Kurzgeschichte

Mutterliebe

Robert betrat die kleine, piefige Wohnküche. Seine Mutter saß an dem leicht in die Jahre gekommenen Esstisch über einem Kreuzworträtsel. Als sie den Blick hob, konnte er an dem Funkeln in ihren Augen erkennen, dass die nächste verbale Attacke nicht weit war.
„Wann warst du eigentlich das letzte Mal beim Friseur?“
Robert schwieg und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein.
„Zu viel Koffein ist schlecht für die Haut“, blaffte seine Mutter. „Überhaupt würde dir ein wenig Gesichtspflege nicht schaden! Du siehst ja beinahe älter aus als Onkel Walter.“
Sein Schulterzucken schien sie zusätzlich zu motivieren. „In der Stadt hat ein neues Fitness-Studio aufgemacht. Ich habe dich gleich dort angemeldet.“
„Lass gut sein, Mutter!“
„Nein, nein! Du solltest wirklich dringend etwas für deinen Körper tun.“ Den Kugelschreiber zwischen die Finger geklemmt, wedelte ihre rechte Hand all seine Einwände weg.
Robert seufzte: „Ein Fitness-Studio ist doch bestimmt nicht das Richtige für mich.“
Seine Mutter schien ihn gar nicht gehört zu haben: „Übermorgen hast du dein erstes Probetraining. Die Freude kommt beim Tun!“
Schwerfällig ließ Robert sich auf einen Stuhl sinken, seine Knie knackten bedenklich.
„Da hast du es doch schon“, stellte seine Mutter überlegen lächelnd fest. „Du siehst nicht nur aus wie ein alter Mann, du kleidest dich nicht nur wie ein Greis. Dein Körper hat sich sogar tatsächlich schon dem Verfall hingegeben!“
„Ach Mutter, das…“
Sie hob angriffslustig eine Augenbraue. Das genügte, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Du musst dringend an dir arbeiten, Junge! Es ist ja auch nicht nur, dass ich mir Sorgen um deine Gesundheit mache. Aber so wie du aussiehst, wirst du doch niemals eine nette Frau kennen lernen!“
„Bettina ist nett!“ Robert spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss und senkte beschämt den Blick.
„Pff!“ Seine Mutter schnaubte verächtlich. „Da, wo ich herkomme, bedeutet kennen lernen nicht nur, dass du sie heimlich vom Badezimmer aus beobachtest, sondern dass auch sie von dir Notiz nimmt und weiß, dass du überhaupt existierst. Das scheint in deinem Universum wohl anders abzulaufen.“
„Bettina kennt mich doch!“
„Du meinst wohl auch, nur weil du gutmütiger Trottel im Winter vor ihrer Einfahrt Schnee schippst, müsste sie verliebt in deine Arme sinken.“
„Nein, aber…“ Wieder die Augenbraue.
„Glaubst du ernsthaft, eine Frau wie Bettina steht auf eine moppelige Vogelscheuche mit fettigen Haaren und einem Kleidungsstil, der die Heilsarmee auf den Plan ruft?“
„So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ Robert merkte selbst, wie trotzig seine Antwort klang.
„Schrei mich nicht an!“ Wütend hieb seine Mutter mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Ich habe doch gar nicht…“
„Und wag es ja nicht, mir zu widersprechen!“ Sie starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Jedem anderen wäre bei ihrem Anblick das Blut in den Adern gefroren. Robert hatte sich in den dreiundvierzig Jahren seines Lebens daran gewöhnt. Er trat den Rückzug an.
„Verzeih mir, Mutter!“
Ihre Gesichtszüge entspannten sich.
„Natürlich freue ich mich auf das Probetraining.“
Zufrieden tätschelte sie seine Hand: „Es wird auch allerhöchste Zeit, dass du aus deinem Loch dort unten rauskommst.“
„Bestimmt hast du recht.“ Er leerte seinen Kaffeebecher in einem Zug und stand langsam auf.
„Und morgen fahren wir zusammen ins Einkaufszentrum und kaufen dir was Schönes zum Anziehen.“
Ihr triumphierender Blick brannte auf seinem Rücken. Ohne sich noch einmal umzudrehen, stieg er die Kellertreppe hinunter.

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Kurzgeschichte

Der Brief

„Du kannst deinem Schicksal nicht entkommen!“ Zufrieden betrachte ich den letzten Satz. Der Cursor blinkt hinter dem Ausrufezeichen, als würde er mir verschwörerisch zuzwinkern. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Während der Drucker den Brief Stück für Stück ausspuckt, denke ich an die Frau, für die er bestimmt ist. Cornelia Escher hat mein Leben in den vergangenen drei Monaten zur Hölle gemacht. Mich gedemütigt. Verletzt. Belogen. Sie verdient es, zu leiden. Und mein Brief ist dazu nur der Auftakt. Eine Warnung, sozusagen. Eine Warnung, die das überhebliche Miststück jedoch nicht ernstnehmen wird. Sie wird ahnen, von wem der Brief stammt und sie wird sich darüber lustig machen. Das liegt nun mal in ihrem Naturell. Aber dieses eine Mal werde ich zuletzt lachen.
Meine Hände zittern leicht vor Erregung, als ich den Briefbogen falte und in den Umschlag schiebe. Eine Unterschrift wird nicht nötig sein. Cornelia wird die Botschaft auch so verstehen. Eines muss man ihr lassen, sie ist eine kluge Frau.
Ich lege den Brief zur Seite und streife die Latexhandschuhe ab. Leichtfüßig und beschwingt durchquere ich mein kleines Büro. In einem wuchtigen Mahagonischrank bewahre ich auf, was ich eigens für Cornelia vorbereitet habe. Vorsichtig gleiten meine Finger über den kühlen Stahl des Jagdmessers. Ein wohliger Schauer läuft mir über den Rücken. Mein Blick fällt auf die Wäscheleine aus dunkelrotem Plastik und die Schraubzwingen. Wir werden so viel Spaß haben, Cornelia und ich.