Das Zimmer am Ende des Flures


Zwei Jahre vergehen für die meisten Menschen wie im Flug. Doch wenn man darauf wartet, dass eine geliebte Person zurückkehrt, fühlen sie sich an wie eine Ewigkeit. Thommy wusste instinktiv, dass das Warten in ihrem Fall vergebens sein würde. Das Zimmer am Ende des Flures würde für immer verwaist bleiben und sie alle Tag für Tag an ihren schmerzlichen Verlust erinnern.

„Du traust dich nicht, weil du ein verdammter kleiner Feigling bist!“ Richard hatte sich vor ihm aufgebaut, die Arme vor der Brust verschränkt, und warf ihm einen herausfordernden Blick zu.
„Du traust dich doch selber nicht“, entgegnete Thommy gelassen. So einfach konnte sein älterer Bruder ihn nicht aus der Reserve locken.
Richard winkte mit einer abfälligen Handbewegung ab: „Ich war schon mehr als einmal dort drinnen. Aber da hast du jedes Mal tief und fest geschlafen und dir dabei in die Hosen gepinkelt. Du bist eben einfach ein Baby!“
Thommy wusste, dass das gelogen war. Seit dem Zwischenfall vor zwei Jahren teilten sie sich ein Zimmer und bisher war er jedes Mal wach geworden, wenn Richard sich nur in seinem Bett umgedreht hatte. Zu groß war seine Angst, noch einen Bruder zu verlieren. Außerdem traute der Ältere sich nicht einmal, nachts allein aufs Klo zu gehen, obwohl das Bad direkt gegenüber lag. Und der nannte ihn ernsthaft einen Feigling? Thommy verbiss sich jeden boshaften Kommentar. Was hätte es ihm gebracht, Richards Tarnung auffliegen zu lassen und ihn damit bloßzustellen? Nach allem, was passiert war, war es sicherlich besser zusammenzuhalten.
„Ich will keinen Ärger mit Mama“, sagte er stattdessen.
Richard verdrehte entnervt die Augen: „Sie muss es doch gar nicht merken, Schwachkopf! Wenn du es geschickt anstellst, wird sie nie von unserer kleinen Mutprobe erfahren.“
Einen Moment lang dachte Thommy über die Worte seines Bruders nach. Im Gegensatz zu Richard hatte er keine Angst vor dem, was ihn im verbotenen Zimmer erwarten würde. Ihm ging es einzig und allein darum, die Gefühle seiner Eltern nicht noch mehr zu verletzen.
„Aber wenn, dann würde es ihr das Herz brechen“, dachte Thommy laut nach.
„Du benutzt sie doch nur als Ausrede für deine eigene Feigheit“, fuhr Richard ihn an.
In Thommy arbeitete es. Seine Gedanken überschlugen sich. In letzter Zeit reizte es ihn mehr und mehr, sich dem Wunsch seiner Mutter zu widersetzen. Seitdem ihr ältester Bruder Benny spurlos verschwunden war, war es ihnen ausdrücklich verboten, sich seinem Zimmer auch nur zu nähern. Es lag am Ende des langen Flures im ersten Stock, sodass sie nicht täglich daran vorbeigehen mussten. Der Schmerz und die Trauer blieben dennoch und waren im ganzen Haus mit Händen zu greifen.
Nur Thommy wusste, dass seine Mutter die einzige in der Familie war, die sich nicht an ihr eigenes Verbot hielt. Als er vor einigen Wochen wegen Fiebers nicht in die Schule gehen konnte, hatte er mitbekommen, dass sie sich vormittags in Bennys Zimmer schlich. Kurze Zeit später hatte er ihr Schluchzen gehört. Auf Zehenspitzen war er den Flur entlanggehuscht und hatte einen Blick durch das Schlüsselloch geworfen. Seine Mutter hatte vor dem Bett seines Bruders gekniet, das Gesicht weinend in den Händen vergraben. Seit jenem Tag wollte auch er einmal dort hinein, um Benny wieder ganz nah zu sein.
„Also gut, ich mach’s!“, platzte er schließlich heraus. Richard starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. Er war blass geworden.
„Heute Nacht“, fügte Thommy hinzu, „werde ich dir beweisen, dass ich kein Feigling bin.“

Thommy erinnerte sich genau an seinen letzten Tag mit Benny. Als wäre es gestern gewesen, konnte er jedes noch so kleine Detail abrufen, sobald er die Augen schloss.
Es war ein heißer Augusttag. Die Schule hatte noch nicht wieder begonnen und die drei Jungs verbrachten jede freie Minute draußen. Wenn sie nicht an den See gingen, um sich abzukühlen, streiften sie als Räuber und Gendarm durch die umliegenden Wälder oder sie saßen in der alten Rotbuche im Garten und bauten an ihrem Baumhaus.
An jenem Nachmittag saßen Thommy und Benny im Schatten ebendieses Baumes und tranken Limonade. Sie hatten keine Ahnung, wo Richard sich herumtrieb und um ehrlich zu sein, war es ihnen auch egal. Richard konnte eine ziemliche Nervensäge sein und obwohl er nur anderthalb Jahre jünger war als Benny, gab dieser sich lieber mit dem kleinen Thommy ab, der damals kurz vor der Einschulung stand.
Thommy nahm einen großen Schluck Limonade, dann deutete er mit dem Kinn auf das halb fertige Baumhaus über ihnen: „Was meinst du, wann wir damit fertig werden?“
„Hoffentlich nicht, bevor du mit deinen zwei linken Händen lernst, einen Nagel gerade einzuhauen“, lachte Benny. Als er den verletzten Blick seines kleinen Bruders sah, zauste er ihm die Haare: „War bloß Spaß, Kleiner! Du stellst dich sehr geschickt an. Wahrscheinlich bist du sogar der handwerklich Begabtere von euch.“
Benny nannte keinen Namen, doch sie wussten beide, dass er Richard damit meinte. Sie liebten ihn. Wirklich. Doch sie empfanden nicht dasselbe für ihn wie füreinander.
Ehe sie ihre Unterhaltung fortsetzen konnten, raste Richard auf seinem Fahrrad in den Hof. Wenige Meter vor dem Baum, unter dem sie saßen, machte er eine Vollbremsung. Dabei brach sein Hinterreifen aus und hüllte sie in eine Wolke aus Staub und aufspritzendem Kies.
„Ach, komm schon, Richie! Musst du dich immer wie ein Vollidiot benehmen?“, rief Benny und hielt sich einen Arm schützend vors Gesicht.
„Sorry, Mann! Wollte euer Kaffeekränzchen nicht stören“, antwortete Richard, „aber drüben auf der Wiese bei der alten Mühle steigt gleich ein Fußballspiel gegen die Trottel aus’m Nachbardorf und wir könnten noch ’nen guten Stürmer brauchen.“
Sofort war Benny auf den Beinen und klopfte sich den Staub von der Hose: „Na, dann nichts wie los!“
Auch Thommy kam mühsam hoch und wollte sein Fahrrad holen.
„Nee, Kleiner, du bleibst natürlich hier!“, sagte Richard und verdrehte die Augen. „Was sollten wir mit dir Zwerg auch anfangen? Dich als Eckfahne benutzen?“ Sein gackerndes Lachen versetzte Thommy einen Stich.
Enttäuscht ließ er sich zurück ins Gras plumpsen. Er merkte, dass Tränen in ihm aufstiegen. Doch vor Richard zu weinen, kam nicht in Frage. Benny schwang sich auf sein Rad und warf ihm einen aufmunternden Blick zu. Als die beiden vom Hof fuhren, drehte er sich noch einmal um und reckte Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand in die Luft. Richard tat es ihm grinsend gleich. Er mochte es für ein Victory-Zeichen halten, doch Thommy wusste es besser. Benny und er hatten dieses Zeichen vereinbart, wenn ihr Bruder ihnen mal wieder auf die Nerven ging. Wir zwei gegen den Rest der Welt – und vor allem gegen Richard – sollte es besagen. Thommy musste lachen.
Als seine Brüder abends verschwitzt nach Hause kamen, zeugten ihre geröteten Wangen und die strahlenden Augen von einem glorreichen Sieg, den die beiden beim Abendbrot in allen Einzelheiten schilderten. Ihre Mutter, die Thommys sehnsüchtige Blicke bemerkte, strich ihm sanft über den Kopf. Dann sagte sie: „Beim nächsten Mal nehmt ihr euren Bruder mit.“
Noch ehe Richard widersprechen konnte, fügte sie hinzu: „Wenn er auch zum Mitspielen noch zu klein sein mag. Aber er wird bestimmt einen ausgezeichneten Balljungen abgeben.“
Nur dass es kein nächstes Mal mehr geben sollte.
Als es Zeit war, zu Bett zu gehen – damals hatte jeder von ihnen noch sein eigenes Zimmer – rief Richard ihnen auf dem Flur zu: „Und macht euch heut Nacht nicht wieder in die Hosen!“
Dann ließ er die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Thommy und Benny warfen sich einen belustigten Blick zu. Zeitgleich hoben sie Zeige- und Mittelfinger zu ihrem geheimen Gruß. Bevor Benny in sein Zimmer ging, zwinkerte er dem Jüngeren noch einmal zu. Es sollte das letzte Mal sein, dass Thommy seinen Bruder sah …

*****

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