Das Haus am See


Ein Tag im September
Der ätherische Geruch von Nadelbäumen und Wildblumen lag in der Luft. Ron Heller saß mit nacktem Oberkörper auf der Veranda und ließ seinen Blick über die Lichtung schweifen, auf der sein Häuschen stand. Die Sonnenstrahlen bedeckten die Oberfläche des glasklaren Sees mit einem gleißenden Glitzern und er kniff die Augen zusammen, um nicht geblendet zu werden. Obwohl es früh am Morgen war, kündigte sich die Hitze des bevorstehenden Tages an. Die umstehenden Bäume würden jedoch noch einige Stunden für angenehme Kühle sorgen. Ron lehnte sich in seinem Schaukelstuhl zurück, griff zur Bierflasche und nahm einen tiefen Schluck. Lächelnd ließ er die Szenerie auf sich wirken. Mit seiner eigenen Hände harter Arbeit hatte er für seine Familie dieses Paradies geschaffen. Vor knapp sieben Jahren hatte er das schmucke Holzhaus inmitten dieses Wäldchens, direkt am See, gebaut. Jackie-Oh war damals ein Baby gewesen.
Auch heute noch waren Haus und Garten Rons ganzer Stolz. Zufrieden betrachtete er den frischen weißen Anstrich von Außenfassade und Veranda sowie den sorgfältig getrimmten Rasen.
Ein Knarren riss ihn aus seinen Gedanken. Nackte Füße trippelten über die Veranda, dann fiel die Fliegengittertür zurück ins Schloss. Jackie schlang ihre gebräunten Arme von hinten um seinen Hals und drückte ihm einen feuchten Schmatz auf die Wange. Als Ron sich zu seiner Tochter umdrehte, funkelten ihre Augen freudig.
„Darf ich mit dem Boot auf den See hinausfahren, Daddy?“
„Hast du denn deine Hausaufgaben für Montag schon gemacht und dein Zimmer aufgeräumt, Liebes?“
Seufzend schüttelte sie den Kopf und schob die Unterlippe vor. Enttäuscht reckte sie ihm ihren Schmollmund entgegen und bettelte um einen Kuss, den er ihr nicht verwehren konnte.
„Du weißt, was deine Mutter dazu sagen würde“, sagte er schließlich.
Sie verzog das Gesicht zu einem verschmitzten Grinsen. Dann stemmte sie die Hände in die Hüften und setzte einen gespielt strengen Blick auf.
„Jacqueline Olivia, wann wirst du begreifen, dass Ordnung das halbe Leben ist?“, ahmte sie ihre Mutter nach. Anschließend brach sie in schallendes Gelächter aus. Auch Ron konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Liebevoll zog er sie auf seinen Schoß und strich mit seinen von Nikotin und Sonne verfärbten Fingern über ihr langes weizenblondes Haar.
„Also gut“, lächelte er, „aber wir sollten Mama besser nicht davon erzählen. Sie würde uns beide ausschimpfen.“
Jackie strahlte übers ganze Gesicht und drückte ihn fest an sich.
„Na los, zieh dir schon deinen Badeanzug an! Und bring mir noch eine Flasche Bier!“, sagte er. Als sie von seinem Schoß hüpfte, gab er ihr einen Klaps auf den Po. Lächelnd sah er ihr nach, wie sie über die Veranda zur Haustür hopste. Plötzlich schien die Luft vor seinen Augen zu flimmern. Er stutzte. Waren das Algen, die in ihren blonden Haaren hingen? Ihre Haut kam ihm mit einem Mal nicht mehr sonnengebräunt, sondern fahl, fast grau vor.
„Jackie-Oh?“, rief er.
Sie hielt in der Bewegung inne und drehte sich langsam zu ihm um.
Er erstarrte. Ihr Gesicht war aufgedunsen und auf einer Seite stark gerötet.
„Ja, Daddy?“, sagte sie und ihr Mund verzog sich zu einem unnatürlich schiefen Grinsen.
Er kniff die Augen zusammen. Innerlich zählte er bis zehn. Erst dann wagte er, sie wieder anzusehen. Jackie stand noch immer auf der Veranda und sah ihn fragend an. Ihre Haut war sonnengebräunt, ihr Gesicht makellos schön.
„Nichts, Liebes!“, sagte er und schüttelte den Kopf, als wolle er einen bösen Traum loswerden. Die Hitze schien ihm zu Kopf zu steigen.

Beim Abendessen drehten sich Jackies Gedanken noch immer um ihre Abenteuer in und auf dem See und sie plapperte unentwegt vor sich hin, ohne auch nur einmal Luft zu holen. Ron lehnte sich entspannt zurück und genoss den ungebremsten Wortschwall seiner Tochter. Ganz folgen konnte er ihr nicht mehr, was wohl dem schweren Rotwein geschuldet war, den er sich zum Rindfleisch eingeschenkt hatte. Hin und wieder schaufelte er Jackie einen weiteren Löffel Bohnen oder Kartoffelpüree auf den Teller. Das Spielen an der frischen Luft schien sie hungrig gemacht zu haben.
„Können wir noch eine Runde Karten spielen, Daddy?“, fragte sie schließlich und schob ihren leeren Teller beiseite.
„Es ist schon spät, Liebes“, antwortete er, „für heute sollten wir Schluss machen und schlafen gehen.“
Wieder versuchte sie, ihn mit ihrem Schmollmund um den Finger zu wickeln. Doch dieses Mal ließ er sich nicht umstimmen. Sein Kopf schmerzte und er sehnte sich nach der einzigen Medizin, die das Pochen in seinen Schläfen mildern konnte. Schwerfällig stand er auf. Auch Jackie war aufgesprungen. Übermütig lief sie um den Tisch herum und warf sich in seine Arme.
„Du musst mich ins Bett tragen, Daddy!“, jauchzte sie und bedeckte sein Gesicht mit Küssen.
Lachend tat er so, als wäre sie schwer wie ein Sack Zement. In ihrer kleinen Kammer ließ er sie inmitten ihrer Stofftiere auf das Bett plumpsen. Die Erinnerung an seine morgendliche Vision kam ihm in den Sinn. In Jackies Gesicht forschte er nach Anzeichen dafür, dass er sich die Sache doch nicht eingebildet hatte. Das Mondlicht fiel durchs Fenster und zeichnete ihre schmale Nase und den ebenmäßigen Mund nach. Nichts wies auf die entstellte, aufgedunsene Fratze hin, die er zu sehen geglaubt hatte. Erleichtert zog er ihr die Bettdecke bis unters Kinn und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Gute Nacht, Liebes“, sagte er im Hinausgehen.
„Schlaf gut, Daddy!“, rief sie ihm hinterher. „Und träum was Schönes!“
Als er wieder in der Küche stand, war das Pochen in seinen Schläfen schlimmer als je zuvor. Seine Hände zitterten und sein Mund fühlte sich staubtrocken an. Gut, dass er für solche Fälle immer eine Reserve hatte. Er öffnete den Küchenschrank und zog hinter den Putzmitteln eine Flasche Whiskey hervor. Im Schlafzimmer machte er sich gar nicht erst die Mühe, seine an den Knien abgeschnittene Jeans oder die Socken auszuziehen. Mit letzter Kraft warf er sich aufs Bett, öffnete die Flasche und ließ die goldbraune Flüssigkeit seine Kehle hinunterrinnen. Kurze Zeit später fiel Ron in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Er erwachte von einem seltsam schlurfenden Geräusch. Es erinnerte ihn ein wenig an das Schmatzen, dass nackte Füße in nassen Gummistiefeln machten. Der Schlaf schien ihn noch immer im Griff zu haben, so dass er das Geräusch zunächst nicht zuordnen konnte. Weder aus welcher Richtung es kam, noch wovon es ausgelöst wurde. Doch es schien sich ihm zu nähern. Ein feuchtkalter Hauch strich über seinen bloßen Arm und ließ ihn erschauern. Mühsam zwang er sich, die Augen zu öffnen und schrak zusammen …

*****

„Das Haus am See“ gefällt Ihnen und Sie wollen wissen, wie es mit Ron und Jackie Heller weitergeht? Die Kurzgeschichte ist in meinem Buch „Abgründe“ erschienen und als Taschenbuch sowie als E-Book erhältlich.

 

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2 Gedanken zu „Das Haus am See“

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