Open Mind

Traurig ist die Welt bloß, wenn du nicht verrückt bist

„Traurig ist die Welt bloß, wenn du nicht verrückt bist“ – über diese Textstelle bin ich in Stephen Kings Gedicht „Die Knochenkirche“ gestolpert und es scheint mir, als hätte ich nie eine zutreffendere Einschätzung des menschlichen Lebens, unseres irdischen Daseins, gehört oder gelesen.

Verrücktheit ist dabei nicht gleichzusetzen mit einer Geisteskrankheit oder einer immer weiter voranschreitenden Psychose. Auch wenn diese einen angesichts des politischen Weltgeschehens oder der sich täglich an Grausamkeiten und Wahnsinn überschlagenden Nachrichten durchaus befallen könnten. Verrücktheit ist für mich vielmehr der Versuch, aus der eigenen Begrenztheit, dem selbst errichteten Gefängnis aus gesellschaftlichen und persönlichen Zwängen zu entkommen. Denn sind es nicht gerade die ewig gleichen Alltäglichkeiten, die genau getakteten Abläufe, das mühsame Anrennen im Hamsterrad des Lebens, die uns oft unzufrieden machen? Die unsere Welt – zumindest manchmal – grau, fad und eben traurig erscheinen lassen? „So ist es nun einmal“, mag der ein oder andere erwidern. „Was sollten wir daran schon ändern können?“ Sicher, die Erde wird sich weiterdrehen, die Zeit wird erbarmungslos voranschreiten – ganz gleich, ob wir aus dem Hamsterrad herauszukommen versuchen, ob wir unsere Rechnungen begleichen können, nachdem wir einen gutbezahlten, aber unbefriedigenden Job aufgegeben haben …

Aber verrückt zu sein muss ja nicht gleich heißen, dass man sich als Aussteiger in die Tiefen des Waldes zurückzieht und sich künftig nur noch von Beeren, Kräutern und Insekten ernährt. Um eine Prise Verrücktheit in sein Leben zu bringen, muss man auch nicht an einem langen Gummiseil von einer Brücke springen, um schließlich – kurz vor dem Zurückschnalzen des Gummis – mit dem Kopf in einen mit hungrigen Krokodilen gespickten Fluss einzutauchen. Obwohl man das alles natürlich tun kann, wenn es den eigenen Neigungen und Vorlieben entspricht.

Für die meisten von uns werden es aber auch weniger krasse Unternehmungen tun, um dem Leben mehr Pfiff zu geben. Um die Welt ihrer Traurigkeit zu berauben. Vermeintliche Kleinigkeiten, mit denen  im eigenen Umfeld – oder zumindest kaum jemand – rechnet, weil man sie schon viel zu lange vor sich herschiebt oder weil sie einem einfach nicht zugetraut werden. Für den einen ist es schon verrückt, der schrecklichen Flugangst zum Trotz, die langersehnte Flugreise nach Kanada zu wagen. Ein anderer traut sich endlich, vor einer großen Menschenmenge auf die Bühne zu gehen und zu singen, obwohl niemand geahnt hat, dass dieses Talent überhaupt in ihm schlummert. Neongrüne Socken zum schwarzen Anzug? Immer her damit! In der Eisdiele einmal nicht das geliebte Schokoeis bestellen, sondern stattdessen zur neuen Sorte Ingwer-Blutorange greifen? Na klar! Selbst wenn du feststellst, dass du den Geschmack zum Kotzen findest, hast du es doch wenigstens versucht! Den schönsten, wundervollsten, absolut heißesten Traummann (oder natürlich Traumfrau!) ansprechen, obwohl du sicher bist, eine Abfuhr zu kassieren? Worauf wartest du noch? Ran an den Speck! Einfach mal Nein sagen, wenn dir etwas gegen den Strich geht? Ja, ja und nochmals ja! Wenn du immer nur für andere da bist, denk endlich auch einmal an dich. Warum? Einfach weil du es dir verdient hast. Und wenn dir jemand sagt, dass du zum Wohle anderer Prioritäten setzen musst, kann es – zumindest dieses eine Mal – nur eine Antwort darauf geben: „Genau das habe ich getan. Und heute liegt die Priorität auf dem, was ich will!“ Verrückt? So soll es sein! Oft sind die kleinsten Schritte auch die wirkungsvollsten. Wir müssen nicht das Rad neu erfinden oder bei der ersten Mondlandung dabei gewesen sein, um etwas Großes leisten zu können. Jeder von uns vollbringt täglich etwas Wertvolles. Womöglich nicht für die gesamte, traurige Welt, aber für Freunde, Familie oder Kollegen.

Eines sollten wir uns immer vor Augen halten: Das Leben ist zu kurz und vor allem zu wertvoll, um es mit verpassten Gelegenheiten statt mit tollen Erlebnissen und schönen Erinnerungen zu füllen. Kein Tag, an dem du nicht wenigstens eine klitzekleine Verrücktheit gemacht hast, kommt zu dir zurück. Oder – wenn wir Isaac Harris aus „Leben nach dem Tod“ Glauben schenken – bekommen wir vielleicht sogar die Gelegenheit unser Leben noch einmal zu leben. Allerdings lassen sich die ursprünglich getroffenen Entscheidungen dann auch nicht mehr abändern, wir durchlaufen sie einfach wieder und wieder, ohne zu erfahren, was uns erwartet hätte, hätten wir uns anders entschieden. Möglicherweise ist es auch ganz gut so, dass wir das „Was wäre gewesen, wenn …?“ nicht auflösen können. Aber ich denke, es kann nicht schaden, wenn wir bei jeder Entscheidung, die wir treffen, auch die kleinen Verrücktheiten in Erwägung ziehen. Denn traurig ist die Welt bloß, wenn du nicht verrückt bist!

 

Sowohl Stephen Kings Gedicht „Die Knochenkirche“ als auch seine Kurzgeschichte „Leben nach dem Tod“ finden sich in dem Sammelband „Basar der bösen Träume“, erschienen bei Heyne.

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