sagte er: „Sehr schön, Toni! Eure Mutter hat zwar immer behauptet, ich hätte überhaupt kein Auge für Farben, aber das sehe sogar ich, wie hervorragend diese vier zueinander passen.“

Toni biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut loszuprusten. Papa hatte wirklich keine Ahnung!

Er beobachtete, wie Papa langsam den Weihnachtsbaum umrundete, als würde er jede Kugel einzeln betrachten. Hin und wieder strich er zärtlich über einen der Zweige. Schließlich legte er einen Arm um Toni und sagte: „Das hast du gut gemacht. Wenn ich den Baum ansehe, kommt es mir so vor, als wäre eure Mutter noch hier und hätte ihn geschmückt.“

„Das kommt dir nicht nur so vor!“

Toni fuhr erschrocken herum. In der Wohnzimmertür stand Martin und starrte auf den Baum. Er war etwas blass um die Nase und seine Augen waren leicht gerötet.

„Mama ist wirklich hier“, sagte er leise. „Ich habe sie gesehen.“

Toni riss die Augen auf. Mama hatte sich Martin endlich gezeigt! Vor Freude wäre er seinem Bruder am liebsten um den Hals gefallen.

„Was redest du denn da, mein Junge?“, sagte Papa, ehe Toni reagieren konnte. „Hast du geträumt?“

„Nein … Papa … ich …“, stammelte Martin, „ich hab sie wirklich gesehen. Sie war eben bei mir, in meinem Zimmer.“

Papa legte besorgt die Stirn in Falten. Er nahm Martin bei den Schultern, sah ihn lange an und befühlte seine Stirn, als wolle er überprüfen, ob er Fieber hatte.

„Ich weiß, das ist heute alles sehr schwer für dich“, sagte er schließlich und schloss Martin in die Arme. Der warf Toni einen flehenden Blick zu.

Toni ging zu den beiden hinüber, legte Papa eine Hand auf den Rücken und sagte: „Martin hat sich das nicht eingebildet. Bei mir war Mama auch.“

Papa ließ Martin los und drehte sich ruckartig zu Toni um. Verständnislos sah er ihn an. Dann trat er einige Schritte zurück und sein Blick verfinsterte sich.

„Findet ihr das lustig?“, fragte er. „Was soll der Blödsinn?“

„Wir haben uns das nicht ausgedacht“, sagte Martin, „das musst du uns glauben.“

In diesem Moment ging die Lichterkette am Weihnachtsbaum an und tauchte das Wohnzimmer in goldenes Licht.

„Was ist denn jetzt los?“, murmelte Papa und sah verstört zwischen seinen Söhnen und dem Baum hin und her. „Hat einer von euch …?“

„Ich war das.“

Als Toni, Martin und Papa sich umdrehten, stand Mama neben dem Tannenbaum. Sie strahlte die drei an und ein besonderes Glitzern lag in ihren Augen.

Toni wollte zu ihr laufen und sie umarmen, doch Martin hielt ihn zurück.

„Das ist nicht möglich“, flüsterte Papa. Er hatte die Hände vor den Mund geschlagen und taumelte. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und Toni fürchtete, Papa würde jeden Moment einen Herzinfarkt bekommen. Mama machte einen Schritt auf Papa zu, doch der wich mit schreckgeweiteten Augen vor ihr zurück und ließ sich auf das Sofa sinken.

„Ich bin es wirklich, mein Liebling“, sagte Mama. Sie nahm ihn bei der Hand, zog ihn wieder hoch und schloss ihn in die Arme. Papa wehrte sich noch kurz, doch dann vergrub er sein Gesicht an Mamas Hals, wie auch Toni es bei seiner ersten Begegnung mit ihr getan hatte, und sog ihren Geruch in sich auf.

„Das kann doch nicht wahr sein“, flüsterte er dicht an Mamas Ohr und Tränen liefen ihm über die Wangen. „Ich kann nicht glauben, dass du wirklich hier bist.“

Mama nahm Papas Gesicht in beide Hände und sah ihm lange in die Augen. Dann küsste sie ihn.

Martin legte einen Arm um Tonis Schultern und zog ihn hinaus auf den Flur. Als sie vor der Wohnzimmertür standen, fragte Toni: „Warum sind wir gegangen?“

Martin bedachte ihn mit seinem typischen Denk-doch-mal-nach-Blick: „Lass Papa ein bisschen Zeit mit Mama allein. Wir hatten sie schließlich auch ganz für uns.“

Toni nickte. Er gab es nicht gerne zu, aber natürlich hatte Martin recht.

„Wann ist sie zu dir gekommen?“, wollte er wissen.

„Ganz früh heute Morgen“, antwortete Martin. „Ich hab gedacht, ich fall vor Schreck tot um! Ganz schön abgefahren, das Ganze.“

Wieder nickte Toni.

„Sie hat mir übrigens ziemlich den Kopf gewaschen, weil ich so eklig zu dir war“, fügte Martin hinzu. Toni konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Schade, dass sie nicht bleiben kann“, sagte er dann.

„Ja, das stimmt“, pflichtete Martin ihm bei, „aber andererseits ist es total krass, dass wir sie überhaupt noch mal sehen durften. Das ist das, was sich wahrscheinlich jeder Mensch wünscht, was aber normal nie in Erfüllung geht.“

„Ein Weihnachtswunder“, murmelte Toni.

Eine Weile standen sie noch auf dem Flur und tauschten sich über ihre Begegnungen mit Mama aus.

„Lass uns wieder reingehen!“, sagte Martin schließlich.

Mama und Papa standen noch immer eng umschlungen neben dem Sofa. Als Martin und Toni hereinkamen, streckte Mama die Hand nach ihnen aus: „Na los, kommt zu uns!“

Toni und Martin gingen zu ihnen und kuschelten sich an ihre Eltern.

„Ich möchte, dass ihr in Zukunft besser aufeinander Acht gebt“, sagte Mama. „Ihr seid auch zu dritt nach wie vor eine Familie und müsst zusammenhalten.“

„Ich werde mich endlich wieder gut um unsere Jungs kümmern. Das verspreche ich dir“, antwortete Papa.

„Und ich werde mich bemühen, kein solches Ekel mehr zu sein“, sagte Martin.

Toni überlegte, was er sagen konnte. Schließlich meinte er: „Ich werde dafür sorgen, dass wir uns jedes Jahr an dieses ganz besondere Weihnachtsfest erinnern und mit Freude an dich denken, statt traurig zu sein.“

Mama lächelte. Dann sagte sie: „Es wird Zeit, meine Lieben.“ Sie schloss Toni, Papa und Martin in ihre Arme und ein warmes Licht breitete sich im Wohnzimmer aus, das immer heller wurde, bis es so gleißend war, dass sie die Augen zusammenkneifen mussten. Erst als das Licht langsam erlosch, wagten sie es, die Augen wieder zu öffnen. Noch immer lagen Toni, Papa und Martin sich in den Armen, doch Mama war verschwunden.

„Jetzt ist sie wieder weg“, sagte Martin und lächelte traurig.

„Nein“, antwortete Toni, „sie ist nicht weg. Wir können sie nur nicht mehr sehen.“

Wie zur Bestätigung seiner Worte begannen die Lichter am Weihnachtsbaum für einige Sekunden zu blinken.

„Danke, Toni!“, sagte Papa. „Du hast von Anfang an recht gehabt.“

„Das haben wir alles nur dir zu verdanken“, fügte Martin hinzu und drückte ihn noch einmal fest an sich.

Toni strahlte über das ganze Gesicht. Mama hat ihr Versprechen tatsächlich eingehalten, dachte er und zum ersten Mal seit Langem fühlte er sich in Papas und Martins Gegenwart wieder so wohl wie früher.

*****

Abends saßen sie mit Punsch und Plätzchen neben dem Weihnachtsbaum. Und obwohl sie keine Geschenke hatten, waren sie dennoch zufrieden, denn jeder von ihnen spürte, dass sie nicht allein im Wohnzimmer waren.

„Wie kann man nur diese vier Farben zusammen an einen Baum hängen?“, fragte Martin mit einem Augenzwinkern in Tonis Richtung.

„Mir gefällt es“, entgegnete Papa schmatzend und schob sich noch einen Lebkuchen in den Mund.

Toni lachte. Er war glücklich. Es war trotz aller Startschwierigkeiten ein fast perfektes Weihnachten geworden.

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Adventskalender 2018

23. Dezember

Plötzlich griff Mama in ihre Hosentasche: „Ich hab da noch was für dich! Gib mir mal meinen Pullover!“

Toni zuckte leicht zusammen, dann sah er sie mit seinem Ich-hab-keine-Ahnung-wovon-du-redest-Blick an.

„Anton!“, sagte Mama tadelnd, „Ich weiß doch, dass du meinen Lieblingspullover unter deinem Kopfkissen versteckst.“

Toni wurde abwechselnd heiß und kalt.

„Tut mir leid, dass ich ihn genommen habe, Mama! Papa hat uns ausdrücklich verboten, irgendetwas an deinen Sachen im Schlafzimmer zu verändern. Aber ich wollte etwas, das mich an dich erinnert. Wenn Papa das erfährt, bin ich geliefert!“

Mama küsste ihn auf die Stirn: „Keine Sorge, ich verrate dich ganz bestimmt nicht. Ich finde es sogar sehr süß, dass du dich nicht an Papas Verbot gehalten hast.“

Toni atmete erleichtert durch. Er griff unter sein Kissen, zog den Pullover hervor und reichte ihn an Mama weiter. Zärtlich strich sie über die weiche Wolle, den Blick in die Ferne gerichtet. Toni beobachtete sie dabei und hatte das Gefühl, dass sie sich an die Zeit vor ihrem Tod erinnerte. Nach einer Weile kehrte sie aus ihrer Gedankenwelt zurück.

„Ich habe ihn immer so gern getragen“, sagte sie, „und ich finde es schön, dass du jetzt auf ihn aufpasst.“

Toni lächelte und konnte seinen Stolz nicht verbergen. Dann sagte er: „Du wolltest mir doch irgendetwas geben.“

„Ach ja, richtig!“, antwortete Mama und griff erneut in ihre Hosentasche. Als sie die Hand wieder herauszog, lag eine goldene Walnuss darin.

Toni starrte auf die Nuss und wusste nicht recht, was er damit anfangen sollte.

„Ich weiß, du hast Angst, dass der Pullover bald nicht mehr nach mir riechen könnte“, sagte Mama, „aber wenn du die Nuss darin einwickelst, wird seine Wolle immer so riechen, als hätte ich ihn eben noch getragen.“

Toni riss die Augen auf: „Wirklich?“

Mama legte den Pullover ordentlich zusammen und steckte die goldene Walnuss zwischen seine Lagen. Als sie ihn Toni unter die Nase hielt, bemerkte er sofort den intensiven Geruch, der von dem Kleidungsstück ausging.

„Das ist echt der Wahnsinn!“, murmelte er. „Danke, Mama!“

Mama nahm Toni in die Arme und drückte ihn fest an sich. „Jedes Mal, wenn du daran riechst, soll er dich daran erinnern, wie sehr ich dich liebe“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Toni schloss die Augen und nickte. Er schmiegte sich an sie und sog mit jedem Atemzug ihren Geruch ein, bis er das Gefühl hatte, alles um ihn herum würde sich drehen.

Als Toni die Augen wieder öffnete, war Mama verschwunden. Doch ein warmes Licht pulsierte wie das Flackern einer Kerze in seinem Zimmer.

Zusammen mit dem Pullover kuschelte Toni sich in sein Bett. Obwohl ihn der Gedanke noch immer traurig machte, dass er Mama am Heiligabend zum letzten Mal sehen sollte, breitete sich dennoch eine seltsame Ruhe in ihm aus.

„Ich liebe dich auch“, murmelte er, ehe er einschlief.

Adventskalender 2018

22. Dezember

„Setz dich zu mir, Anton“, sagte Mama, sobald sie zurück in seinem Zimmer waren, und klopfte neben sich auf die Bettkante.

„Ich kann es kaum erwarten, was die nächste Überraschung sein wird“, rief Toni und sprang aufs Bett.

Mama sah ihn lange an und kaute auf ihrer Unterlippe.

„Warum machst du das?“, fragte Toni. „Es war noch nie ein gutes Zeichen, wenn du das machst.“

„Erwischt“, antwortete Mama und ein seltsamer Unterton lag in ihrer Stimme.

„Es wird keine Überraschung mehr geben, richtig?“ Tonis Magen grummelte und das Herz klopfte ihm bis zum Hals.

„Richtig“, antwortete Mama und streichelte seinen Rücken, so wie sie es früher immer gemacht hatte. „Und ich werde dich auch nicht mehr besuchen kommen.“

„Was?“ Toni hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Er hatte einen Kloß im Hals und Tränen stiegen ihm in die Augen.

„Bitte, Anton, nicht weinen!“, sagte Mama und nahm ihn in den Arm. „Wir haben doch beide gewusst, dass es nicht für immer so bleiben kann.“

„Ich will nicht, dass du gehst!“, schluchzte Toni.

„Hast du vergessen, was ich dir in unserer ersten Nacht gesagt habe? Ich werde nicht gehen. Ich bin immer bei euch.“

„Aber ich kann dich dann nicht mehr sehen und auch nicht mehr anfassen. Alles wird wieder genauso schrecklich sein wie zuvor“, entgegnete Toni. Sein ganzer Körper bebte.

„Das stimmt doch nicht, Anton!“, sagte Mama, „Du weißt jetzt, dass ich da bin und auf dich aufpasse. Du kannst mir jederzeit alles erzählen.“

„Nur antworten wirst du mir nicht.“ Toni warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Nicht mit Worten, das stimmt. Aber du wirst trotzdem wissen, was zu tun ist.“

Toni sah sie lange an. Noch immer liefen ihm Tränen übers Gesicht.

„Und was ist mit Papa und Martin?“, fragte er leise. „Du hast versprochen, solange zu bleiben, bis es wieder gut läuft mit ihnen.“

„Findest du nicht, dass sich die Situation schon gebessert hat?“

Toni zuckte die Achseln: „Doch, irgendwie schon. Aber Papa geht es immer noch nicht gut. Und Martin … früher war er wie mein bester Freund, jetzt weiß ich nie, ob er nicht im nächsten Moment wieder ausrastet.“

Mama nahm seine Hand und drückte sie ganz fest: „Vertrau mir! Ich werde dieses Versprechen nicht brechen, Anton! Uns bleibt noch bis morgen Zeit.“

„Muss ich mich wirklich wieder an Heiligabend von dir verabschieden?“, fragte Toni mit großen Augen.

„Tut mir leid, Anton. Aber das war die Bedingung, damit ich mich dir überhaupt zeigen durfte“, antwortete Mama.

Toni grübelte eine Weile darüber nach, dann sagte er: „Ziemlich blöde Regeln habt ihr da, wo du jetzt bist.“

Mama schmunzelte und legte ihm einen Arm um die Schultern. Eine Zeitlang saßen sie schweigend nebeneinander und Toni genoss die Wärme, die von Mama ausging. Sie bald nicht mehr berühren zu können, machte ihn schrecklich traurig.

Adventskalender 2018

21. Dezember

„Es wird Zeit, dass wir uns endlich um euren Baum kümmern“, sagte Mama, als sie in dieser Nacht zu Toni kam, und klatschte voller Tatendrang in die Hände.

Toni lachte. Den Weihnachtsbaum zu schmücken, hatte Mama schon immer die größte Freude bereitet. Normalerweise hatten Toni und Martin währenddessen mit Papa ins Hallenbad oder ins Kino gehen müssen, dieses Mal würde Toni ihr also zum allerersten Mal dabei helfen.

Und zum letzten Mal, schoss es ihm durch den Kopf, doch er schob den Gedanken schnell beiseite.

Im Wohnzimmer stand schon der Tannenbaum bereit, den Papa am Montag besorgt hatte.

„Hast du den hier reingeschafft?“, fragte Toni.

„Natürlich, wer sonst?“, entgegnete Mama.

Toni nickte. Wenn es nach Papa ging, würde der Baum auf der Terrasse vergammeln, bis sie ihn irgendwann im Frühjahr entsorgten.

„Ich glaube, Papa hat den Baum total vergessen“, sagte er. „Seit vorgestern ist er wieder so komisch.“

„Ist mir auch aufgefallen“, antwortete Mama. „Morgen ist nun mal mein erster Todestag, das nimmt ihn sehr mit.“

„Aber er hat doch versprochen, dass wir trotzdem Weihnachten feiern, auch für dich“, sagte Toni und zog eine Schnute.

„Weißt du, Anton, manchmal ist das mit dem Versprechen für uns Erwachsene gar nicht so leicht. Papa will sein Versprechen ganz bestimmt nicht brechen, aber das alles ist unglaublich schwer für ihn.“

„Das versteh ich schon“, murmelte Toni, „aber wir wollen ihm doch nur helfen!“

„Ja, das wollen wir. Aber das kann Papa nicht ahnen.“ Mama knuffte ihn in die Seite. „So, und jetzt hör auf zu schmollen und hilf mir, den Baum zu schmücken!“

Zuerst schleppten sie alle Kisten mit Weihnachtsschmuck aus dem Keller nach oben und stellten sie im Wohnzimmer nach Farben sortiert ab. Nun standen sie inmitten von unzähligen Kugeln, Glasfiguren, Strohsternen, kitschigen Vogelanhängern und aufgerollten Lichterketten.

„Puh“, stöhnte Toni, „ich wusste gar nicht, dass wir so viel Zeug haben!“

Mama lächelte verlegen: „Was meinst du, warum unser Baum jedes Jahr in einer anderen Farbe geschmückt war? Papa hatte vielleicht doch recht damit, dass ich süchtig nach Weihnachtsschmuck bin.“

„Ganz sicher sogar.“ Toni kratzte sich am Kopf. „Wofür sollen wir uns denn entscheiden? Wir können unmöglich alles an den Baum hängen.“

„Such dir eine Farbe aus“, schlug Mama vor.

Toni drehte sich einmal um die eigene Achse und ließ seinen Blick über die vielen Kisten schweifen. Dann sagte er: „Lila ist deine Lieblingsfarbe. Also nehmen wir die.“

„Martin wird begeistert sein“, lachte Mama.

Toni legte die Stirn in Falten und dachte nach. Schließlich sagte er: „Was hältst du davon, wenn wir unsere vier Lieblingsfarben mischen?“

Mama zog die Augenbrauen hoch: „Das wird auf jeden Fall eine interessante Kombination.“

Während Mama die Lichterkette anbrachte, suchte Toni die passenden Kugeln zusammen. Anschließend schmückten sie den Baum damit. Mama behängte die oberen Zweige, Toni kümmerte sich um die unteren. Als sie fertig waren, traten sie einige Schritte zurück und betrachteten ihr Werk.

„Immerhin sieht unser Weihnachtsbaum sehr originell aus“, meinte Mama.

„Mir gefällt er“, sagte Toni.

„Das ist die Hauptsache“, antwortete Mama, „und ich bin sicher, den anderen wird er auch gefallen. Papa hatte sowieso noch nie Sinn für Farben.“

Toni warf ihr einen tadelnden Blick zu. Dann begannen beide zu lachen.

Adventskalender 2018

20. Dezember

Am Nachmittag vor Heiligabend saßen Toni, Martin und Papa am Küchentisch zusammen. Papa hatte Punsch gekocht und einen Teller mit Plätzchen vorbereitet. Lange Zeit sagte keiner von ihnen ein Wort.

„Macht es euch etwas aus“, fragte Toni schließlich, „wenn ich die Kerzen am Adventskranz anzünde?“

Papa starrte eine Weile auf den Kranz, ehe er Toni ansah. Er schien weit weg gewesen zu sein.

„Natürlich, mach nur“, sagte er dann, „heute ist schließlich der vierte Advent.“

Toni griff zur Streichholzschachtel, hielt jedoch inne und warf Martin einen prüfenden Blick zu. Sein Bruder nickte.

Als alle vier Kerzen brannten, schauten sie in das flackernde Licht und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

„Schon komisch“, sagte Martin nach einer Weile, „es sind immer noch vier Kerzen, obwohl wir nur noch zu dritt sind.“

„Tja, die Erde dreht sich eben weiter“, antwortete Papa, „ob wir wollen oder nicht.“

„Sie fehlt mir.“ Martins Stimme klang belegt. Es war das erste Mal seit einem Jahr, dass er von Mama sprach, ohne wütend oder vorwurfsvoll zu klingen. Papa griff über den Tisch und drückte Martins Hand.

Toni bekam einen Kloß im Hals. Am liebsten hätte er ihnen erzählt, dass Mama hier war – wahrscheinlich gerade mit ihnen in der Küche – und sie sehen und hören konnte. Aber vielleicht war die Zeit noch immer nicht reif dafür. Also schwieg er.

„Sollen wir ein Weihnachtslied singen?“, fragte er stattdessen. Früher hatte Mama an den Adventssonntagen immer ihre Gitarre geholt und sie hatten alle zusammen gesungen.

„Bitte, Toni“, sagte Martin, „alles, bloß das nicht. Ich hab ja in den letzten Tagen kapiert, dass du es nur gut meinst. Aber jetzt ohne sie zu singen – das ertrag ich nicht.“

Toni starrte traurig auf das Tischtuch, obwohl er seinen Bruder verstehen konnte. Wie zum Trost strich ein warmer Windhauch über seinen Nacken. Er warf einen Blick über die Schulter, konnte Mama aber nicht sehen.

Papa trank einen Schluck Punsch, dann legte er seine Hand auf Tonis Rücken: „Es tut mir leid, dass Weihnachten dieses Jahr nicht so ist, wie du es dir gewünscht hast.“

„Schon gut“, murmelte Toni.

„Nein, ist es nicht! Ich habe im letzten Jahr viel falsch gemacht. Ich hätte mich mehr um euch kümmern müssen. Ihr habt eure Mutter verloren und anstatt euch zu helfen, damit umzugehen … Irgendwie war es, als hättet ihr mich auch verloren.“

Toni sah zu Martin hinüber, doch der hielt den Blick gesenkt.

„Ich muss nur irgendwie diesen Tag morgen überstehen“, fuhr Papa fort, „und dann verspreche ich euch, dass ich mir wieder mehr Mühe gebe.“

Er leerte seine Tasse und verließ ohne ein weiteres Wort die Küche. Toni sah ihm nach und konnte sehen, dass er weinte.

„Meinst du, dass nach Weihnachten wirklich alles besser wird?“, fragte Toni seinen Bruder.

Martin sah ihn an und zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung! Mama wird immer noch weg sein, daran wird sich nichts ändern.“

Er nahm sich ein Plätzchen und schob den Teller zu Toni hinüber, der sich für einen Lebkuchen entschied.

„Ich weiß, dass ich in letzter Zeit ziemlich scheiße zu dir war“, fuhr Martin fort.

„Das kannst du laut sagen!“

„Aber ich bin nicht so wie du. Du willst Weihnachten feiern, weil es für dich dann so ist, als wäre Mama noch hier, richtig?“

Toni nickte. Das traf es besser als sein Bruder ahnte.

„Aber ich hab Angst vor morgen, Toni! Ich weiß nicht, was passiert, wenn alles wieder hochkommt. Ich vermisse sie genauso wie du, aber gleichzeitig bin ich so sauer, dass ich alles kurz und klein schlagen möchte.“

„Jeder geht anders mit seiner Trauer um“, wiederholte Toni Mamas Worte.

Martin sah ihn stirnrunzelnd an. Dann verzog sich sein Mund zu einem Grinsen: „Klugscheißer!“

„Den Weihnachtsbaum können wir wohl abhaken“, sagte Toni nach einer Weile.

„Ja, wahrscheinlich.“

„Immerhin hat Papa einen besorgt“, meinte Toni. „Der Wille zählt!“

„Das hat Mama immer gesagt“, flüsterte Martin.

„Weißt du was, Kleiner?“, fügte er hinzu. „Du hast recht. Ganz egal, ob wir Weihnachten feiern oder nicht, es ist so und so unmöglich, sich nicht an sie zu erinnern.“

Sie nahmen sich beide noch ein Plätzchen und schauten in das flackernde Licht der Kerzen.

Adventskalender 2018

19. Dezember

Seit der Schneeballschlacht war die Stimmung unter ihnen viel besser. Alle bemühten sich, freundlich und rücksichtsvoll miteinander umzugehen und das frisch geknüpfte Band nicht wieder zu zerstören. Sogar Martin verbiss sich fiese Kommentare in Tonis Richtung und öffnete weiterhin täglich seinen Adventskalender. Papa hatte am Tag nach ihrem Spaziergang einen Weihnachtsbaum gekauft, der nun in einem Netz verschnürt auf der Terrasse stand.

Doch je näher Heiligabend rückte, desto angespannter wurden sie. Auch Toni kam nicht dagegen an. Immer wieder standen ihm Erinnerungsfetzen an die letzten Stunden in Mamas Leben vor Augen.

Bereits einige Tage vor ihrem Tod hatte sie nicht mehr aufstehen können und war im Bett liegen geblieben. Papa kümmerte sich mit Hilfe einer Krankenpflegerin um sie. Sobald Toni und Martin aus der Schule kamen, setzten sie sich zu Mama ans Bett und wichen nicht mehr von ihrer Seite. Seit Papas Geburtstag war sie noch dünner geworden und ihr Gesicht war blass und eingefallen. Ein Tropf versorgte sie unablässig mit Medikamenten.

„Hast du Schmerzen?“, fragte Martin, als sie am Freitag vor den Weihnachtsferien wie gewohnt bei ihr saßen.

„Es geht schon, mein Schatz!“, antwortete sie mit brüchiger Stimme, doch Toni und sein Bruder konnten an ihrem zusammengekniffenen Mund sehen, dass sie log.

„Soll ich dir einen Tee bringen?“, fragte Toni und wollte schon aufstehen, doch Mama nahm seine Hand und hielt ihn zurück.

„Ich möchte nur, dass meine beiden Jungs bei mir sitzen und mir erzählen, wie der letzte Schultag war.“

Toni kam es komisch vor, über die Schule zu reden, wenn es Mama schlecht ging. Andererseits wollte er ihr ihren Wunsch auch nicht abschlagen. Also erzählten sie von ihrem Vormittag.

„Ich bin heilfroh, dass endlich Ferien sind“, schloss Martin seinen Bericht, besonders euphorisch klang er allerdings nicht.

Mama streichelte jedem von ihnen über die Wange. Ihre Hände waren eiskalt.

„Seid mir nicht böse, aber ich bin furchtbar müde“, sagte sie schließlich und ließ sich in die Kissen sinken. Kurze Zeit später war sie eingeschlafen.

Wie immer wenn sie schlief, hielt Papa an ihrem Bett Wache. Toni und Martin mussten dann das Schlafzimmer verlassen.

Auf dem Flur fragte Toni seinen Bruder: „Was meinst du, wann Mama wieder gesund wird?“

Martin sah ihn schweigend an. Seine Augen schienen durch ihn durch zu starren. Dann legte er Toni einen Arm um die Schultern und begleitete ihn in sein Zimmer. Seine Frage beantwortete er nicht. Zwei Tage später war Mama tot.

Adventskalender 2018

18. Dezember

Gerade als Toni befürchtete, vor Lachen keine Luft mehr zu bekommen, schlug ein weiterer Schneeball zwischen ihm und seinem Bruder ein. Erschrocken setzten sich die beiden auf.

„Darf ich auch endlich mitmachen?“, fragte Papa und formte bereits das nächste Geschoss.

„Lern erstmal zu zielen“, rief Martin, „sonst hast du gegen uns beide sowieso keine Chance!“

Die beiden Brüder sprangen auf und liefen auf die Lichtung, wo sie sich hinter einem umgestürzten Baumstamm verschanzten. Papa suchte hinter einer Futterkrippe Deckung.

„Du sorgst für die Munition und ich halte Papa in Schach“, sagte Martin und warf einen Schneeball.

Bald war eine wilde Schlacht auf der Lichtung im Gange. Toni war damit beschäftigt, immer neue Schneebälle zu formen, während Martin und Papa sich damit bombardierten.

Auf dem Nachhauseweg legte Martin seinem kleinen Bruder den Arm um die Schultern.

„Das hat mir gefehlt“, sagte er, „dir Schnee in die Jacke zu stopfen!“

Toni grinste: „Und mir hat es gefehlt, dich richtig schön damit einzuseifen.“

„Frieden?“, fragte Martin und streckte ihm die Hand entgegen.

„Unter einer Bedingung“, antwortete Toni, „wenn wir zuhause sind, öffnest du endlich deinen Adventskalender.“

„Meinetwegen“, sagte Martin und die beiden schlugen ein.

 

*****

 

„Das war doch deine Idee mit der Schneeballschlacht“, sagte Toni, als er spätabends mit Mama auf seinem Bett saß.

„Wie kommst du denn darauf?“, fragte sie lächelnd.

„Ich hab die ganze Zeit gewusst, dass du auch im Wald bist. Und welcher Unsichtbare hätte sonst den ersten Schneeball auf Martin werfen sollen? Ich hab gedacht, der reißt mir jeden Moment den Kopf ab!“

Mama lachte: „Aber mein Plan hat funktioniert.“

„Oh ja“, gab Toni zu. „wir hatten so viel Spaß. Sogar Papa.“

„Hoffen wir, dass es so bleibt“, sagte Mama und zog ihn in ihre Arme.

„Martin hat vorhin sogar alle Tüten an seinem Adventskalender aufgemacht, von Nummer fünf bis heute“, erzählte Toni. „Am meisten hat er sich über die Marzipankartoffeln gefreut.“

„Die mochte er schon immer am liebsten“, erwiderte Mama. Auf ihrem Gesicht tanzten die bunten Lichter der Lichterkette.

„Zeit zu schlafen“, sagte sie schließlich und schob Toni unter die Bettdecke.

„Wann bereiten wir die nächste Überraschung vor?“, fragte Toni.

Mama strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn: „Da wirst du dich noch eine Weile gedulden müssen.“

Adventskalender 2018

17. Dezember

Eine halbe Stunde später stapften sie dick eingemummelt durch den Schnee. Der Winterdienst hatte zwar die Straßen freigeräumt, dafür lagen auf den Gehwegen gut zehn Zentimeter Neuschnee. Es war ein herrlicher Dezembervormittag, klirrend kalt, aber sonnig. Toni hielt Papas Hand und sprang begeistert von einem Schneehaufen in den nächsten. Martin ging einige Schritte hinter ihnen, hatte die Hände tief in den Taschen vergraben und schmollte.

Am Ende ihrer Straße lag ein kleines Wäldchen, auf das sie zusteuerten. Dort waren sie früher oft zu viert gewesen, doch seit letztem Jahr hatte keiner von ihnen mehr einen Fuß hineingesetzt.

An einem Schild, das darauf hinwies, dass die Waldwege weder geräumt noch gestreut wurden, blieben sie stehen.

„Seid ihr bereit?“, fragte Papa. Toni nickte, Martin schwieg.

Die ersten Meter des Waldweges waren so schmal, dass sie hintereinander gehen mussten. Papa ging vorneweg, Martin folgte ihm missmutig und Toni machte das Schlusslicht. Er war sich sicher, dass Mama sie begleitete. Mehrmals sah er sich nach ihr um, konnte sie aber hinter keinem der Bäume entdecken. Sie näherten sich gerade einer Lichtung, als plötzlich ein Schneeball an Toni vorbeiflog und Martin am Rücken traf. Sein Bruder fuhr herum.

„Sag mal, spinnst du?“, schrie er und funkelte Toni wütend an. Auch Toni drehte sich um, sah aber niemanden hinter sich.

„Ich war das nicht“, stammelte er.

„Du willst mich wohl für dumm verkaufen?“, rief Martin, formte einen großen Schneeball und stürzte sich damit auf Toni. Der Größere riss den Kleineren zu Boden und stopfte ihm den Schnee hinten in den Kragen seiner Winterjacke. Toni jaulte auf, als ihm die Kälte in Rinnsalen den Rücken hinunterlief.

„Na warte!“, fauchte er und rieb Martin eine Handvoll Schnee ins Gesicht.

Kurz darauf kugelten sich die beiden auf dem Boden und versuchten sich gegenseitig Schnee in die Kleidung zu stecken oder ins Gesicht zu werfen. Es dauerte nicht lange und Martin gewann die Oberhand. Er packte Toni an den Schultern und drückte ihn in den Schnee. Schwer atmend sahen sie sich an. Martin hatte nicht nur weiße Klümpchen in den Haaren kleben, sondern auch in einem Nasenloch.

„Du siehst aus wie der Yeti“, sagte Toni und konnte sich das Lachen nicht länger verkneifen.

Martin nahm eine Handvoll Schnee und drückte sie Toni mitten ins Gesicht.

„Du auch“, sagte er und grinste. Dann rollte er sich von Toni herunter.

Lachend und prustend lagen die beiden nebeneinander im Schnee und hielten sich die Bäuche.

Adventskalender 2018

16. Dezember

Der leckere Geruch der Weihnachtsbäckerei hing noch immer in der Luft, als Toni am nächsten Morgen die Küche betrat. Auf dem Küchentisch stand ein Teller mit einer Auswahl der Plätzchen, die er letzte Nacht mit Mama gebacken hatte. Toni schnappte sich einen Lebkuchen und biss genüsslich hinein. Dann zündete er drei Kerzen am Adventskranz an und bereitete eine Tasse Kaffee für Papa und zwei Tassen heiße Schokolade für sich und Martin zu. Mama hatte gesagt, ihre Plätzchen würden Wunder wirken, aber es konnte bestimmt nicht schaden, wenn er noch ein bisschen nachhalf. Kaum hatte er die dampfenden Becher auf den Tisch gestellt, kamen sein Bruder und Papa schon zur Tür herein.

„Einen schönen dritten Advent wünsche ich euch“, sagte Toni.

„Toni, hast du etwa schon Kaffee für mich gekocht?“, fragte Papa und schien sich aufrichtig zu freuen.

Martin stand mit verschränkten Armen hinter ihm und verdrehte die Augen.

Toni nickte, dann wandte er sich an seinen Bruder: „Für uns beide habe ich Kakao gemacht.“

Martin murmelte etwas Unverständliches, das nicht besonders freundlich klang, aber er setzte sich an den Tisch und nahm einen großen Schluck aus seiner Tasse.

Papa atmete tief ein und legte die Stirn in Falten.

„Was riecht denn hier so gut?“, fragte er.

„Ich habe heute Nacht Plätzchen gebacken“, antwortete Toni und zeigte auf den Teller.

„DU hast gebacken?“, prustete Martin. „Und die Dinger soll man essen können?“

„Martin!“ Papa warf ihm einen mahnenden Blick zu. Er setzte sich, nahm ein Plätzchen und schob es sich in den Mund.

„Mmmmh, lecker!“, schmatzte er. „Los Martin, probier auch eins!“

Widerstrebend griff Martin nach einem Plätzchen. Während er kaute, sah er Toni ungläubig an. Er probierte auch eine Kokosmakrone und einen Lebkuchen. Mit jedem Bissen wurden seine Augen größer.

„Das gibt’s doch nicht!“, murmelte er schließlich. „Die schmecken fast wie die von …“

„Aber nur fast“, beeilte Toni sich zu sagen. „Niemand kann so gut backen wie Mama.“

Beinahe rechnete er damit, dass sein Bruder ihn wieder anschreien würde, weil er Mama erwähnt hatte, aber Martin starrte nur auf die Plätzchen und nickte.

„Danke, Toni“, sagte Papa und strich ihm über den Kopf. Dann fügte er hinzu: „Vielleicht war ich etwas voreilig damit, dir die Weihnachtsvorbereitungen zu verbieten.“

Toni traute seinen Ohren nicht. Sollten Mamas Wunderplätzchen tatsächlich so schnell wirken?

Doch schon grätschte Martin dazwischen: „Die Plätzchen sind ja ganz okay. Aber den ganzen anderen Weihnachtsscheiß, der dir noch einfällt, brauchen wir wirklich nicht!“

Toni sackte in sich zusammen. Sein Bruder war und blieb ein Ekel. Wie hatte er nur glauben können, dass ein paar Kekse etwas daran ändern konnten?

„Ich finde, wir sollten Toni wenigstens eine Chance geben“, sagte Papa und legte Martin eine Hand auf die Schulter.

„Eine Chance wofür?“, raunzte der und warf Toni einen vernichtenden Blick zu.

„Uns davon zu überzeugen, dass Weihnachten mehr ist als eine Zeit zum Trauern“, erklärte Papa.

„Macht doch, was ihr wollt!“, brummte Martin und stand auf.

„Setz dich wieder hin!“, sagte Papa ruhig und Martin ließ sich zurück auf den Stuhl fallen.

„Ich denke, wir sollten mal wieder etwas zusammen unternehmen“, fuhr Papa fort.

„Und was?“, fragte Martin gereizt.

„Es hat so schön geschneit heute Nacht“, sagte Papa, „alles ist weiß und ich würde gerne einen Winterspaziergang mit euch machen.“

„Ui ja!“, jubelte Toni. Sein Herz klopfte wie wild vor Freude. Martin zog eine Augenbraue hoch und musterte Papa. Wahrscheinlich suchte er in dessen Gesicht nach Anzeichen dafür, dass sein Vorschlag ein Scherz war.

„Ich meine es ernst“, sagte Papa, als könne er Martins Gedanken lesen, „und ihr kommt beide mit. Keine Widerrede!“

Toni sprang auf und umarmte Papa stürmisch. Martin schlug die Hände vors Gesicht und stieß einen langen Seufzer aus.

Adventskalender 2018

15. Dezember

„Wow!“, flüsterte Toni, als sie in die Küche kamen, und seine Augen wurden groß und größer. Der Backofen war vorgeheizt und alle Zutaten für den Teig standen schon bereit. Auf dem Küchentisch drängten sich kleine Behälter mit Schokostreuseln, bunten Zuckerperlen, Mandelplättchen und Kokosflocken sowie Tuben mit Lebensmittelfarbe.

„Deswegen warst du heute so spät dran“, sagte Toni.

Mama band erst ihm und dann sich selbst eine Schürze um.

„An die Arbeit!“, rief sie und klatschte in die Hände.

Toni gab die erforderliche Menge an Zutaten in eine Schüssel und Mama knetete einen Teig daraus. Nachdem sie ihn ausgerollt hatten, durfte Toni die Plätzchen ausstechen. Mama hatte viele verschiedene Ausstechformen vorbereitet, darunter Sterne, Rentiere und Tannenbäume. Doch Tonis Favorit hatte die Form einer Zuckerstange.

Als die ersten beiden Backbleche im Ofen waren, stahl sich ein verdächtiges Lächeln auf Mamas Gesicht.

„Was hast du vor?“, fragte Toni, der dieses Grinsen allzu gut kannte. Es lag eindeutig Blödsinn in der Luft.

Ohne Vorwarnung nahm Mama eine Handvoll Mehl und blies sie in Tonis Richtung. Der kreischte vor Vergnügen, nahm ebenfalls etwas Mehl und warf es Mama ins Gesicht. Innerhalb von Sekunden tobte eine Mehlschlacht in der Küche. Erst das Piepsen des Ofens unterbrach das wilde Treiben. Lachend strich sich Mama eine weiße Haarsträhne aus dem Gesicht und Toni ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken.

„Das war klasse!“, keuchte er und begutachtete das Chaos, das sie angerichtet hatten. Boden und Schränke waren über und über mit Mehl bedeckt und Toni hatte keinen Zweifel daran, dass er ebenso mit weißem Staub überzogen war wie Mama.

„Lass uns weitermachen!“, sagte sie nach einer Weile.

Während Toni die fertigen Plätzchen verzierte, backte Mama Kokosmakronen, Vanillekipferl und Lebkuchen. In der Küche breitete sich ein herrlicher Weihnachtsduft aus.

Als sie mit allem fertig waren, setzte Mama sich zu Toni und stellte zwei Tassen mit heißer Schokolade auf den Küchentisch.

„Ihr habt ja nicht mal Marshmallows zum Eintauchen im Haus“, stellte sie kopfschüttelnd fest. „Wenn ich das gewusst hätte …“

„Ich sag doch, ohne dich geht hier alles den Bach runter!“, grinste Toni und nahm einen großen Schluck seiner Schokolade.

„Wir bringen das schon wieder in Ordnung“, sagte Mama und strich ihm über die Wange. „Unsere Plätzchen werden Wunder wirken.“

„Hoffentlich hast du recht“, erwiderte Toni, auch wenn er es sich nach der Pleite mit den letzten Überraschungen kaum vorstellen konnte.

Mama sah hinüber zu den Adventskalendern. Martin hatte seinen noch immer nicht angerührt.

Toni folgte ihrem Blick und sagte: „Wenigstens Papa freut sich jeden Tag über seine Pralinen.“

„Und wie gefallen dir deine Überraschungen?“, wollte Mama wissen.

„Die sind spitze!“, sagte Toni. Neben dem Sternenstaub hatte er bisher verschiedene Holzfiguren, Schokolade und ein kleines Bilderbuch in seinen Tüten gefunden.

„Es wird Zeit, Anton!“, sagte Mama schließlich und stand auf. „Ich räume hier noch auf und du gehst ins Bett. Es ist schon spät.“

Toni verabschiedete sich mit einer langen Umarmung von ihr und ging hinauf in sein Zimmer. Als er ins Bett kroch, dachte er darüber nach, wie es sein würde, wenn Mama irgendwann nicht mehr jede Nacht zu ihm käme. Sein Herz zog sich zusammen und er schob den Gedanken schnell beiseite. Noch war sie hier und das war die Hauptsache!

Adventskalender 2018

14. Dezember

In den nächsten Nächten wurde das Vorlesen einer Geschichte für die beiden zur Routine. Toni genoss die Zeit mit Mama, vor allem weil die Stimmung im Haus seit dem Nikolaustag miserabel war. Toni hatte zwar das Gefühl, dass Papa seine Worte leid taten, aber solange er Martin nicht zurechtwies und ihm, Toni, damit den Rücken stärkte, konnte er auf Papas schlechtes Gewissen verzichten. Martin hingegen verschanzte sich zunehmend in seinem Zimmer und ignorierte Toni so gut er konnte. Tonis Auseinandersetzung mit Papa schien ihn darin bestärkt zu haben, dass es vollkommen okay war, sich seinem kleinen Bruder gegenüber wie ein Vollidiot zu benehmen.

Trotz allem – oder vielleicht gerade weil sein Groll auf Papa und Martin groß war – fehlten Toni die weihnachtlichen Überraschungen. Jedes Mal, wenn Mama zu ihm kam, hoffte er, dass sie endlich wieder etwas Schönes aushecken würden. Doch Mama hielt den richtigen Zeitpunkt noch nicht für gekommen. Erst in der Nacht auf den dritten Advent kam ihr gemeinsames Vorhaben, Papa und Martin aufzuheitern und die Stimmung innerhalb der Familie zu verbessern, wieder ins Rollen.

Toni saß in seinem Bett und wartete auf Mama. Er starrte auf die blinkenden Lichter am Fenster. Draußen fielen dicke Schneeflocken vom Himmel und hatten Straßen, Dächer und Gärten bereits angezuckert. Hin und wieder warf Toni einen Blick auf seinen Wecker. Sie war spät dran. Hoffentlich kam sie überhaupt noch!

Das Buch, das er für heute ausgesucht hatte, lag neben seinem Kopfkissen bereit.

„Eine schöne Geschichte“, sagte eine Stimme hinter ihm.

Erschrocken fuhr Toni herum.

„Mama! Seit wann schleichst du dich denn so an?“

„Ich dachte, du hättest dich mittlerweile an meine Besuche gewöhnt.“

„Ja, schon. Aber ich war gerade in Gedanken“, gab Toni zu. Mama lächelte und küsste ihn auf die Stirn.

„Schade, dass wir deine Geschichte heute nicht lesen können“, sagte sie dann.

Toni stutzte: „Warum denn nicht?“

„Weil wir etwas Wichtigeres zu tun haben“, antwortete Mama mit einem Augenzwinkern.

Aufgeregt hopste Toni auf dem Bett herum: „Bereiten wir heute endlich wieder eine Überraschung vor? Was machen mir, Mama? Los, sag schon!“

„Es wird Zeit, dass wir die Weihnachtsbäckerei eröffnen“, sagte sie und nahm Toni bei der Hand.

„Wir backen Plätzchen? Das ist klasse, Mama!“, jubelte Toni und sprang aus dem Bett.

Auf Zehenspitzen schlich er zur Tür, öffnete sie vorsichtig einen Spalt breit und spähte den Flur entlang.

„Die Luft ist rein“, sagte er. „Erinnerst du dich noch, wie laut die Treppe knarzt, Mama? Wir müssen ganz leise sein, damit Papa und Martin nicht aufwachen!“

Mama lachte und Toni sah sie verständnislos an.

„Um Papa und Martin brauchen wir uns heute Nacht keine Gedanken zu machen, Anton“, erklärte sie. „Ich habe dafür gesorgt, dass die beiden nicht aufwachen werden!“

Toni hatte keine Ahnung, wie Mama das gemacht hatte, aber seitdem sie zum ersten Mal bei ihm aufgetaucht war, wunderte ihn gar nichts mehr. Hand in Hand gingen sie die Treppe hinunter.

Adventskalender 2018

13. Dezember

Eng an Mama gekuschelt lag Toni in seinem Bett. Seitdem sie in seinem Zimmer erschienen war, weinte er. Tröstend streichelte Mama ihm über den Rücken, bisher erfolglos.

„Nimm es nicht so schwer, Anton! Wir wussten doch, dass es nicht leicht werden würde.“

Tonis Antwort ging in einem Schluchzen unter.

„Wir lassen den beiden einfach etwas Zeit und gehen es ruhiger mit den Überraschungen an“, fuhr Mama fort.

Toni sah sie erschrocken an: „Heißt das, du kommst nicht mehr?“

„Nein, natürlich komme ich weiterhin zu dir. Aber wir lassen ein paar Tage vergehen, bevor wir noch einen Versuch starten.“

„Das bringt doch alles nichts!“, sagte Toni und schnäuzte sich. „Kannst du dich Papa und Martin nicht auch einfach zeigen? Vielleicht hilft das, damit sie wieder normal werden.“

„Das geht leider nicht, Anton“, erklärte Mama. „Die beiden sind noch nicht so weit. Ihre Herzen sind noch so verschlossen, dass sie mich nicht sehen könnten.“

„Na toll“, seufzte Toni, „Martins Herz ist aus Stein, seitdem du tot bist. Um da irgendwas zu öffnen, brauchst du einen Panzer! Der Nikolausstiefel steht immer noch vor seiner Tür. Er hat ihn sich nicht einmal angesehen. Und an seinem Adventskalender sind auch noch alle Tüten zu.“

„Willst du aufgeben?“, fragte Mama.

Er wischte sich die Tränen weg, dann schüttelte er den Kopf.

„Natürlich nicht“, sagte er dann, „aber bis Heiligabend sind es nur noch siebzehn Tage und jeder Tag, der vergeht, bringt uns näher an den Tag, an dem du gestorben bist. Ich glaube nicht, dass Papa und Martin da plötzlich Weihnachtsgefühle bekommen werden.“

„Ich lasse mir etwas einfallen, Anton!“, antwortete Mama. „Und jetzt versuch zu schlafen!“

Toni schlang die Arme um ihren Hals und flüsterte: „Kannst du mir eine Geschichte vorlesen? So wie früher.“

„Das mach ich sehr gerne“, sagte sie und nahm ein Buch aus dem Regal. Gemeinsam kuschelten sie sich unter die Decke und Mama begann zu lesen. Toni schloss die Augen und stellte sich vor, dass tatsächlich alles wie früher war – vor Mamas Tod.

Adventskalender 2018

12. Dezember

Als er am nächsten Morgen ins Bad gehen wollte, wäre er beinahe über einen seiner Winterstiefel gestolpert, der vor seiner Zimmertür stand.

„Wie kommt der denn hier her?“, murmelte Toni.

Er nahm den Stiefel und sah, dass er bis oben hin mit Schokolade, Mandarinen und Nüssen gefüllt war. Deswegen war Mama letzte Nacht nicht zu ihm gekommen! Er schaute den Flur hinunter. Auch vor Martins Tür und vor dem Schlafzimmer standen befüllte Stiefel.

Toni rannte los. Ohne anzuklopfen stürmte er in Papas Zimmer und rief: “Der Nikolaus war da!“

Papa schreckte hoch und sah ihn verwirrt an: „Was sagst du da?“

„Komm schnell, Papa!“, rief Toni, zog ihn am Ärmel seines Pyjamas und hielt ihm seinen Winterstiefel vor die Nase. „Heute Nacht war der Nikolaus da und hat uns Geschenke gebracht! Für dich steht auch ein Stiefel draußen.“

Papa stand auf und folgte Toni in den Flur.

„Tatsächlich“, staunte er.

Nachdem er den Inhalt seines Stiefels begutachtet hatte, legte er einen Arm um Tonis Schultern und führte ihn zurück ins Schlafzimmer. Dort setzten sie sich nebeneinander aufs Bett.

„Du gibst dir wirklich sehr viel Mühe“, sagte Papa.

„Damit hab ich nichts zu tun“, widersprach Toni.

„Ja, natürlich!“ Papa bedachte ihn mit einem wissenden Blick. „Aber lassen wir jetzt mal die Kindereien, Toni. Ich denke, wir müssen uns endlich ernsthaft über die ganze Sache unterhalten.“

„Was meinst du?“ Toni rutschte nervös auf der Bettkante hin und her.

„Versteh mich nicht falsch, mein Junge“, sagte Papa, „ich finde es wirklich rührend, wie du versuchst, ein wenig Weihnachtsstimmung ins Haus zu zaubern. Aber ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin. Und Martin ist ganz sicher noch nicht so weit. Du merkst ja selbst, dass dein Bruder noch immer etwas neben der Spur ist. Vielleicht kommt Weihnachten dieses Jahr noch zu früh für uns.“

Toni spürte einen Kloß im Hals. Was, wenn Mama ihn nicht mehr besuchen würde, wenn Papa die Weihnachtsüberraschungen verbot?

„Martin verletzt es sehr, wenn wir die Adventszeit so an die große Glocke hängen“, fuhr Papa fort.

In Tonis Bauch brodelte es wie in einem Vulkan. Glühendheißer Zorn stieg in ihm hoch.

„Du solltest etwas mehr Rücksicht auf seine Gefühle nehmen.“

Peng! Jetzt reichte es aber!

„Ich soll Rücksicht auf Martin nehmen? Soll das ein Witz sein?“, presste Toni hervor. So hatte er noch nie mit Papa geredet, aber jetzt konnte er nicht mehr an sich halten.

„Und wer nimmt Rücksicht auf mich und meine Gefühle? Martin ist seit fast einem Jahr nur noch gemein zu mir, er gibt mir schlimme Namen und du tust nichts dagegen. Du tust sowieso überhaupt nichts mehr! Ihr behandelt mich wie ein Baby, als wäre ich zu blöd zu kapieren, dass Mama tot ist. Aber wenn es um Weihnachten geht, dann soll ich mich plötzlich erwachsen verhalten?“

„Toni, so war das doch nicht gemeint. Beruhige dich!“

„Nein Papa, ich hab das alles so satt!“, rief Toni und sprang auf. „Es geht immer nur um dich und Martin. Mir fehlt Mama auch. Ich will über sie reden. Ich will mich an sie erinnern – jeden Tag, und besonders an Weihnachten! Aber ihr interessiert euch nur für euch und dafür, was ihr wollt. Martin bin ich sowieso scheißegal! Und dir anscheinend auch!“

Papa sah Toni fassungslos an, sagte jedoch kein Wort.

„Meine Lehrerin sagt immer: Keine Antwort bedeutet Zustimmung“, flüsterte Toni und ging.

Martin stand feixend in seiner Zimmertür: „Du hast recht, Schwachkopf! Du bist mir wirklich scheißegal. Genauso wie dein dämlicher Weihnachtsmüll. Du willst nicht behandelt werden wie ein Baby? Dann verhalt dich auch nicht so! Weiß doch jeder Idiot, dass du letzte Nacht den Nikolaus gespielt hast.“

Damit schlug Martin ihm die Tür vor der Nase zu.

„Wenn du wüsstest!“, murmelte Toni und streckte der verschlossenen Tür die Zunge heraus.

Adventskalender 2018

11. Dezember

Toni atmete tief durch. Sanft strich er über die goldene Kordel und brachte damit die Tüten zum Hüpfen. Mama hatte jede rot angemalt und die Zahlen aus goldenem Tonpapier ausgeschnitten. Mit zittrigen Fingern griff Toni in die fünfte Tüte. Darin befand sich ein durchsichtiges Röhrchen mit Sand. Toni runzelte die Stirn. Dann sah er den kleinen Zettel, der an dem Röhrchen befestigt war. Sternenstaub stand darauf. Toni musste schmunzeln. Mama schien Martins Wutausbruch gestern tatsächlich gehört zu haben.

Wie aufs Stichwort tauchte sein Bruder in der Tür auf.

„Was ist das denn?“, fragte er.

„Toni hat für uns alle Adventskalender gebastelt“, antwortete Papa und setzte sich mit einer Tasse Kaffee an den Küchentisch.

„Aha“, grunzte Martin und setzte sich ebenfalls, ohne Toni oder die Kalender eines Blickes zu würdigen.

„Willst du nicht reinschauen?“, fragte Toni.

„Ich habs dir schon mal gesagt, lass mich mit deinem blöden Weihnachten in Ruhe!“

„Ich hab dir extra einen mit Eisbären gemacht“, startete Toni noch einen Versuch.

„Bist du taub oder was?“, fuhr Martin ihn an. „Ich hab keinen Bock auf deinen scheiß Kinderkram! Und deine blöden Viecher kannst du dir sonst wohin schieben!“

Toni ballte die Fäuste. Die ganze Arbeit umsonst. Stundenlang hatte er die Tüten blau bemalt und mit Deckweiß liebevoll Eisbären darauf gekleckst, für nichts und wieder nichts! Am liebsten hätte er seinem Bruder das Röhrchen mit dem Sternenstaub an den Kopf geworfen, aber auch das wäre die reinste Verschwendung gewesen. Stattdessen sah er zu Papa hinüber, doch der zuckte nur mit den Schultern und vertiefte sich in seine Zeitung.

Die Lust auf Frühstück war Toni vergangen. Er ging zurück in sein Zimmer, um sich für die Schule anzuziehen, und knallte die Tür hinter sich zu.

In dieser Nacht lag Toni lange wach und wartete auf Mama, aber sie kam nicht. Wahrscheinlich hat Martin sie mit seinem ständigen Gemecker vergrault, dachte Toni mit Tränen in den Augen. Die Wut auf seinen Bruder war so groß, dass er sich noch einige Zeit hin und her wälzte, ehe er endlich einschlief.

Adventskalender 2018

10. Dezember

Der Wecker klingelte um sechs Uhr dreißig. Toni schaltete seine Nachttischlampe ein und streckte sich. Als sein Blick auf den Schreibtisch fiel, bekam er sofort einen Kloß im Hals und sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Der Schreibtisch war ordentlich aufgeräumt, kein Papierschnipsel und kein Körnchen Glitzerpulver erinnerten an die nächtliche Bastelei mit Mama.

„Ich kann das doch nicht alles nur geträumt haben?“, murmelte Toni. „Bitte, bitte nicht!“

Er sprang aus dem Bett und lief die Treppe hinunter. Sein Herz raste, als er die Hand auf die Klinke legte und die Küchentür langsam öffnete.

Beinahe hätte er laut gejubelt. Neben dem Kühlschrank, direkt unter dem Wandkalender hingen die drei fertigen Adventskalender. Papas verzierte Tüten hingen an einer roten Kordel, Martins an einer grünen und seine eigenen an einer goldenen. Es war kein Traum! Sie war wirklich bei ihm gewesen!

„Danke, Mama!“, flüsterte Toni.

Dann entdeckte er eine weitere Überraschung. Auf dem Küchentisch stand ein kleiner Adventskranz mit vier weißen Kerzen. Toni holte eine Packung Streichhölzer und zündete eine der Kerzen an.

„Was ist denn hier los?“

Toni zuckte erschrocken zusammen. Papa stand in der Küchentür und sah mit großen Augen zwischen dem Adventskranz und den selbstgebastelten Kalendern hin und her.

„Hast du das gemacht?“, fragte er.

Toni nickte. Hoffentlich wurde Papa nicht wieder traurig und ging. Doch Papa blieb.

„Schön!“, sagte er, ging zu Toni und strich ihm über den Kopf.

„Willst du gleich mal schauen, was heute in deinem Adventskalender ist?“, fragte Toni.

Papa zögerte einen kurzen Moment. Doch dann nickte er und ging hinüber zum Kühlschrank.

„Der mit der roten Kordel ist deiner“, erklärte Toni.

Vorsichtig betastete Papa einige der verzierten Tüten.

„Die ersten vier Tütchen sind leer, aber ab heute wartet jeden Tag eine Überraschung auf dich“, wiederholte Toni das, was Mama ihm in der Nacht zuvor gesagt hatte.

Papa öffnete die Tüte mit der Fünf, auf die Toni eine große rote Sternschnuppe gemalt hatte, und zog eine Praline heraus. Genüsslich biss er hinein: „Mmmmh, Walnuss!“

Toni lächelte. Es war das erste Mal seit Langem, dass Papa nicht irgendwo saß und traurig vor sich hinstarrte.

„Was ist heute in deinem Kalender, Toni?“

„Ich hab noch nicht nachgesehen.“

„Aber du hast ihn doch selbst befüllt.“ Papa sah ihn erstaunt an.

Toni starrte auf den Boden und suchte nach einer Ausrede.

„Ich hab extra nicht geschaut, was ich in welche Tüte stecke“, sagte er schließlich.

„Dann sieh jetzt nach“, sagte Papa und schaltete die Kaffeemaschine ein.

Adventskalender 2018

9. Dezember

Auf Tonis Schreibtisch lagen bereits kleine weiße Papiertüten bereit, in die Mama früher ihre Pausenbrote eingepackt hatte. Jetzt mussten sie sich selbst darum kümmern. Martin konnte sich an seiner Schule wenigstens etwas am Pausenverkauf besorgen, doch Toni musste sich meist mit einer trockenen Breze vom Vorabend zufriedengeben, falls Papa es überhaupt geschafft hatte zum Bäcker zu gehen. Toni störte das nicht weiter. Zum Frühstück aß er eine große Schale Cornflakes und in der Schule hatte er dann nur selten richtig Hunger. Aber ihm fehlte das Gefühl, dass sich jemand um ihn kümmerte.

„Was hältst du davon“, fragte Mama und riss ihn damit aus seinen Gedanken, „wenn wir die Tüten anmalen und verzieren, bevor wir kleine Geschenke hineingeben?“

Tonis Augen strahlten. „Das ist eine großartige Idee!“, jubelte er.

„Ich werde mich um deinen Adventskalender kümmern“, sagte Mama, „damit du auch eine Überraschung hast. Fang du doch schon mal mit den Tüten für Papa und Martin an!“

Toni überlegte, ob Martin es überhaupt verdiente, dass er so etwas Schönes für ihn machte. Doch dann fielen ihm Mamas Worte ein, dass jeder von ihnen anders mit seiner Trauer umging.

„Ich könnte Martins Adventskalender mit Eisbären verzieren. Das sind doch seine Lieblingstiere“, sagte er schließlich.

Mama fuhr ihm lächelnd mit der Hand durch die Haare: „Darüber wird er sich mit Sicherheit sehr freuen.“

Mit Feuereifer machte Toni sich an die Arbeit. Hin und wieder warf er Mama einen verstohlenen Blick zu. Sie war vollkommen in ihr Tun vertieft und bemerkte gar nicht, dass er sie beobachtete. Eine der Haarsträhnen, die sie sich hinters Ohr geschoben hatte, hatte sich gelöst, so dass sie ab und an die Unterlippe vorschob, um sie sich aus dem Gesicht zu pusten. Diese Geste war typisch für Mama und Toni musste angesichts der Normalität, die davon ausging, schmunzeln. Der Streit mit Martin und seine Enttäuschung über Papas Teilnahmslosigkeit waren für den Moment in weite Ferne gerückt.

Als Toni mit dem Eisbärenkalender für seinen Bruder fertig war, bemalte er Papas Tüten mit Tannenbäumen, Schneemännern und Weihnachtskugeln, er beklebte sie mit Sternen aus goldenem Tonpapier und bestreute sie mit jeder Menge Glitzerpulver. Anschließend betrachtete er zusammen mit Mama sein Werk.

„Das hast du sehr schön gemacht, Anton!“, sagte sie und drückte ihn fest an sich. „Jetzt aber ab ins Bett mit dir! Morgen ist schließlich Schule!“

„Aber wir haben die Kalender doch noch gar nicht befüllt!“, protestierte Toni.

„Keine Sorge, das ist meine Aufgabe!“

Lächelnd schob Mama ihn zum Bett und wartete, bis er sich unter die Decke gekuschelt hatte.

„Ich denke, es ist besser, wenn du meinen Besuch vorerst für dich behältst, Anton“, sagte sie. Dann küsste sie ihn auf die Stirn.

„Ich bin so froh, dass du wieder da bist, Mama!“, murmelte Toni. Wenige Sekunden später war er eingeschlafen.

Adventskalender 2018

8. Dezember

„Martin ist ein richtiges Ekel“, brach es aus Toni heraus. „Er ist nur noch gemein zu mir und sagt schlimme Sachen. Und Papa spricht fast gar nicht mehr mit uns und Weihnachten will er auch nicht feiern. Irgendwie ist ihm alles egal. Manchmal glaube ich, dass die beiden gar nicht richtig traurig darüber sind, dass du gestorben bist. Nicht so traurig wie ich.“

„Jeder Mensch geht anders mit seiner Trauer um, Anton“, sagte Mama und nahm seine Hand. „Martin ist wütend auf alles und jeden. Auf Papa, auf dich, sogar auf sich selbst, weil ihr alle nicht verhindern konntet, dass ich sterbe.“

„Er sagt auch schlimme Sachen über dich.“

„Auf mich ist er auch wütend, weil er sich von mir allein gelassen fühlt. Dein Bruder weiß nicht, wie er damit umgehen soll. Also wird er sauer. In Wahrheit leidet er genauso wie du.“

„Ich finde er redet Blödsinn!“, protestierte Toni.

„Das hast du auch vor meinem Tod schon gedacht“, sagte Mama und lachte.

Toni war sich nicht sicher, ob er das lustig fand, aber ihr Lachen steckte ihn an.

„Und Papa?“, fragte er schließlich. „Hat er uns nicht mehr lieb?“

„Oh doch!“, antwortete Mama. „Euer Vater liebt euch sehr. Erinnerst du dich noch, als Martin dich vor ein paar Jahren in die Abstellkammer gesperrt hat?“

Toni nickte. Es war schrecklich dunkel in der blöden Kammer gewesen. Blindlings hatte er sich bis zur Tür vorgetastet, nur um festzustellen, dass sie verschlossen war. Er hatte mit den Fäusten dagegen gehämmert und geschrien, aber seine Eltern hatten ihn nicht gehört.

„Ich hatte solche Angst, nie wieder dort rauszukommen!“

„Genau so geht es Papa auch gerade“, sagte Mama. „Nur dass er nicht in der Abstellkammer eingesperrt ist, sondern in seinem Körper, mit all seinen trüben Gedanken.“

„Klingt logisch“, sagte Toni. Mama wuschelte ihm durch die Haare und lächelte.

„Ich mache mir ein bisschen Sorgen um Papa“, meinte sie nach einer Weile. „aber jetzt bin ich ja hier, um euch aufzuheitern, und am besten fangen wir gleich damit an!“

„Wir?“

„Ich dachte, du hilfst mir dabei, wo du doch genauso vernarrt in Weihnachten bist wie ich. Bis Heiligabend ist noch viel zu tun. Wir sollten also keine Zeit verlieren!“

„Klar helfe ich dir!“, rief Toni und sprang aus dem Bett. „Womit fangen wir an?“

„Morgen ist zwar schon der 5. Dezember“, antwortete Mama, „aber ich denke, es ist noch nicht zu spät für Adventskalender.“

Adventskalender 2018

7. Dezember

Toni erwachte, weil etwas über sein Gesicht strich wie ein warmer Sommerwind. Das bunte Blinken der Lichterkette durchzuckte die Dunkelheit. Der Wecker auf seinem Nachttisch verriet ihm, dass es noch nicht einmal zwei Uhr morgens war. Toni gähnte. Normalerweise wurde er nicht mitten in der Nacht wach. Gerade wollte er sich umdrehen und weiterschlafen, als jemand seinen Namen flüsterte: „Anton!“

Tonis Herz begann zu rasen. Es hatte nur einen Menschen gegeben, der ihn immer Anton genannt hatte.

„Mama?“

Auf seiner Bettdecke leuchtete ein winzig kleiner goldener Punkt auf. Nicht größer als ein Glühwürmchen. Toni sah zu, wie das Licht langsam anwuchs, bis schließlich sein ganzes Zimmer von einem goldenen Strahlen erfüllt war. Er musste seine Augen mit der Hand abschirmen, um nicht geblendet zu werden. Als das Leuchten wieder etwas nachließ, saß eine Frau auf seiner Bettkante. Sie war ganz in Weiß gekleidet und ihre rötlichen Haare fielen ihr in sanften Wellen auf die Schultern. Sie lächelte und ihre grünen Augen strahlten. Es bestand kein Zweifel!

„Mama!“, rief Toni und wollte sich ihr in die Arme werfen. Doch plötzlich hielt er inne.

„Kann ich dich überhaupt anfassen?“, fragte er.

„Natürlich“, antwortete sie und zog ihn fest an sich. Toni vergrub sein Gesicht an ihrem Hals und atmete tief ein. Mama roch genauso wie früher.

Toni löste sich aus ihrer Umarmung und starrte ungläubig in ihr Gesicht. Alles war wie immer. Die feinen Sommersprossen auf ihrer Nase. Die Grübchen, wenn sie lächelte. Sogar die feinen Fältchen um ihre Augen waren noch da.

„Das muss ein Traum sein!“, flüsterte er. Er kniff die Augen zusammen und zwickte sich mehrmals fest in den Arm. Der Schmerz war deutlich zu spüren.

Als er die Augen wieder öffnete, saß Mama ihm noch immer gegenüber. Lachend strich sie ihm durchs Haar.

„Das ist kein Traum, mein Liebling! Du hast mich gebeten zu kommen. Und hier bin ich!“

„Bist du ein Engel?“, fragte Toni.

„So könnte man es wohl sagen“, antwortete sie.

„Und wie lange bleibst du?“

Sie zuckte die Achseln: „So lange, wie es nötig sein wird.“

„Für immer? Kannst du nicht einfach für immer bleiben?“

„Nein, Anton!“ Sie schüttelte den Kopf und für einen kurzen Moment sah sie ein bisschen traurig aus. „Das geht leider nicht. Aber ich werde so lange bleiben, bis hier wieder alles seinen geregelten Gang geht. Das verspreche ich dir!“

„Seitdem du weg bist, ist alles so schrecklich. Papa und Martin benehmen sich, als wären sie gar nicht mehr sie selbst.“

„Ich weiß“, sagte sie.

„Du weißt es? Woher?“ Toni sah sie mit weit aufgerissenen Augen an.

„Weil ich nicht wirklich weg bin. Ihr könnt mich zwar nicht mehr sehen, aber ich bin immer bei euch. Ich sitze mit euch am Küchentisch, ich wache über euren Schlaf. Und natürlich sehe ich auch, wie schlecht es euch geht.“

Adventskalender 2018

6. Dezember

Tonis Herz setzte beinahe einen Schlag aus. Würmer? Das konnte doch nicht Martins Ernst sein?

„Mama ist jetzt im Himmel und der liebe Gott passt auf sie auf“, sagte er.

Martin verdrehte die Augen: „Na toll, der kleine Schwachkopf meldet sich auch noch zu Wort!“

„Nenn mich nicht so!“, flüsterte Toni. Er war kurz davor, in Tränen auszubrechen, kämpfte sie aber nieder.

„Du denkst also, dass Mama im Himmel ist?“, lachte Martin. „Sitzt sie dort auf einer Wolke und wirft nachts Sternenstaub auf dich?“

Tante Rita schnappte nach Luft, sagte aber nichts. Niemand sprang Toni bei.

„Und dein lieber Gott“, fuhr Martin fort, „wenn es den tatsächlich gäbe, dann hätte er schon auf Mama aufgepasst, als sie noch am Leben war. Dann hätte er sie gar nicht erst krank werden lassen.“

Martin hieb bei jedem Wort mit der Faust auf den Tisch. Mittlerweile schrie er: „Mama ist tot. TOT! Es gibt keinen Gott! Hörst du, was ich sage? Es gibt keinen scheiß Gott!“

„Jetzt reicht es aber!“, rief Onkel Fred, der neben Martin saß, und schlug ihm mit der flachen Hand in den Nacken.

Toni riss erschrocken die Augen auf. Martins Kopf ruckte von dem Schlag nach vorne, ansonsten zeigte er keine Reaktion.

„So redet man erstens nicht mit seinem Bruder“, polterte Onkel Fred, „und zweitens spricht man nicht so respektlos von Gott.“

Martins Wangen glühten, seine Hände waren zu Fäusten geballt. Hilfesuchend sah er zu Papa hinüber. Doch der saß nach wie vor regungslos da. Toni war sich nicht sicher, ob er die Aufregung der letzten Minuten überhaupt mitbekommen hatte.

Martin sprang auf. Sein Stuhl schrammte quietschend über den Küchenboden.

„Leckt mich doch alle!“, schrie er. Dann stürmte er aus der Küche.

„Also sowas!“, murmelte Tante Rita und tätschelte Onkel Freds Arm.

„Das wirst du dem Jungen hoffentlich nicht durchgehen lassen!“, sagte der an Papa gewandt.

Papa schien endlich aus seiner Starre zu erwachen. Er strich Toni liebevoll übers Gesicht. Dann sah er Onkel Fred und Tante Rita lange an.

„Ich denke, es ist besser, wenn ihr jetzt geht“, sagte er schließlich. „Das ist momentan alles etwas viel für uns.“

Onkel Fred wirkte enttäuscht. Dennoch standen die beiden ohne weitere Diskussion auf und gingen in den Flur, um sich ihre Mäntel anzuziehen. Papa begleitete sie.

Toni blieb am Küchentisch sitzen. Sein Kopf dröhnte. All die schlimmen Sachen, die Martin gesagt hatte, schwirrten darin herum: An welchem bekackten Ort soll es denn besser für sie sein als hier bei uns? Dafür wird sie jetzt von Würmern zerfressen. Es gibt keinen scheiß Gott!

Wenn Mama noch da wäre, hätte Martin sowas nie gesagt. Gut, dann hätte er auch keinen Grund gehabt, so auszurasten, das war Toni klar. Aber selbst wenn es einen gegeben hätte, hätte er niemals so reagiert. Mit Mama waren sie eine richtige Familie gewesen, in der sich alle lieb hatten und für böse Worte kein Platz war. Ohne sie war alles anders und alles war irgendwie schlecht. Toni legte den Kopf auf den Küchentisch, schloss die Augen und stellte sich vor, dass Mama neben ihm saß.

„Bitte komm zurück!“, flüsterte er. „Ich weiß ja, dass das nicht geht, aber du fehlst mir so! Und bitte mach, dass Papa und Martin wieder normal werden!“

Tränen rannen ihm über das Gesicht und sickerten in das Tischtuch. Plötzlich breitete sich eine seltsame Wärme auf seinem Rücken aus, die erst von oben nach unten und dann wieder zurück nach oben wanderte. So als würde Mama ihn streicheln, wie sie es früher immer gemacht hatte, wenn er nach dem Abendbrot so müde war, dass er beinahe im Sitzen einschlief. Toni genoss das Gefühl und wäre am liebsten ewig so sitzen geblieben. Doch auf einmal kam es ihm so vor, als wäre er nicht mehr allein in der Küche.

„Mama, bist du das?“, fragte er. Er bekam keine Antwort, aber das Streicheln auf seinem Rücken ließ nicht nach.

Toni riss die Augen auf und drehte sich blitzschnell um. Der Platz neben ihm war noch immer leer und auch sonst befand sich niemand mit ihm in der Küche. Enttäuscht atmete Toni tief durch. Das Gefühl auf seinem Rücken war verschwunden. Er hatte sich alles nur eingebildet!

Als er sich später in sein Bett legte, kuschelte er sich ganz fest an Mamas Pullover. Die bunte Lichterkette an seinem Fenster blinkte ihn in den Schlaf.

Adventskalender 2018

5. Dezember

Zwei Tage später war Papas Geburtstag. Wie jedes Jahr hatten sich Onkel Fred, Papas Bruder, und Tante Rita, Freds Frau, zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Toni hatte den Tisch gedeckt, während Martin zur Bäckerei geradelt war. Papa hatte sich den ganzen Tag in seinem Büro verschanzt und war ihnen keine Hilfe gewesen.

Jetzt saßen sie zu fünft um den Küchentisch. Der Platz neben Toni blieb leer. Letztes Jahr hatte Mama noch dort gesessen. Abgemagert und sehr schwach hatte sie ausgesehen. Toni wusste damals nur, dass sie einen Krebs im Bauch hatte, darunter vorstellen konnte er sich nichts. Mama hatte ihm aber erklärt, dass ihre Krankheit nichts mit dem Tier zu tun hatte.

Tante Rita und Onkel Fred erzählten gerade von ihrem geplanten Urlaub. Karibik. Zwei Wochen. Direkt nach den Weihnachtsfeiertagen. Man musste schließlich mal rauskommen.

„Täte euch bestimmt auch gut“, flötete Tante Rita und schickte ihr schrilles Lachen hinterher.

Papa starrte auf seinen Teller. Er hatte noch kein Wort gesagt, seitdem der Besuch da war. Selbst die Umarmungen zur Begrüßung und die Glückwünsche hatte er schweigend über sich ergehen lassen.

Martin stocherte mit der Gabel in seinem Kuchen. Er hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gesogen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er versuchte, seine Wut im Zaum zu halten.

Toni mochte Onkel Freds Geschichten eigentlich, doch heute gingen sie selbst ihm auf die Nerven. Außerdem machte ihn die seltsam angespannte Stimmung nervös. Was, wenn Martin wieder ausrastete, oder Papa wie so oft in letzter Zeit einfach aufstand und ging?

„Übrigens“, sagte Tante Rita zwischen zwei Gabeln Sahnetorte, „der Kuchen schmeckt ganz ausgezeichnet. Ist der selbstgebacken?“

Martin warf ihr einen giftigen Blick zu. „Nein, gekauft! Wer soll den auch gebacken haben?“, zischte er.

Tante Rita sah zu Mamas leerem Platz hinüber.

„Natürlich“, murmelte sie.

Eine unangenehme Stille senkte sich über den Kaffeetisch, nur unterbrochen vom Klappern des Geschirrs.

Nach einer Weile fügte Tante Rita hinzu: „Eure Mama ist jetzt an einem besseren Ort.“

Martin ließ die Gabel in seinen zermatschten Kuchen fallen.

„Was soll das denn heißen?“, fragte er. „An welchem bekackten Ort soll es denn besser für sie sein als hier bei uns?“

Tante Rita starrte Martin mit offenem Mund an. Dann wanderte ihr Blick zu Papa. Sie erwartete wohl, dass der seinem Ältesten eine klare Ansage machte. Doch Papa sagte nichts. Er rührte sich nicht einmal.

„Das sagt man eben so“, wandte sie sich nun selbst an Martin, „weil sie keine Schmerzen mehr hat.“

„Stimmt!“, giftete Martin. „Dafür wird sie jetzt von Würmern zerfressen.“

Adventskalender 2018

4. Dezember

Martin schlug die Hände vors Gesicht. Als er Toni ansah, war der Zorn von vorhin wieder da.

„Du bist so ein Vollidiot!“, rief er. „Warum kannst du nicht einmal deine Klappe halten?“

Toni senkte den Blick.

„Dieses ganze dämliche Gelaber über Weihnachten!“, fuhr Martin ihn an. „Aber damit nicht genug! Nein, Herr Superschlau muss auch noch mit Mama anfangen. Wie bescheuert bist du eigentlich?“

„Ich wollte nur …“, stammelte Toni.

„Ich, ich, ich!“, äffte Martin ihn nach. „Das ist genau das Problem, dass du immer nur an dich denkst. Wie ein kleines Baby! Hast du schon mal überlegt, wie es Papa und mir damit geht?“

Toni starrte weiter auf das Tischtuch und knetete seine Finger.

Martin wertete sein Schweigen als Aufforderung, noch mehr Dampf abzulassen: „Ich habs dir heute schon mal gesagt, Mama hat uns im Stich gelassen und deswegen wollen Papa und ich nichts mehr von dem Thema hören.“

„Aber das stimmt doch gar nicht“, brach es aus Toni heraus. „Mama hat uns nicht im Stich gelassen!“

„Ist sie noch hier?“, fragte Martin gereizt.

Tonis Unterlippe began zu zittern. Wieder senkte er den Blick.

„Siehst du“, sagte Martin, „sag ich doch! Sie ist weg und wir müssen uns jetzt allein durchschlagen. Also hat sie uns im Stich gelassen. Oder wie würdest du das nennen?“

Toni hätte seinem Bruder gern gesagt, dass er sein Gerede für totalen Schwachsinn hielt, aber das traute er sich nicht. Stattdessen zuckte er nur die Achseln.

Martin hatte sich wieder etwas beruhigt und lehnte sich zu ihm über den Küchentisch: „Was findest du überhaupt so toll an diesem blöden Weihnachten?“

„Ich weiß nicht“, sagte Toni, „irgendwie alles. Die vielen Lichter, den besonderen Geruch, die Weihnachstlieder im Radio. Und dass alles so gemütlich ist. Früher mochtest du es doch auch!“

„Ja, früher!“, sagte Martin. „Aber mittlerweile hasse ich es.“

„Denkst du nicht“, fragte Toni, „wir könnten versuchen, an Weihnachten besonders an Mama zu denken, statt es aus unserem Leben zu streichen?“

Martin seufzte. Es war das typische Du-bist-wirklich-zu-dumm-Seufzen. Dann stand er auf und ging hinüber zu dem Wandkalender, der neben dem Kühlschrank hing. Er tippte mit dem Finger auf den 24. Dezember und sah Toni dabei tief in die Augen: „Das ist der schlimmste Tag in meinem Leben. Am liebsten wäre mir, wenn es diesen Tag einfach nicht mehr gäbe. Und Papa geht es genauso. Wenn das für dich anders ist, okay, dein Ding! Aber nimm wenigstens Rücksicht auf uns!“

Toni sah Martin hinterher, als dieser die Küche verließ. Dann ging er selbst hinüber zum Kalender. Lange starrte er auf die Vierundzwanzig, bis die beiden Ziffern vor seinen Augen verschwammen. Dieses Mal versuchte er gar nicht erst, die Tränen wegzuwischen. Sie liefen ihm über die Wangen und tropften auf den Küchenboden.

„Ich vermisse dich auch, Mama“, flüsterte er. „Aber ich kann Weihnachten trotzdem nicht hassen.“

Er lauschte in die Stille, bekam aber keine Antwort. Toni legte den Finger auf den Kalender und strich zärtlich über das Wort Heiligabend. An diesem Tag war Mama letztes Jahr gestorben.

Adventskalender 2018

3. Dezember

Als Toni in die Küche kam, saßen Papa und Martin am Frühstückstisch. Papas Gesicht verbarg sich hinter der ausgebreiteten Sonntagszeitung, obwohl er in letzter Zeit meist nur auf die Bilder und Buchstaben starrte, ohne viel vom Inhalt mitzubekommen.

Martin hing über einer Schale Cornflakes und fixierte missmutig die matschige Milchpampe.

„Guten Morgen“, murmelte Toni.

„Guten Morgen, Toni“, antwortete Papa, ohne die Zeitung sinken zu lassen. Martin sagte nichts.

Toni ließ seinen Blick über den Küchentisch schweifen, der nur mit dem Nötigsten gedeckt war. Einen Adventskranz suchte er vergeblich.

Er wusste, dass Weihnachten ein heikles Thema war. Dennoch musste er endlich einen Vorstoß wagen. Während er sich ein Butterbrot schmierte, nahm er all seinen Mut zusammen und fragte: „Papa, an meinem Fenster hängt noch die Lichterkette vom letzten Jahr. Darf ich sie einschalten, sobald es dunkel wird?“

Martin warf ihm einen ungläubigen Blick zu und tippte sich mit dem Löffel an die Stirn. Papa legte die Zeitung zur Seite und sah Toni lange an.

„Wenn du das gerne möchtest“, sagte er schließlich.

Martin schnaubte, doch Papa schien es nicht zu bemerken.

Das ging ja besser als erwartet, dachte Toni. Gerade als Papa die Zeitung wieder ausbreiten wollte, schob er daher die nächste Frage hinterher: „Und meinst du, wir können dieses Jahr auch wieder einen Weihnachtsbaum aufstellen? Nur einen kleinen?“

Martin riss entsetzt die Augen auf. Und auch Papa schien mit dieser Frage nicht gerechnet zu haben. Wie vom Donner gerührt saß er da.

„Ich weiß nicht, Toni“, sagte er nach einer Weile und seine Stimme hörte sich traurig an. „Vielleicht kommt das doch noch etwas zu früh.“

„Aber ohne Baum ist es gar kein richtiges Weihnachten“, hakte Toni nach. „Mama hätte …“

„Genug, Toni!“, sagte Papa streng und stand ruckartig auf. In der Küchentür drehte er sich noch einmal um.

„Ich werde darüber nachdenken“, sagte er etwas versöhnlicher, bevor er ging.

Adventskalender 2018

2. Dezember

„Sag mal, spinnst du?“

Erschrocken riss Toni die Augen auf. Martin stand an seinem Bett und hatte ihm die Bettdecke weggerissen. Wütend funkelte er ihn an.

„Was ist denn los?“, fragte Toni gähnend und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

„Was los ist? Du fragst allen Ernstes, was los ist?“, fauchte Martin. Seine Wangen waren gerötet und seine Unterlippe bebte. Instinktiv zog Toni den Kopf ein. Sein Bruder war dreizehn und somit fünf Jahre älter und dementsprechend kräftiger als er. Früher waren sie ein Herz und eine Seele gewesen, doch nach allem, was passiert war, hatte Martin sich sehr verändert und manchmal hatte Toni richtig Angst vor ihm.

„Das ist los!“, knurrte Martin nun und zeigte mit dem Finger auf Tonis Fenster. Draußen war es bereits hell, doch die Lichterkette blinkte noch immer abwechselnd in grün, blau, pink, orange und rot.

Toni dämmerte langsam, was seinen Bruder so auf die Palme brachte.

„Ich dachte doch nur, weil heute der erste Advent ist …“, flüsterte er.

„Du dachtest?“, schnitt Martin ihm das Wort ab. „Du hast überhaupt nicht gedacht! Sonst hättest du diese verdammten Lichter niemals eingeschaltet!“

Toni senkte den Blick. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

Martin ging zum Fenster und riss den Stecker aus der Steckdose. Augenblicklich erloschen die bunten Lichter.

„Was sollen denn die Nachbarn von uns denken, wenn du hier so eine Scheiße veranstaltest?“, zischte er und warf Toni einen weiteren wütenden Blick zu.

Toni war es reichlich egal, was die Nachbarn dachten. Natürlich wusste er, dass sie Papa, Martin und ihn neugierig beäugten und hinter vorgehaltener Hand mitleidig über sie tuschelten. Allerdings glaubte er nicht, dass sie sich an ein bisschen Weihnachtsdekoration stören würden, noch dazu jetzt, in der Adventszeit. Alle schmückten ihre Häuser und Gärten. Warum sollten sie das nicht tun dürfen? Sie trugen doch keine Schuld an dem, was passiert war.

Toni beobachtete, wie Martin aus dem Fenster starrte. Sein Blick ging ins Leere.

Obwohl er sich nicht sicher war, ob sein Bruder ihn überhaupt hörte, sagte Toni: „Mama würde meine Lichterkette gefallen.“

Martin fuhr herum und packte ihn am Kragen. Sein Mund war nur wenige Zentimeter von Tonis Gesicht entfernt.

„Mama ist aber nicht mehr hier!“, brüllte er. „Sie hat uns im Stich gelassen und wird nie wieder zurückkommen. Aber das scheinst du dämlicher Affe ja nicht zu kapieren!“

Toni starrte seinen Bruder erschrocken an. So plötzlich wie Martin ihn angegriffen hatte, ließ er jetzt wieder von ihm ab. Tonis Kopf sackte gegen die Wand. Während er sich zurück in die Kissen sinken ließ, stürmte Martin bereits aus dem Zimmer. Das Knallen der Tür hallte noch eine Weile in Tonis Ohren nach. Ebenso wie die harschen Worte.

Natürlich wusste er, dass Mama nicht wieder zurückkommen würde. Aber durften sie deswegen nie wieder Weihnachten feiern?

Toni schob eine Hand unter das Kissen und zog Mamas grauen Lieblingspullover hervor. Er schloss die Augen und drückte sein Gesicht in die kuschelige Wolle, wie er es jeden Tag mindestens einmal tat. Wenn er tief einatmete, konnte er sie noch ganz schwach riechen. Er wusste, dass ihr Geruch mehr und mehr verblassen und irgendwann ganz verschwinden würde. Immerhin war sie seit fast einem Jahr nicht mehr da.

„Sie hat uns nicht im Stich gelassen“, flüsterte er und drückte den Pullover noch fester an sich.

Adventskalender 2018

1. Dezember

Kleine Schneeflocken wirbelten durch die Dunkelheit und setzten sich an die Fensterscheibe, wo sie schmolzen und plötzlich nicht mehr waren als Regentropfen.

Ab und zu fuhr unten auf der Straße ein Auto vorbei und ließ Schneematsch unter seinen Reifen aufspritzen. Es war noch zu warm und der Schnee würde mit Sicherheit nicht lange liegen bleiben.

Toni lag in seinem Bett, beobachtete wie die geschmolzenen Flocken in zarten Rinnsalen an der Scheibe hinabrannen und lauschte. Im Haus war alles still. Alle schienen zu schlafen. Toni schob die Bettdecke weg und schwang die Beine aus dem Bett. Auf Zehenspitzen tapste er hinüber zum Fenster und legte die Stirn an das kühle Glas. Die Schneetröpfchen verschwammen vor seinen Augen zu einem glitzernden Vorhang. Mit der Hand fuhr er am Fensterrahmen entlang, wo noch immer die Lichterkette vom letzten Jahr befestigt war und auf ihren neuerlichen Einsatz wartete. Normalerweise verstauten sie alle Weihnachtsdekorationen Ende Januar wieder in den dafür vorgesehenen Kisten und Papa trug sie in den Keller hinunter. Doch dieses Jahr war alles anders gewesen und an die Lichterkette in seinem Zimmer hatte niemand gedacht. Toni tastete nach ihrem Kabel und wiegte es in der Hand. Morgen war der erste Advent und ein wenig weihnachtliche Stimmung konnte bestimmt nicht schaden. Seine Lichterkette würde dieses Jahr ohnehin die einzige Weihnachtsdekoration im ganzen Haus bleiben. Als er den Stecker in die Steckdose steckte, flammten unzählige bunte Lichter auf und blinkten um die Wette. Die Schneetröpfchen an der Fensterscheibe glitzerten nun in den Farben des Regenbogens. Ein warmes Gefühl breitete sich in Toni aus. Die Weihnachtszeit war für ihn immer die schönste Zeit des Jahres gewesen. Doch zugleich schnürte es ihm auch die Kehle zu. Weihnachten, das Fest der Liebe. Würde es das bei ihnen jemals wieder geben? Tränen traten ihm in die Augen, die er hastig mit dem Handrücken wegwischte. Dann kroch Toni zurück ins Bett und zog sich die Bettdecke über den Kopf.