Kurzgeschichte

Verfolgt

Als das Licht ausging, erstarrte sie mitten in der Bewegung. Ihr angewinkeltes Bein hing reglos in der Luft. Ihre Hände – glitschig von der Bodylotion, die sie eben hatte auftragen wollen – begannen zu zittern. Sie lauschte in die Dunkelheit und obwohl sie nichts hören konnte, außer ihrem eigenen, laut pochenden Herzen, war sie sich sicher, dass sie nicht allein war. Das Kribbeln, das sie so sehr fürchtete, begann wie so oft in der letzten Zeit zuerst im Nacken. Kalter Schweiß brach ihr aus. Sie durfte auf keinen Fall ohnmächtig werden! Nicht auszudenken, was mit ihr geschehen würde, wenn sie jetzt die Kontrolle verlor. So leise wie möglich drückte sie sich in den Spalt neben dem Spind. Langsam rutschte sie an der kalten Wand entlang nach unten, bis ihr Po den Boden berührte. Sie kauerte sich zusammen und schlang die Arme um den nackten Körper. Sie hatte jegliche Orientierung verloren und somit auch keine Ahnung, wo der Feind lauerte. Falls es diesen überhaupt gab. Den Verdacht, der sich ihr seit Kurzem unaufhaltsam ins Herz eingepflanzt hatte, drängte sie zurück. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte! Oder spielte ihr nur der Zufall einen üblen Streich? Sie spähte hinter dem Spind hervor. In einiger Entfernung konnte sie einen feinen Lichtstrahl sehen, der sich seinen Weg durch den Schlitz unter der Tür bahnte. Außerhalb der fensterlosen Umkleide schien das Licht zu funktionieren. Also kein Stromausfall! Sie presste die Lippen aufeinander und hielt den Atem an.
Ein Luftzug strich über ihre Arme und Beine. Sie erschauerte. War gerade jemand in der Dunkelheit an ihr vorbeigelaufen? Wieder versuchte sie, sich auf jedes noch so kleine Geräusch zu konzentrieren. Vergeblich.
Sie fror. Dennoch wagte sie es nicht, sich zu bewegen. Das unangenehme Kribbeln hatte mittlerweile ihren Kopf erreicht. Obwohl sie nichts sehen konnte, hatte sie das Gefühl, als würde ihr jeden Moment schwarz vor Augen werden. Ihr Atem ging flach. Tränen stiegen in ihr auf. Wer spielte ihr so übel mit? Was hatte sie getan, dass jemand sie so sehr hasste?
Mit einem unerwartet lauten Rauschen sprang wenige Meter von ihr entfernt eine der Duschen an. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und unterdrückte mit Mühe einen Schrei. Schritte. Ein heiseres Kichern. Nun hatte sie Gewissheit. Jemand war mit ihr in der Umkleide. Jemand, der es nicht gut mit ihr meinte. Ihr Herz schlug nun so wild, dass sie kaum noch Luft bekam. Panisch drückte sie sich noch fester gegen die Wand. Gerade als sie kurz davor zu sein schien, den Verstand zu verlieren, flammten über ihr die grellen Neonröhren auf. Erleichtert stellte sie fest, dass sie allein war. Tränen liefen ihr über das Gesicht, als sie sich mühsam hochrappelte. Ihre Knochen schmerzten von der unnatürlichen Position, in der sie die letzten Minuten gefangen gewesen war. Achtlos schmierte sie sich die übrige Bodylotion, die sie noch immer an den Händen hatte, auf Bauch und Oberschenkel. Sie wollte nur noch hier raus! Auch ihre Nacktheit war ihr plötzlich unangenehm. Hastig suchte sie ihre Kleidungsstücke zusammen. Sie hielt inne. Wo war ihr Höschen? Sie war sich sicher, dass sie es vor dem Duschen ganz oben auf den Stapel gelegt hatte. Sie durchsuchte ihre Sporttasche und warf noch einmal einen Blick in den leeren Spind. Doch das weiße Spitzenhöschen blieb verschwunden. Sofort kroch ihr wieder die blanke Panik in die Knochen. Ihr Angreifer musste ihr vorhin sehr nah gekommen sein. So nah, dass es ihm gelungen war, eines ihrer Kleidungsstücke an sich zu nehmen. Sie musste hier raus! Ob mit oder ohne Unterwäsche. Hektisch zog sie ihre Jeans an. An ihrer Bluse schloss sie nur die Hälfte der Knöpfe, ohne dabei auf die richtige Reihenfolge zu achten. Die Socken warf sie achtlos in ihre Tasche, während sie barfuß in die Sneakers schlüpfte. Ihren Mantel versuchte sie sich im Hinauseilen anzuziehen. Doch als sie an den Duschen vorbeirannte, erregte etwas ihre Aufmerksamkeit. Im Augenwinkel sah sie etwas großes Rotes an der Wand, das dort nicht hingehörte. Sie blieb stehen und starrte in den weiß gekachelten Waschraum. Die Sporttasche rutschte ihr von der erschlafften Schulter und fiel mit einem lauten Knall zu Boden. Wieder presste sie die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. An einem der Duschköpfe baumelte ihr Höschen. Jemand hatte mit blutroter Farbe quer über die Wand das Wort HURE geschrieben. Tränen stiegen in ihr auf. Sie schnappte sich ihre Tasche und rannte, ohne sich noch einmal umzublicken, hinaus.

*****

Zwei Wochen zuvor
Anja kuschelte sich eng an Mirko, der noch immer schlief. Sie lauschte seinem gleichmäßigen Atem und strich sanft mit den Fingerspitzen über seine nackte Brust. Die Sonne sandte ihre Strahlen durch das Schlafzimmerfenster und tauchte die zerwühlten Laken in ein goldenes Licht. Anja streckte sich genüsslich und warf einen Blick auf den Radiowecker. Fast halb acht. Mirko blieb nicht mehr viel Zeit bis zu seiner Schicht im Cafe Rauschgold. Seufzend beugte Anja sich über ihn und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. Als er die Augen aufschlug, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Dann zog er sie fest an sich und küsste sie leidenschaftlich.
„Guten Morgen, meine Schöne!“, flüsterte er ihr ins Ohr.
Anja musste lachen. Wie immer, wenn er ihr eine dieser altmodisch anmutenden Liebeserklärungen machte. Sie schlang die Arme um seinen Hals und genoss für einen Moment die Wärme, die von seinem Körper ausging. Schließlich schob sie ihn sanft von sich weg: „Ich fürchte, du musst jetzt aufstehen. Deine Schicht fängt gleich an.“
Mirko seufzte theatralisch und ließ sich in die Kissen fallen. Als er sich auf einen Ellbogen stützte, schenkte er ihr sein breitestes Lächeln: „Na gut, wie du willst. Gib mir nur fünf Minuten, um mich frisch zu machen.“
Er schälte sich aus den Laken. Anjas Blick folgte seinem muskulösen, nackten Körper, bis er im Bad verschwunden war. Fünf Minuten später kam er in Jeans und einem weißen Hemd zurück ins Schlafzimmer. Die Haare hatte er fransig hochgegelt. Sein Anblick raubte ihr fast den Verstand und am liebsten hätte sie ihn zurück zu sich ins Bett gezogen.
„Genieß deinen freien Tag, Schatz“, sagte er, als er ihr zum Abschied einen Kuss auf den Haaransatz hauchte.
„Den könnte ich viel mehr genießen, wenn ich ihn weiterhin mit dir im Bett verbringen könnte“, schmollte sie.
Er grinste: „Dafür koch ich dir heute Abend zur Feier des Tages was Schönes und danach wirst du mit Sicherheit die ganze Nacht keinen Schlaf finden.“
Zur Feier des Tages. Anja fühlte sofort ein starkes Kribbeln im Bauch. Heute waren sie seit genau drei Monaten ein Paar und sie bereute keinen einzigen dieser einundneunzig Tage. Sehnsüchtig sah sie Mirko nach, als er in den Flur ging, um sich Schuhe und Jacke anzuziehen. Sie kuschelte sich in sein Kissen und atmete den Duft seines Rasierwasers ein.
Kaum war die Haustür hinter Mirko ins Schloss gefallen, klingelte Anjas Handy. Hatte er seine Schlüssel vergessen? Sie tastete nach dem Telefon und warf einen Blick auf das Display. Unbekannter Teilnehmer. Einen Moment überlegte sie, es klingeln zu lassen, dann drückte sie doch auf das grüne Annahmesymbol.
„Hallo?“
Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille. Anja warf erneut einen Blick auf das Display. Die Verbindung stand.
„Hallo?“
Wieder keine Reaktion. Doch Anja konnte ein leises Atmen hören.
„Wer ist denn dran?“ Langsam wurde sie ungeduldig.
Das Atmen wurde lauter, schneller. Schließlich war es ein obszönes Keuchen.
„Perverses Schwein!“, fauchte Anja und unterbrach die Verbindung. Ihr Herz raste und sie konnte fühlen, dass ihr Gesicht glühte. Angewidert warf sie das Handy quer durchs Zimmer. Dann zog sie sich die Bettdecke über den Kopf und versuchte sich zu beruhigen.

Obwohl sie den seltsamen Anruf von heute Morgen noch immer nicht ganz verdaut hatte, freute Anja sich sehr auf den bevorstehenden Abend mit Mirko. Sie hatte bereits den Tisch gedeckt und im gesamten Wohnzimmer unzählige Kerzen angezündet. Sie hatte sich ein verführerisches schwarzes Spitzenkleid angezogen. Die halterlosen schwarzen Strümpfe, die sie trug, hatte Mirko ihr zum Geburtstag geschenkt. Auf Unterwäsche hatte sie verzichtet. Als sie seinen Schlüssel im Schloss hörte, durchfuhr sie eine angenehme Hitze.
„Hallo Schatz! Ich hoffe, du hast schon Hunger“, rief er und bog sofort in die Küche ab. Sie konnte hören, wie er mehrere Einkaufstüten auf die Anrichte hievte. Auf Zehenspitzen schlich sie in die Küche und presste sich von hinten an ihn. Dabei umschlag sie seinen Oberkörper mit beiden Armen. Ohne sich aus ihrer Umarmung zu lösen, drehte er sich zu ihr um und begrüßte sie mit einem innigen Kuss. Anja konnte spüren, wie die Hitze direkt in ihren Unterleib wanderte. Dann schob er sie auf eine Armeslänge von sich weg und betrachtete sie von oben bis unten.
„Du siehst umwerfend aus!“, raunte er und sein anzüglicher Blick bestätigte seine Worte.
Wieder küssten sie sich und Mirkos Hand fuhr sanft über ihren Rücken nach unten, bis sie auf ihrem Po Halt machte. Anja nahm seine Hand und legte sie auf ihren Oberschenkel. Von dort dirigierte sie sie immer weiter nach oben unter das hautenge Kleid. Er sollte wissen, dass sie seine halterlosen Strümpfe trug, ansonsten aber nackt war. Sein leises Stöhnen und ein hartes Drängen an ihrem Bauch verrieten ihr, dass er begriffen hatte. Dennoch löste er sich von ihr und sah sie aus glänzenden Augen an.
„Lass uns zuerst essen“, sagte er und seine Stimme klang belegt. „Wenn ich dir jetzt nachgebe, komme ich heute Abend mit Sicherheit nicht mehr zum Kochen.“
Sie lächelte: „Na gut. Aber beeil dich! Ich weiß nicht, wie lange ich es noch aushalte, ohne über dich herzufallen.“
Während Mirko die Zutaten aus den Einkaufstüten befreite, ging Anja hinüber zu ihrem Weinregal.
„Weiß oder rot?“, fragte sie.
„Zum Wild lieber den roten“, antwortete er.
Anja dekantierte den Wein und ließ Mirko dabei keine Sekunde aus den Augen. Zwischen ihren Beinen pulsierte ein Verlangen, das sie noch bei keinem anderen Mann empfunden hatte. Sie senkte den Blick und atmete mehrmals tief durch, um sich wieder unter Kontrolle zu bringen.
Mirko war ein geübter Koch und es dauerte nicht lange, bis ein verführerischer Duft durch die Küche zog. Zwischen zwei Arbeitsschritten sah er plötzlich auf und tippte sich mit der Hand an die Stirn, als wäre ihm eben etwas eingefallen.
„Schau mal in meiner rechten Jackentasche nach. Da war ein Brief für dich in der Post“, sagte er.
Anja ging hinaus in den Flur, wo Mirkos Jacke an einem der Garderobenhaken hing. Tatsächlich lugte aus einer der Taschen ein weißes Kuvert hervor. Anja zog es heraus. Auf dem Umschlag stand nur ihr Name, in seltsamen Buchstaben, als wären sie mit einer Schreibmaschine geschrieben worden. Keine Adresse. Keine Briefmarke. Jemand musste den Brief persönlich unten eingeworfen haben. Oder war es etwa eine Überraschung von Mirko? Über die Schulter warf sie ihm einen verstohlenen Blick zu, doch er ließ sich nichts anmerken und hatte sich bereits wieder dem Wild zugewandt.
Anja nahm ihren Schlüsselbund vom Garderobenschränkchen und schlitzte den Brief mit dem Hausschlüssel auf. Im Inneren befand sich ein einzelnes weißes Papier. Als sie es auseinanderfaltete, stockte ihr der Atem. Die seltsame Schreibmaschinenschrift war vielen bunten Papierschnipseln gewichen. Buchstaben, die aus Zeitschriften und Prospekten ausgeschnitten und fein säuberlich zu einem neuen Text zusammengeklebt worden waren. Wie in einem schlechten Film. Anjas Hände zitterten so stark, dass sie Mühe hatte, den Brief ruhig zu halten. Sein Inhalt trieb ihr die Tränen in die Augen und ein eiskalter Schauer kroch ihren Rücken hinauf. DU wiRsT in dEr hÖLLe scHmoren, dU drEcKige schLamPe! stand da. Anja spürte, wie Übelkeit in ihr aufstieg. Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich in ihrem Nacken aus und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Sie taumelte nach hinten und musste sich mit einer Hand am Garderobenschränkchen festhalten, um nicht umzukippen. Dabei riss sie den Schlüsselbund mit sich, der mit lautem Geschepper auf den Holzdielen aufschlug.
„Schatz, alles in Ordnung?“, fragte Mirko aus der Küche. Als er sich zu ihr umdrehte und sah, dass sie am ganzen Leib zitterte, war er sofort bei ihr und umschlang sie mit seinen Armen, um sie zu stützen. Wortlos hielt sie ihm den Brief hin.
„Ach du … Was ist das denn? Von wem …“, stammelte er und zog sie noch fester an sich. Anja vergrub ihren Kopf an seiner Schulter. Als sie seine Wärme spürte und sie sich in seiner starken Umarmung sicher fühlte, begann sie hemmungslos zu weinen. Minutenlang wiegte er sie in seinen Armen und streichelte ihr tröstend übers Haar. Erst als sie sich wieder beruhigt hatte, führte er sie ins Wohnzimmer an den Esstisch.
Als sie wenig später vor ihren dampfenden Tellern saßen, steckte Anja der Schock noch immer in den Gliedern. Das Essen sah köstlich aus, dennoch bekam sie keinen Bissen herunter. Mirko warf ihr immer wieder besorgte Blicke zu.
„Du musst was essen, Schatz“, sagte er schließlich und griff nach ihrer Hand.
„Wer tut so etwas?“, fragte sie ihn und ihre Stimme klang brüchig.
„Ich kenne nur eine Person, der ich so etwas Widerliches zutrauen würde“, sagte Mirko und strich sanft mit dem Daumen über ihren Handrücken.
Sie sah ihn lange an und bewegte seine Worte in ihrem Kopf hin und her.
„Du meinst, Sarah könnte dahinterstecken“, sagte sie schließlich.
Sarah war Mirkos Exfreundin. Sie waren über acht Jahre zusammen gewesen, bis sie sich vor einem dreiviertel Jahr überraschend von Mirko getrennt hatte. Sie wolle zu sich selbst finden und das Leben noch einmal genießen, ehe sie sich langfristig an einen Mann binden könne, hatte sie ihm erklärt. Mirko hatte Anja gestanden, dass für ihn eine Welt zusammengebrochen war, vor allem weil er überhaupt nicht mit der Trennung gerechnet hatte. Als sie sich ein halbes Jahr später kennen gelernt hatten, war sein Schmerz glücklicherweise bereits verflogen und er hatte sich Hals über Kopf in Anja verliebt, die so anders als Sarah war. Kein Püppchen, für das gutes Aussehen und teure Kleidung an erster Stelle standen, sondern eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand und wusste, wie ihre Zukunft aussehen sollte. Eine Zukunft, die sie mit ihm teilen wollte.
„Aber warum sollte Sarah sich die Mühe machen, mir einen solchen Brief zu schreiben? Sie hat doch dich verlassen. Nicht umgekehrt“, sagte Anja schließlich. Das alles ergab für sie keinen Sinn.
Mirko schien nicht lange überlegen zu müssen: „Ja, sie hat die Beziehung beendet, weil sie auf irgendeinem komischen Selbstfindungstrip ist. Das muss aber nicht heißen, dass sie eine neue Frau an meiner Seite akzeptieren kann. Sarah war schon immer furchtbar eifersüchtig. Vielleicht hat sie gedacht, dass ich für immer alleine bleibe und davon träume, dass sie zu mir zurück kommt.“
Anja nickte. Das klang einleuchtend. Sie beschloss den Brief in der hintersten Ecke ihrer Schreibtischschublade aufzubewahren. Man konnte schließlich nie wissen, wofür es gut war. Ansonsten wollte sie diese schreckliche Frau einfach nur vergessen.

Der Radiowecker zeigte 22:35 Uhr an, als Anja und Mirko engumschlungen in ihrem Bett lagen und sich noch immer leidenschaftlich küssten. Nachdem Anja die Fassung wiedererlangt hatte, hatten sie sich mehrmals hemmungslos in der ganzen Wohnung geliebt. Die Spur ihrer überall verstreut liegenden Kleidungsstücke zeugte von der Wildheit mit der sie übereinander hergefallen waren, nachdem es Mirko endlich gelungen war, Anja zum Essen zu überreden. Der schwere Rotwein hatte sein Übriges getan, um Anja wieder etwas zu entspannen.
Jetzt spürte sie, dass ihr Verlangen noch immer nicht abgeklungen war. Jedes Mal, wenn sich ihre Lippen berührten, war es, als würde sie elektrisiert. Mirko hatte seine Hand in ihrem Haar vergraben und seine Zungenspitze fuhr sanft an ihrem Hals entlang nach oben. Bevor sie ihn ein weiteres Mal küssen konnte, hielt er plötzlich inne und sah ihr tief in die Augen. „Ich liebe dich“, flüsterte er. Ihre Antwort ging in einem Kuss unter.
Gerade als Anjas Hand unter der Bettdecke tiefer gleiten wollte, entzog er sich ihr und setzte sich auf die Bettkante.
„Bin gleich wieder da“, raunte er. „Ich brauche nur schnell ein Glas Wasser. Soll ich dir auch eines mitbringen?“
Anja schüttelte den Kopf und räkelte sich aufreizend zwischen den Laken. Als Mirko aufstand, tastete sie seinen nackten Körper mit anzüglichen Blicken ab. Selbst in der Dunkelheit, die nur vom Mondlicht und dem fahlen Licht der Straßenlaternen durchbrochen wurde, war seine Erregung deutlich zu sehen. Mirko tapste in die Küche hinüber und Anja konnte hören, wie er den Kühlschrank öffnete. Sie kuschelte sich in die Kissen und ihre rechte Hand spielte mit ihrer steil aufgerichteten Brustwarze. Sofort flammte die Hitze in ihrem Unterleib wieder auf.
Da zerriss ein viel zu laut eingestellter Klingelton die nächtliche Stille. Anja zuckte zusammen. Wer konnte das so spät noch sein? Sie griff nach ihrem Handy, das auf dem Nachttisch lag und warf einen Blick auf das Display. Schon wieder ein unbekannter Teilnehmer. Augenblicklich brach ihr kalter Schweiß aus. Bitte nicht schon wieder! Dennoch drückte sie auf das Annahmesymbol.
„Hallo?“
Nichts. Wie schon heute Morgen erhielt sie keine Antwort. Anjas Atem ging schneller. Panik stieg in ihr auf.
„Was wollen Sie von mir?“, presste sie heraus. Sie war den Tränen nahe.
Am anderen Ende der Leitung wurde die unheimliche Stille wieder von lautem Keuchen und obszönem Stöhnen abgelöst.
Anja beendete die Verbindung. Mit zitternden Händen schaltete sie das Handy aus. Einen weiteren dieser perversen Anrufe würde sie heute nicht mehr ertragen. Als sie das Telefon zurück auf den Nachttisch legte, brach sie in Tränen aus. Ihr Körper wurde noch immer von Weinkrämpfen geschüttelt, als Mirko mit einem halb leeren Glas Wasser zurück ins Schlafzimmer kam.
„Schatz, was ist los?“, fragte er und seine Stimme klang ängstlich. Er schlüpfte zu ihr unter die Decke und kuschelte sich eng an sie. „Was ist passiert?“, fragte er immer wieder.
Es dauerte eine Weile, bis Anja sich so weit beruhigt hatte, dass sie ihm von den beiden verstörenden Anrufen berichten konnte. Schockiert sah er sie an.
„Damit geht sie zu weit“, sagte er und Anja konnte in seinen Augen sehen, wie wütend er war. „Ich werde mir Sarah vorknöpfen. So kann sie mit dir nicht umspringen!“
„Nein!“, erwiderte Anja und legte ihm beschwichtigend eine Hand auf den Arm. „Lass es gut sein. Sie würde doch ohnehin alles abstreiten. Vielleicht hat sie jetzt ihren Spaß gehabt und lässt mich in Ruhe.“
Widerwillig versprach Mirko ihr, nichts zu unternehmen. Kurze Zeit später schlief er bereits tief und fest, während Anja sich noch immer unruhig umherwälzte und darüber nachgrübelte, ob wirklich Sarah hinter all dem stecken konnte.

Zehn Tage und sechsundfünfzig anonyme Anrufe später saß Anja bei ihrer besten Freundin Martina, die im Wohnblock gegenüber wohnte, in der Küche, um sich ihren Frust von der Seele zu reden. Der unbekannte Anrufer war noch nicht einmal davor zurückgeschreckt, sie während der Arbeitszeit zu belästigen. Mittlerweile fühlte Anja sich wie ein psychisches Wrack. Bei jedem noch so kleinen Geräusch zuckte sie erschrocken zusammen und wenn ein Telefon klingelte – selbst wenn es nicht ihr eigenes war – reagierte sie mit Herzrasen und Schweißausbrüchen darauf. Mirko wollte sie sich nicht anvertrauen. Zu groß war ihre Angst, dass er etwas Unüberlegtes tun könnte. Immerhin hatten sie keine Beweise, dass Sarah hinter der Sache steckte.
Martina stellte eine große Tasse dampfenden Kaffee vor Anja ab und riss sie damit aus ihren Gedanken. Dann setzte sie sich ihr gegenüber an den kleinen Küchentisch.
„Mal ehrlich“, fragte sie, „kannst du dir wirklich vorstellen, dass diese Sarah für ihren Ex so einen Aufwand betreiben würde?“
Anja zuckte mit den Schultern. Es war, also könne Martina ihre Gedanken lesen.
„Aber wer könnte es sonst sein?“, murmelte sie schließlich und starrte aus dem Fenster.
„Vertraust du ihm?“ Anja hatte Martinas Stimme nur sehr dumpf wahrgenommen und schrak nun zusammen.
„Wie bitte?“
„Mirko. Vertraust du ihm?“, wiederholte Martina ihre Frage.
„Natürlich!“ Anja sah sie aus weit aufgerissenen Augen an.
„Ich mein ja nur. Immerhin hast du ihm die Anrufe der letzten Tage verschwiegen.“
„Aber doch nur, weil ich nicht möchte, dass er sich in etwas verrennt“, versuchte Anja sich zu verteidigen.
„Sicher.“ Der seltsame Unterton in Martinas Stimme ließ Anja aufhorchen.
„Was unterstellst du mir da eigentlich?“, fragte sie gereizt.
„Liebes, ich unterstelle dir gar nichts. Ich mache mir nur Sorgen um dich und möchte, dass du über alle Eventualitäten nachdenkst.“
„Was denn für Eventualitäten? Entweder Sarah steckt hinter den Anrufen und dem Brief oder irgendein perverser Spinner hat seinen Spaß daran.“
„Oder Mirko hat was damit zu tun.“
„Sag mal, spinnst du?“ Anja schnappte nach Luft. Sie konnte nicht glauben, dass Martina ernsthaft Mirko verdächtigte.
„Reg dich bitte nicht auf, Liebes! Aber denk wenigstens mal in Ruhe darüber nach!“ Martina legte beschwichtigend ihre Hand auf Anjas Arm. Dann sprach sie weiter: „War Mirko jemals mit dir in einem Raum, wenn du einen dieser Anrufe bekommen hast?“
Anja ließ alle achtundfünfzig Mal Revue passieren. Ihr Magen krampfte sich zusammen und sofort spürte sie wieder das unangenehme Kribbeln in ihrem Nacken.
„Und?“ Martina hatte sie keine Sekunde aus den Augen gelassen.
„Ich war entweder allein zuhause oder in der Arbeit. Und wenn Mirko bei mir war, war er entweder in der Küche oder im Bad“, sagte Anja und ihre Stimme war nicht mehr als ein heiseres Flüstern.
Martina nickte versonnen.
„Aber das würde er mir nie antun“, schluchzte Anja. „Er liebt mich!“ Tränen rannen ihr über die Wangen.
„Ich will dich nicht quälen, Liebes“, sagte Anja. „Aber ich möchte, dass du wenigstens darüber nachdenkst. Könnte Mirko der anonyme Anrufer sein? Hatte er die Gelegenheit dazu?“
Anja wollte es nicht glauben. Es konnte einfach nicht sein, dass Mirko hinter all dem steckte. Doch der Zweifel war gesät und breitete sich unaufhaltsam in ihr aus. Es fühlte sich an, als hätte sich eine eiserne Faust um ihr Herz gelegt und mit einem Mal hatte sie das Gefühl, als könne sie nicht mehr richtig atmen.
„Das darf nicht sein“, schluchzte sie.
„Vielleicht irre ich mich ja auch“, sagte Martina und streichelte ihren Arm. „Ich hoffe so sehr, dass ich mich irre. Aber wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen. Falls Sarah etwas mit den Anrufen zu tun hätte, bräuchte sie auf jeden Fall einen Komplizen, der über jeden deiner Schritte Bescheid weiß.“
Anja schob diesen Gedanken in ihrem Kopf hin und her. Martina hatte recht. Sarah konnte nicht allein dafür verantwortlich sein. Woher hätte sie jedes Mal wissen sollen, wann Anja allein und somit am verletzlichsten war?
Wenn sie ehrlich war, kam tatsächlich nur einer dafür in Frage.
Anja schlug die Hände vors Gesicht und begann bitterlich zu weinen. Martina kam um den Tisch herum und schloss sie in die Arme. Beruhigend wiegte sie die Freundin hin und her.
„Ganz ruhig, Liebes“, flüsterte sie ihr ins Ohr. „Noch haben wir keine Beweise, dass Mirko mit drin hängt. Vielleicht übersehen wir auch irgendetwas und verdächtigen ihn zu Unrecht.“
Sobald Anja sich beruhigt hatte, brachte Martina sie an die Wohnungstür. Zum Abschied drückte sie ihr einen Kuss auf die Wange.
„Alles wird gut“, sagte sie.
Dann öffnete sich die Fahrstuhltür und Anja stieg ein.

Die nächsten Tage waren eine Qual für Anja. Glücklicherweise war Mirko für drei Tage beruflich unterwegs, doch sie hatte keine Ahnung, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte, wenn er wieder zurück war. Nach wie vor konnte und wollte sie nicht glauben, dass er etwas mit der Sache zu tun hatte. Dennoch hallten Martinas Worte unaufhörlich in ihrem Kopf.
War Mirko jemals mit dir in einem Raum, wenn du einen dieser Anrufe bekommen hast? Könnte Mirko der anonyme Anrufer sein? Falls Sarah etwas mit den Anrufen zu tun hätte, bräuchte sie auf jeden Fall einen Komplizen.
Auch während Mirko auf Geschäftsreise war, erhielt Anja mehrere Anrufe des unbekannten Teilnehmers und jedes Mal zog sich ihr der Magen zusammen. Sie nahm keinen der Anrufe mehr an. Zum Einen, weil sie es leid war, jedes Mal diesem obszönen Stöhnen zuzuhören, zum Anderen aus Angst, Mirkos Stimme hinter dem Keuchen zu erkennen. Sie schämte sich für ihr Misstrauen und wenn Mirko sie abends aus seinem Hotel anrief, um ihr eine gute Nacht zu wünschen, bekam sie kaum ein Wort heraus. Sie schob ihre Einsilbigkeit ihm gegenüber auf eine Erkältung, die ihr zu schaffen machte, und hoffte inständig, dass er die Lüge nicht erkannte.
Als sie am späten Mittwochnachmittag seinen Schlüssel im Schloss hörte, war sie umso angespannter. Was, wenn sie sich von Martina einen Floh ins Ohr hatte setzen lassen und ihm unrecht tat? Dennoch verkrampfte sich jeder ihrer Muskeln und sie atmete mehrmals tief durch.
Mirko betrat das Wohnzimmer und Anja setzte das aufrichtigste Lächeln auf, das sie zustande brachte. Freudestrahlend kam er auf sie zu und riss sie von der Couch in seine Arme. Er vergrub sein Gesicht in ihrem Haar und schien ihren Duft in sich einsaugen zu wollen.
„Ich hab dich so vermisst“, flüsterte er und bedeckte ihren Hals mit Küssen. Anja konnte die wohlvertraute Wärme seines Körpers spüren und fühlte sich sofort wieder geborgen. Es konnte einfach nicht sein, dass Mirko ihr Verfolger war. Je enger sie sich an ihn schmiegte, desto weiter warf sie alle Zweifel und Verdächtigungen über Bord. Als sie wenig später nackt und völlig außer Atem auf ihrem Bett lagen, war es für Anja zur Gewissheit geworden, dass sie sich von Martina in eine unbegründete Hysterie hineinquatschen hatte lassen. Wieder stieg das Gefühl der Scham in ihr auf.
„Es ist immer so schön mit dir“, raunte Mirko, „und ich weiß gar nicht, wie ich es die letzten drei Tage ohne dich ausgehalten habe.“
Anja antwortete ihm mit einem leidenschaftlichen Kuss und indem sie ein Bein fordernd um seine Hüfte schlang.
„Du bringst mich um den Verstand“, stöhnte er, ehe er sich über sie schob.
Dieses Mal liebten sie sich noch inniger. Nicht mehr so ausgehungert und von verzweifelter Sehnsucht getrieben wie beim ersten Mal. Als sie sich voneinander lösten, verschwendete Anja keinen Gedanken mehr an die anonymen Anrufe oder an Martinas Worte wenige Tage zuvor. Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen, während ihre Finger mit den wenigen Härchen auf seiner Brust spielten.
Schließlich schob Mirko sie sanft zur Seite und stand auf.
„Ich brauche dringend eine abkühlende Dusche“, sagte er. „Sonst kann ich für nichts garantieren.“
Anja lachte und sah ihm auf seinem Weg ins Bad hinterher. Der Anblick seines definierten, beinahe makellosen Körpers brachte ihr Blut erneut in Wallung. Sie konnte durch die geschlossene Badezimmertür hören, wie er die Dusche anschaltete. Das gedämpfte Rauschen des Wassers beruhigte sie und Anja ließ sich entspannt zurück in die Kissen sinken.
Ein lautes Vibrieren neben ihrem Kopf riss sie jäh aus ihren Gedanken. Sie fuhr hoch und sah sich verwirrt um. Auf dem Nachttisch tanzte ihr Handy hin und her. Sie hatte es vorhin auf lautlos gestellt, doch anscheinend war der Vibrationsalarm noch aktiviert. Sie warf einen Blick auf das Display und sofort war Gewissheit, was sie bereits befürchtet hatte. Unbekannter Teilnehmer. Nicht schon wieder. Anja brach kalter Schweiß aus und ihr Herz schlug im Takt eines Presslufthammers. Sie sah hinüber zur Badezimmertür. Das Wasser rauschte noch immer. Aber konnte es nicht sein, dass Mirko die Dusche nur aufgedreht hatte, um von sich abzulenken? Martinas Worte hallten in ihrem Kopf wieder: War Mirko jemals mit dir in einem Raum, wenn du einen dieser Anrufe bekommen hast?
So schnell, wie sie alle Zweifel zuvor von sich geschoben hatte, fraßen sie sich jetzt wieder in ihr Herz. Das Telefon vibrierte noch immer. Erneut spürte Anja das Kribbeln in ihrem Nacken, das in den letzten Wochen ihr ständiger unerwünschter Begleiter geworden war.
Wütend riss sie das Handy vom Tisch und drückte auf das Annahmesymbol.
„Hör endlich auf damit!“, schrie sie und legte sofort wieder auf.
Das Wasserrauschen im Badezimmer verstummte. War also tatsächlich Mirko der Anrufer? War er so überrascht von ihrer heftigen Reaktion, dass er seine lumpige Tarnung über Bord warf?
Anja schaltete das Handy aus und warf es achtlos aufs Bett. Dann stürmte sie zum Kleiderschrank, riss ihre Sporttasche heraus und stopfte wahllos alles hinein, was sie für einen Besuch im Fitnessstudio brauchen könnte.
Sie war gerade dabei, sich anzuziehen, als Mirko mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad kam. Überrascht bleib er in der Tür stehen.
„Was machst du denn, Schatz?“, fragte er.
Anja lief ohne ein Wort an ihm vorbei in den Flur, um sich Schuhe und Mantel anzuziehen. Er folgte ihr.
„Ist irgendwas passiert?“
„Ich halte diese verdammten Anrufe nicht mehr aus!“, schrie sie.
Verwirrt sah er sie an: „Welche Anrufe? Du meinst … Immer noch?“
„Tu doch nicht so!“, fuhr sie ihn an.
In seinem Blick konnte sie Verwirrung und ein bisschen Sorge sehen. Um sie? Oder um seine aufgeflogene Tarnung? Sie wusste einfach nicht mehr, was sie glauben sollte.
„Ich muss hier raus!“, sagte sie. Dann rannte sie aus der Wohnung und knallte die Tür hinter sich zu.

*****

Als Anja aus der Umkleidekabine des Fitnessstudios stürmte, flimmerte das schreckliche Bild noch immer vor ihren Augen, als hätte sich die blutrote Schrift in ihre Netzhaut gebrannt. HURE. Tränen rannen ihr über das Gesicht und sie hatte Mühe, auf ihrem Weg nach draußen nicht zu schreien. Bis zur Hysterie war es nur noch ein kleiner Schritt. Auf der Treppe nach unten wäre sie beinahe gestürzt, konnte aber gerade noch das Gleichgewicht halten. Dabei rammte sie mit der Schulter einen entgegenkommenden Bodybuilder.
„Sag mal, gehts noch?“, rief er ihr hinterher, doch Anja rannte mit unverminderter Gechwindigkeit weiter. Sie musste weg von hier!
Unten angekommen riss sie die Eingangstür des Studios auf und prallte gegen eine harte Brust. Sie schrie. Sofort schlossen sich zwei feste Arme um sie. Anjas Entsetzen schlug in blanke Panik um.
„Schatz, alles in Ordnung?“, fragte eine sanfte Stimme.
Als sie den Blick hob, sah sie in Mirkos schreckgeweitete Augen. Sie riss sich von ihm los und trat einen Schritt zurück.
„Was tust du hier?“, presste sie heraus.
„Ich hab versucht, dich zu erreichen. Du bist nicht an dein Handy gegangen. Da hab ich mir Sorgen gemacht.“
Schwer atmend forschte sie in seinem Gesicht nach Anzeichen für eine Lüge. Sie konnte keine entdecken. Dennoch riet ihr jede Faser ihres Körpers zur Vorsicht. Martinas Worte hallten noch immer in ihrem Gedächtnis nach: War er jemals bei dir, wenn du diese seltsamen Anrufe erhalten hast?
„Warum hast du überhaupt angerufen?“, fragte sie schließlich.
„Ich glaube ernsthaft, dass Sarah hinter der ganzen Sache stecken könnte. Sie hat mich vorhin angerufen und war so komisch am Telefon. Sie hat sich entschuldigt und gefragt, ob wir es nicht nochmal miteinander versuchen wollen.“
Anja stutzte. Sie sah Mirko lange in die Augen. Aber konnte sie ihm vertrauen? Oder tischte er ihr diese Geschichte auf, um von sich selbst abzulenken? Wie hätte Sarah über jeden ihrer Schritte so haargenau Bescheid wissen sollen? Wenn sie etwas damit zu tun hatte, musste sie einen Komplizen haben. Und wenn sie ehrlich war, war Mirko der einzige der dafür in Frage kam. Vielleicht war es tatsächlich ein Fehler gewesen, sich in ihn zu verlieben.
Mirko streckte eine Hand nach ihr aus, doch sie wich instinktiv noch weiter vor ihm zurück. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und schob sich an ihm vorbei nach draußen. Er ließ sie passieren. Auf der Suche nach einem Taxi ließ Anja ihren Blick die Straße hinauf- und hinunterwandern … und erstarrte. Nur wenige hundert Meter entfernt parkte ein Auto am Straßenrand, das sie sehr gut kannte.
„Das gibts doch nicht“, murmelte sie, dann rannte sie los. Sie konnte hören, dass Mirko hinter ihr herlief. Falls er sie aufhalten wollte, würde sie ihm keine Chance dazu lassen. Wenig später kam sie neben dem wohlvertrauten Auto zu stehen. Das Seitenfenster fuhr bis zur Hälfte nach unten.
„Hallo Anja!“, begrüßte Martina sie.
„Was willst du denn hier?“, fragte Anja. Martina antwortete nicht, doch ihre Lippen umspielte ein eisiges Lächeln.
Anja beugte sich nach vorne und warf einen Blick ins Innere des Wagens. Martina versuchte nicht einmal, sie daran zu hindern. Auf dem Beifahrersitz lagen ein Nachtsichtgerät und eine Spraydose mit roter Farbe.
Anja wich zurück: „Du? Du steckst mit Sarah unter einer Decke?“
Martina gab ein gackerndes Lachen von sich. „Ich denke eher, dass sie mit mir unter einer Decke steckt. Es hat ganz schön lange gedauert, die blöde Kuh davon zu überzeugen, dass du eine Abreibung verdient hast“, sagte sie schließlich.
„Aber warum?“ Anja schüttelte ungläubig den Kopf. „Warum tust du mir das an?“
Martina warf ihr einen abschätzigen Blick zu: „Das ist typisch für dich, dass du wieder einmal nichts kapierst. Du hast schon immer gedacht, dass dir die ganze Welt gehört und alles nach deiner Pfeife tanzen muss. Aber darauf hab ich keine Lust mehr! Ich wollte nicht mehr tatenlos zusehen, wie du dir immer und immer wieder zu eigen machst, was dir nicht zusteht. Du schreckst ja noch nicht einmal vor den Männern anderer Frauen zurück.“
Anja fehlten die Worte. Sie konnte nicht glauben, was sie eben gehört hatte.
„Du? Du hast mich die ganze Zeit von deiner Wohnung aus beobachtet? Aber wie …?“ Anja dachte an ihren Besuch bei Martina vor ein paar Tagen zurück. Sie erinnerte sich, wie sie nachdenklich aus dem Küchenfenster gestarrt und dabei die Fenster ihrer eigenen Wohnung klar und deutlich gesehen hatte. Natürlich.
Mittlerweile war auch Mirko am Auto angekommen. Er stellte sich dicht hinter Anja und berührte sie sanft am Arm. Martina schien diese vertraute Geste rasend zu machen. Sie hieb mit der Faust auf das Lenkrad. Dann wandte sie sich wieder Anja zu: „Es war ein Leichtes, euch auszuspionieren. Ihr vögelt ja sogar bei offenen Vorhängen. Widerlich!“
Anja traute ihren Ohren nicht. Sie starrte Martina aus weit aufgerissenen Augen an.
„Du nennst uns widerlich?“, presste sie schließlich hervor. „Du hast mir wochenlang nachgestellt, mich fast in den Wahnsinn getrieben und wolltest mir dann auch noch einreden, dass Mirko derjenige ist, der mich verfolgt. Du bist doch verrückt! Und ich dachte, du wärst meine beste Freundin!“
Martina funkelte sie hasserfüllt an. „Beste Freundin?“, spie sie ihr entgegen. „Auf jemanden wie dich pfeif ich! Du interessierst dich nur für dich selbst. Nimmst einer anderen Frau den Mann weg und tust so, als würdet ihr euer Glück verdienen. Du miese Schlampe!“
Am liebsten hätte Anja ausgeholt und ihr eine Ohrfeige verpasst. Mirkos Druck an ihrem Arm hielt sie davon ab.
„Lass sie!“, murmelte er. „Das ist es doch nicht wert.“
Sanft wollte er sie zu seinem Auto ziehen, doch Anja riss sich los. Mit der flachen Hand schlug sie gegen Martinas halb geöffnetes Seitenfenster.
„Sarah hat mit Mirko Schluss gemacht. Nicht er mit ihr. Und schon gar nicht war ich der Grund für das Ende ihrer Beziehung. Wenn du mir mein Glück nicht gönnen kannst, ist das dein Problem! Aber sag mir nicht, dass ich eine Schlampe bin! Ich werde euch beide anzeigen. So kommt ihr mir nicht davon. Die sollten dich wegsperren, Martina. Du gehörst in eine Psychatrie.“
Martina sagte nichts. Doch Anja konnte nach wie vor den Hass in ihren Augen sehen. Sie drehte sich um und ging so ruhig wie möglich zu Mirkos Auto hinüber. Als sie die Beifahrertür öffnete, fuhr Martina mit quietschenden Reifen davon.
Erschöpft ließ Anja sich in den Sitz fallen. Mirko nahm ihre Hand und strich mit seinem Daumen zärtlich darüber.
„Alles okay bei dir?“
Sie nickte.
„Ich habe mich noch nie in meinem Leben so sehr in einem Menschen getäuscht“, sagte sie schließlich.
Aufmunternd drückte er ihre Hand: „Ich bring dich nach Hause.“
Lange sah sie ihn schweigend an. Dann schüttelte sie entschieden den Kopf: „Nein. Erst muss ich noch etwas erledigen. Fahr mich bitte zum nächsten Polizeirevier!“

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Kurzgeschichte

Mutterliebe

Robert betrat die kleine, piefige Wohnküche. Seine Mutter saß an dem leicht in die Jahre gekommenen Esstisch über einem Kreuzworträtsel. Als sie den Blick hob, konnte er an dem Funkeln in ihren Augen erkennen, dass die nächste verbale Attacke nicht weit war.
„Wann warst du eigentlich das letzte Mal beim Friseur?“
Robert schwieg und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein.
„Zu viel Koffein ist schlecht für die Haut“, blaffte seine Mutter. „Überhaupt würde dir ein wenig Gesichtspflege nicht schaden! Du siehst ja beinahe älter aus als Onkel Walter.“
Sein Schulterzucken schien sie zusätzlich zu motivieren. „In der Stadt hat ein neues Fitness-Studio aufgemacht. Ich habe dich gleich dort angemeldet.“
„Lass gut sein, Mutter!“
„Nein, nein! Du solltest wirklich dringend etwas für deinen Körper tun.“ Den Kugelschreiber zwischen die Finger geklemmt, wedelte ihre rechte Hand all seine Einwände weg.
Robert seufzte: „Ein Fitness-Studio ist doch bestimmt nicht das Richtige für mich.“
Seine Mutter schien ihn gar nicht gehört zu haben: „Übermorgen hast du dein erstes Probetraining. Die Freude kommt beim Tun!“
Schwerfällig ließ Robert sich auf einen Stuhl sinken, seine Knie knackten bedenklich.
„Da hast du es doch schon“, stellte seine Mutter überlegen lächelnd fest. „Du siehst nicht nur aus wie ein alter Mann, du kleidest dich nicht nur wie ein Greis. Dein Körper hat sich sogar tatsächlich schon dem Verfall hingegeben!“
„Ach Mutter, das…“
Sie hob angriffslustig eine Augenbraue. Das genügte, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Du musst dringend an dir arbeiten, Junge! Es ist ja auch nicht nur, dass ich mir Sorgen um deine Gesundheit mache. Aber so wie du aussiehst, wirst du doch niemals eine nette Frau kennen lernen!“
„Bettina ist nett!“ Robert spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss und senkte beschämt den Blick.
„Pff!“ Seine Mutter schnaubte verächtlich. „Da, wo ich herkomme, bedeutet kennen lernen nicht nur, dass du sie heimlich vom Badezimmer aus beobachtest, sondern dass auch sie von dir Notiz nimmt und weiß, dass du überhaupt existierst. Das scheint in deinem Universum wohl anders abzulaufen.“
„Bettina kennt mich doch!“
„Du meinst wohl auch, nur weil du gutmütiger Trottel im Winter vor ihrer Einfahrt Schnee schippst, müsste sie verliebt in deine Arme sinken.“
„Nein, aber…“ Wieder die Augenbraue.
„Glaubst du ernsthaft, eine Frau wie Bettina steht auf eine moppelige Vogelscheuche mit fettigen Haaren und einem Kleidungsstil, der die Heilsarmee auf den Plan ruft?“
„So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ Robert merkte selbst, wie trotzig seine Antwort klang.
„Schrei mich nicht an!“ Wütend hieb seine Mutter mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Ich habe doch gar nicht…“
„Und wag es ja nicht, mir zu widersprechen!“ Sie starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Jedem anderen wäre bei ihrem Anblick das Blut in den Adern gefroren. Robert hatte sich in den dreiundvierzig Jahren seines Lebens daran gewöhnt. Er trat den Rückzug an.
„Verzeih mir, Mutter!“
Ihre Gesichtszüge entspannten sich.
„Natürlich freue ich mich auf das Probetraining.“
Zufrieden tätschelte sie seine Hand: „Es wird auch allerhöchste Zeit, dass du aus deinem Loch dort unten rauskommst.“
„Bestimmt hast du recht.“ Er leerte seinen Kaffeebecher in einem Zug und stand langsam auf.
„Und morgen fahren wir zusammen ins Einkaufszentrum und kaufen dir was Schönes zum Anziehen.“
Ihr triumphierender Blick brannte auf seinem Rücken. Ohne sich noch einmal umzudrehen, stieg er die Kellertreppe hinunter.

Kurzgeschichte

Der Brief

„Du kannst deinem Schicksal nicht entkommen!“ Zufrieden betrachte ich den letzten Satz. Der Cursor blinkt hinter dem Ausrufezeichen, als würde er mir verschwörerisch zuzwinkern. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Während der Drucker den Brief Stück für Stück ausspuckt, denke ich an die Frau, für die er bestimmt ist. Cornelia Escher hat mein Leben in den vergangenen drei Monaten zur Hölle gemacht. Mich gedemütigt. Verletzt. Belogen. Sie verdient es, zu leiden. Und mein Brief ist dazu nur der Auftakt. Eine Warnung, sozusagen. Eine Warnung, die das überhebliche Miststück jedoch nicht ernstnehmen wird. Sie wird ahnen, von wem der Brief stammt und sie wird sich darüber lustig machen. Das liegt nun mal in ihrem Naturell. Aber dieses eine Mal werde ich zuletzt lachen.
Meine Hände zittern leicht vor Erregung, als ich den Briefbogen falte und in den Umschlag schiebe. Eine Unterschrift wird nicht nötig sein. Cornelia wird die Botschaft auch so verstehen. Eines muss man ihr lassen, sie ist eine kluge Frau.
Ich lege den Brief zur Seite und streife die Latexhandschuhe ab. Leichtfüßig und beschwingt durchquere ich mein kleines Büro. In einem wuchtigen Mahagonischrank bewahre ich auf, was ich eigens für Cornelia vorbereitet habe. Vorsichtig gleiten meine Finger über den kühlen Stahl des Jagdmessers. Ein wohliger Schauer läuft mir über den Rücken. Mein Blick fällt auf die Wäscheleine aus dunkelrotem Plastik und die Schraubzwingen. Wir werden so viel Spaß haben, Cornelia und ich.