Das Ei des Koami


 

Die Sonne brannte unerbittlich vom Himmel und brachte die Luft über dem Grasfluss zum Flirren. Es roch nach vertrockneten Pflanzenresten. Die Palmwedel warteten vergebens auf den leisesten Windhauch und hingen schlapp und braun herab. Soweit das Auge reichte lagen unzählige Leistenkrokodile faul und vor Hitze dampfend am Ufer. Die Wenigsten hatten sich dazu aufraffen können, ihren Liegeplatz zu verlassen, um sich in den Fluten des Flusses Linderung zu verschaffen. Sie nannten ihn den Grasfluss, weil er im Sonnenlicht in einem tiefen Smaragdgrün leuchtete. Ein Grün, das sie sonst nur aus der Regenzeit kannten, wenn sie statt der kargen Steppe für einige Wochen dichte, satte Grasbüschel umgaben, die sie sanft am Bauch kitzelten.
Auch Koami trieb zufrieden im kühlen, seinen aufgeheizten Panzer umspielenden Wasser und seufzte wohlig von Zeit zu Zeit. Obwohl er sein Bad über alle Maßen genoss, ließ er seine Familie dennoch keine Sekunde aus den Augen. Seine Frau Kianga hatte sich wenige Krokodilslängen entfernt eine große Mulde in den Sand gegraben, in der sie nun lag. Direkt neben ihrem Schlafplatz ragte ein kleiner Hügel aus verschieden großen Ästen und Pflanzenresten empor. Darunter befanden sich die zweiundzwanzig Eier, die Kianga vor wenigen Tagen gelegt hatte und die sie seither rund um die Uhr bewachte. Erfüllt von väterlichem Stolz und voller Liebe glitt Koami aus dem angenehmen Nass und kroch schwerfällig über den glühendheißen Sand zu seiner Frau.
„Hast du Hunger, mein Liebes?“ Zärtlich rieb er seine Schnauze an der ihren. Aus müden Augen blinzelte sie ihn an und schüttelte kaum merklich den Kopf: „Es ist viel zu heiß, um etwas zu essen. Aber du könntest dich ein wenig zu uns legen.“ Und das tat er.
Wenige Tage später hatte die tropische Hitze etwas nachgelassen und am Grasfluss war Normalität eingekehrt. Zwar gingen die meisten Krokodile immer noch ihrer liebsten Beschäftigung nach und dösten faul in der Sonne, aber zunehmend unternahmen einige von ihnen wieder Streifzüge in den dichten Urwald. Auch Koami hatte sich früh am Morgen auf Patrouille begeben, um die Umgebung zu erkunden und wie die anderen Männchen umherzustreifen. Gerade hatte er inmitten der meterhohen Palmen einen kleinen Tümpel entdeckt und bereitete sich innerlich bereits auf ein genüssliches Schlammbad vor, als er ein leichtes Vibrieren wahrnahm. Erst war es kaum zu spüren, doch dann schwoll es immer mehr an, bis schließlich der Boden unter ihm zu schwanken schien. Je stärker das Beben wurde, desto lauter drang auch ein unbekanntes Geräusch zu ihm vor, das ihm ein seltsames Gefühl in der Magengegend verursachte. Verwirrt hob Koami den Kopf. Das komische Brummen nahm weiter zu und dennoch kam es ihm so vor, als würde er noch etwas anderes hören. Er lauschte angestrengt und drehte den Kopf in alle Richtungen. Da war es wieder! Es hörte sich an wie leise Schreie. Angst ergriff von Koami Besitz und schien ihn für einige Sekunden lähmen zu wollen. Doch dann dachte er an seine Familie und daran, dass er sie unbedingt beschützen musste.
So schnell seine kurzen Beinchen ihn trugen, lief er zurück an den Strand. Mehrmals stürzte er beinahe über ineinander verschlungene Wurzelteile. Mit letzter Kraft schlug er sich durch die dichten Farnwedel, die an der Grenze zwischen Strand und Urwald wuchsen, und kam schwer atmend am Ufer des Grasflusses zu stehen. Der Anblick, der sich ihm dort bot, verschlug ihm beinahe den Atem. Riesige orange-gelbe Ungetüme mit kettenartigen Rädern bahnten sich ihren Weg aus dem Unterholz und schoben mit breiten, leicht gebogenen Schaufeln alles beiseite, was sich ihnen in den Weg stellte. Am Steuer dieser Ungeheuer saßen dunkelhäutige Menschen in kurzen Hosen und mit nacktem Oberkörper. An einem der unheimlichen Gefährte konnte Koami das Schild einer Baufirma erkennen, die damit warb, neue Siedlungen inmitten unberührter, paradiesischer Natur zu errichten. Außer sich vor Sorge suchte er mit den Augen das Flussufer ab, doch immer wieder wurde ihm die Sicht durch panisch umherlaufende und in Todesangst schreiende Krokodile versperrt. Wieder reckte er den Kopf empor, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Schließlich entdeckte er Kianga wenige hundert Meter entfernt. Verzweifelt versuchte sie gerade, so viele ihrer Eier wie möglich in ihrem Maul in Sicherheit zu bringen. Mehr als acht konnte sie allerdings nicht tragen, so dass sie die übrigen notgedrungen zurücklassen musste. Hektisch rannte sie ans Flussufer und ließ die geretteten Eier ins Wasser fallen. Koami erkannte die Misere seiner Frau sofort und versuchte, ihr zu Hilfe zu kommen. Gerade als Kianga sich wieder umdrehen wollte, um zurück zu ihrem Nest zu laufen, rauschte einer der Bulldozer heran und begrub ihre Brut unter seinen schweren Ketten. Mit schreckgeweiteten Augen und schmerzverzerrtem Gesicht taumelte sie zurück ins Wasser und versuchte die am seichten Ufer treibenden Eier wieder in ihr Maul zu schieben. Koami, der das Unglück ebenfalls mitangesehen hatte und vor Schreck wie erstarrt gewesen war, kam endlich wieder zu sich und rannte weiter Richtung Wasser. Nur wenige Schritte, ehe er Kianga erreichen konnte, brachen plötzlich weitere Männer zu Fuß aus dem Dickicht des Urwalds hervor. Sie hielten lange Gewehre im Anschlag und zielten damit auf die angsterfüllten, flüchtenden Krokodile. Voller Panik warf Koami sich in die Fluten des Grasflusses und schwamm um sein Leben. Als er endlich wieder auftauchte, schien das Wasser um ihn herum zu brodeln. Überall versuchten wild um sich schlagende Krokodile, sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Kianga konnte er in all dem Durcheinander nicht mehr entdecken, doch dort, wo sie eben noch gestanden hatte, trieb nun ein einsames Ei am Ufer. Koami begriff sofort, dass es sich dabei um eines seiner Kinder handeln musste und schoss blitzschnell darauf zu. In einer einzigen fließenden Bewegung nahm er das Ei vorsichtig zwischen die Zähne und tauchte einen Haken schlagend sofort wieder ab, um zurück in die Mitte des Flusses zu schwimmen. Ein letztes Mal versuchte er, einen Blick auf Kianga zu erhaschen, doch seine Frau schien wie vom Erdboden verschluckt. Mittlerweile waren die Männer mit den Gewehren am Flussufer angekommen und schossen wahllos auf alles, das sich bewegte. Auch rund um Koami schlugen einige Kugeln im Wasser ein. Als unmittelbar neben ihm ein Krokodil tödlich getroffen wurde und sich das smaragdgrüne Wasser langsam rot färbte, beschloss Koami, dass er keine andere Wahl hatte, als sich und sein Ei in Sicherheit zu bringen. Ohne sich noch einmal umzublicken schwamm er immer weiter flussabwärts, bis er schließlich nach einigen Stunden das offene Meer erreichte, wo er sich endlich etwas weniger in Gefahr fühlte…

„Das Ei des Koami“ ist zusammen mit sieben weiteren sehr lesenswerten Geschichten für Kinder und Jugendliche in einem Sammelband zur Bonner Buchmesse Migration erschienen. Wenn Sie wissen wollen, wie es mit Koami weitergeht, oder Sie sich für die anderen Geschichten interessieren, können Sie den Sammelband bei Amazon bestellen.

Blog - Das Ei des Koami

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