Der erste Schnee


Sie strampelte die Bettdecke weg und ein kühler Lufthauch an ihren nackten Beinen ließ sie frösteln. Zum ersten Mal seit Wochen hatte sie nicht das Gefühl, als läge ihr ein riesengroßer Felsbrocken auf der Brust, der sie niederdrückte und das Atmen erschwerte. Kein Grund, euphorisch zu werden, aber vielleicht immerhin ein Anfang. Zeit, den nächsten Schritt zu wagen. Mühsam rappelte sie sich hoch und sofort begann ihr Kreislauf zu rebellieren. Wie lang mochte es her sein, dass sie zum letzten Mal den Drang verspürt hatte, sich aufzusetzen? Sie schloss die Augen und atmete mehrmals tief durch. Bloß keine Panik jetzt! Das bedrohliche Kribbeln in ihrem Nacken ließ langsam nach und ihr Gehirn schien nicht mehr Karussell mit ihr fahren zu wollen. Als sie die Augen öffnete, sah sie tatsächlich klar.
Sie schwang die Beine über die Bettkante und seit langer Zeit nahm sie ihre Umgebung wieder einmal wahr. Das Zimmer – ihr Zimmer – war ganz in Pastelltönen gehalten. Neben dem Bett gab es nur noch einen kleinen Schrank und eine Kommode, auf der eine mit weißen Lilien gefüllte Vase stand. Keine elektronischen Geräte. Sie runzelte die Stirn. Das hatte sie anders in Erinnerung. Vor dem Bett lag ein flauschiger Teppich, in dem sie nun die Zehen vergrub. Durch die breite Terrassentür, die einen Spalt geöffnet war, fielen die ersten Sonnenstrahlen des Tages und tauchten den kleinen Raum in ein goldenes Licht. Die leichten Organzavorhänge bauschten sich in der Morgenbrise.
Vorsichtig stand sie auf. Fast erwartete sie, ihre Knie könnten unter der ungewohnten Last einknicken. Doch nichts dergleichen geschah. Kein Zittern. Keine Unsicherheit. Sie tapste durchs Zimmer und blieb an der geöffneten Terrassentür stehen. Vor ihr lag ein kleiner Garten mit fein säuberlich gestutzten Sträuchern. An seinem hinteren Ende begrenzte ein dichter Buchenwald das Grundstück. Sie trat hinaus auf die Terrasse. Die sonnenbeschienenen Fliesen fühlten sich warm an unter ihren nackten Füßen. Sie breitete die Arme aus und legte den Kopf in den Nacken. Sie wollte in den unendlichen Sinneseindrücken baden und sich ganz davon einhüllen lassen. Mit geschlossenen Augen sog sie die frische Luft ein. Ein unverkennbarer Geruch hing in der morgendlichen Kühle, den sie unter tausenden Gerüchen erkennen würde. Es roch nach dem ersten Schnee. Langsam einen Fuß vor den anderen setzend betrat sie das saftiggrüne Gras und ging den leicht abfallenden Hügel hinunter. Der Kalender über ihrem Bett zeigte den 21. Juli.

Sabine stand am Spülbecken und erledigte den Abwasch, der von gestern Abend übrig geblieben war. Ihre Arme waren bis fast zu den Ellbogen hinauf mit Schaum bedeckt. Das warme Wasser entspannte sie. Es erinnerte sie daran, wie sie Angelina als Baby gebadet hatte. Heute müsste sie dieser Gedanke eher traurig machen, doch sie kämpfte die negativen Gefühle nieder. Vielleicht war heute ein guter Tag, der Angelina Luft zum Atmen ließ und sie selbst ein wenig von ihren Sorgen befreite. Sie warf einen Blick auf die Küchenuhr. Es war noch zu früh, um nach ihrer kleinen Schwester zu sehen. Angelina schlief lange in letzter Zeit. Wahrscheinlich lag es an den Schlaftabletten. Immerhin hatten so die Alpträume aufgehört. Sabine beschloss, noch mindestens eine Stunde zu warten, und widmete sich wieder ihrem Abwasch.

Mit jedem Schritt, den sie machte, hatte sie ihr Ziel deutlicher vor Augen. Als sie sich dem Wäldchen näherte, wurde das Gras dichter und sie konnte vereinzelt weiches Moos unter ihren Füßen spüren. Die meterhohen Buchen warfen ihre Schatten auf diesen Teil des Gartens. Sie schlang die Arme um den Oberkörper, um sich ein wenig vor der Kühle zu schützen, die ihr in die Knochen kriechen wollte. Dann betrat sie den Wald. Das Rauschen des Windes in den Blättern klang wie eine vertraute Melodie. Es roch nach feuchter Erde. Wie sehr hatte sie all das vermisst. Mit jedem Schritt schien sie sich mehr von einer zentnerschweren Last zu befreien. Nach einigen Metern öffnete sich das dichte Buchengeäst über ihr und sie stand auf einer kleinen, sonnenbeschienenen Lichtung. Dies war schon immer ihr liebster Platz gewesen. Mit Mischa war sie oft hierher gekommen, wenn sie ungestört sein wollten. Hier hatte er sie zum ersten Mal geküsst.
Sie hielt nach einem ganz bestimmten Baum Ausschau. In den letzten Jahren hatte sich der Wald sehr verändert und sie hatte Probleme, sich zu orientieren. Hinter ein paar dicht gedrängten Büschen entdeckte sie ihn schließlich doch. Der Stamm der alten Buche hatte enorme Ausmaße. Selbst fünf erwachsene Männer dürften Probleme haben, ihn gemeinsam zu umfassen. Doch das Besondere an dem Baum war eine Aushöhlung im Stamm, in die Mischa und sie sich gern zurückgezogen hatten, wenn sie allein sein wollten.
Als sie sich jetzt ihren Weg durchs Gebüsch bahnte, fluteten unzählige Erinnerungen an diese Zeit über sie hinweg. Vor der Öffnung blieb sie stehen und legte zärtlich eine Hand auf den uralten Baumstamm. Sofort breitete sich eine fast vergessene Wärme in ihr aus.
Der Wind hatte eine Menge verfaultes Laub in die Aushöhlung geweht, das sie nun mit beiden Händen hinausschaufelte. Dann kroch sie hinein. Noch immer staunte sie, wie geräumig es im Innern des Baumstammes war. Sie legte den Kopf an das Holz und schloss die Augen.
„Mischa, bist du hier?“, flüsterte sie. Das Rauschen des Windes blieb die einzige Antwort.
Sie lächelte. Mischa würde kommen, das wusste sie. Eine Zeit lang saß sie einfach so da, die Wange an das kühle Holz gelegt, und genoss die Unbeschwertheit, die sich in ihr ausbreitete. Fast fühlte sie sich frei. Sie war müde, unendlich müde. Und sie war es leid zu kämpfen. Einen Kampf, den sie ohnehin nicht gewinnen konnte. Jeden Tag ihres Lebens stand sie am Abgrund und musste sich entscheiden, ob sie der Versuchung nachgeben sollte, zu springen, oder ob sie wieder einen Schritt zurücktrat. Den anderen zuliebe. Dabei kostete es sie so viel Mühe, das zu tun, was man von ihr erwartete. Niemand schien verstehen zu können, wie schwer es ihr fiel, morgens überhaupt die Augen zu öffnen. Sich einem neuen Tag gegenüber zu sehen, der nichts Besseres verhieß als all die anderen zuvor. Es konnte schließlich nicht so schwer sein, sich zusammenzureißen, aufzustehen und das Leben wieder beim Schopf zu packen. Aber genau das war es – unvorstellbar schwer. Niedergedrückt zu werden von einer unsichtbaren Faust, die sich um ihr Herz gelegt hatte. Nicht atmen zu können. Nur einen einzigen Wunsch zu haben – loszulassen.
Hier in ihrem Baum fühlte sie sich befreit. Hier würde sie auf Mischa warten, der bald kommen würde.
In der Ferne hörte sie ein leises Rufen.
Mischa würde sie in die Arme schließen und nie mehr loslassen.
Das Rufen wurde lauter. Doch noch verstand sie es nicht.
Gemeinsam würden sie in ihrem Baum sitzen und den Augenblick genießen.
„Angelina?“ Jetzt war das Rufen ganz nah. Sie hörte ihren Namen, doch sie wollte noch nicht zurückkehren.
Jemand berührte sie sanft an der Schulter: „Angelina!“
Sie reagierte nicht darauf, hielt die Augen weiterhin fest geschlossen. Sie wollte einfach hier sitzen. Nur noch ein paar Minuten.
Der Griff an ihrer Schulter wurde fester, das Rufen ihres Namens drängender. Doch dieses eine Mal wollte sie sich nicht aus der Ruhe bringen lassen.
„Ich werde wiederkommen, Mischa“, murmelte sie. „Und ich weiß, dass du dann auch hier sein wirst, um auf mich zu warten.“
Die Vorstellung ihres Wiedersehens zauberte ihr ein Lächeln auf die Lippen. Mischa würde sie abholen und sie endlich nach Hause bringen. Sie wusste genau, wann es so weit war. Bald. Beim ersten Schnee.

Marek sah Sabine aus dem Zimmer ihrer Schwester kommen. Sachte zog sie die Tür hinter sich zu. Ihre Körperhaltung verriet ihm, dass der Besuch bei Angelina wenig erfolgreich gewesen war. Mal wieder. Er ging auf Sabine zu und als sie sich umdrehte, schloss er sie in die Arme. Obwohl es düster in dem engen Flur war, konnte er sehen, dass ihre Augen in Tränen schwammen.
„Alles in Ordnung, Liebling?“, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf: „Sie ist schon wieder nicht ansprechbar. Liegt einfach in ihrem Bett und starrt die Decke an. Apathisch.“
Marek strich seiner Frau liebevoll über den Rücken. Er wusste, wie schwer der Zustand ihrer Schwester auf ihrer Seele lastete. Angelina lebte seit mittlerweile fünf Jahren bei ihnen, falls man das Dasein, das sie fristete, überhaupt als Leben bezeichnen wollte.
„Sie hat nicht einmal reagiert, als ich sie an der Schulter berührt habe. Ich konnte überhaupt nicht zu ihr durchdringen“, sagte Sabine.
„Manche Tage sind schlechter als andere, das weißt du doch“, sagte Marek und zog sie fester an sich. Sabine legte den Kopf an seine Brust.
„Sie kratzt sich wieder“, sagte sie nach einer Weile. „Schon länger anscheinend. Auch wenn sie es unter den langen Ärmeln verbergen will. Ich hab’s trotzdem gesehen. Gestern hab ich sie darauf angesprochen. Sie sagt, es wäre die Katze gewesen. Herrgott, Marek, wir haben gar keine Katze!“
Er schwieg. Sie wussten beide, dass das zu Angelinas Krankheitsbild gehörte und sich an ihrem Zustand vielleicht nie mehr etwas ändern würde. Er hatte sich vor langer Zeit damit abgefunden, doch Sabine konnte es nicht akzeptieren.
„Und sie redet wieder von Mischa.“ Sabines Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, als dürfe niemand außer ihnen es hören.
„Vielleicht hilft es ihr, die Sache zu verarbeiten, wenn sie darüber spricht“, sagte er.
„Aber das ist ein Hirngespinst!“, zischte Sabine. „Das weißt du so gut wie ich. Dieser ganze Blödsinn macht sie doch überhaupt erst krank!“
„Vielleicht ist die Wahrheit aber noch schlimmer für sie.“
„Wie meinst du das?“ Sabine sah ihn mit großen Augen an.
„Wenn sie sich die Wahrheit eingesteht, bleibt nichts weiter als Einsamkeit.“
„Und so wird sie von Schuldgefühlen zerfressen! Soll das etwa besser sein?“ Sabine hatte Mühe, einen wütenden Aufschrei zu unterdrücken. „Sie ist noch keine Dreißig. Wenn sie endlich bereit wäre, diesen ganzen Schwachsinn hinter sich zu lassen, stünde ihr doch die Welt offen.“
„Das können wir beide so sehen, weil wir gesund sind, Liebling. Aber deine Schwester ist nun einmal krank.“
Sabine begann zu schluchzen. Sie vergrub ihr Gesicht an seinem Hals und er drückte ihr einen Kuss auf den Haaransatz.
Schließlich löste sie sich von ihm. Als sie sich die Tränen abwischte, sagte sie: „Verstehst du, Marek? Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte!“
Er nickte. Natürlich verstand er sie. Zärtlich streichelte er ihr über die leicht geröteten Wangen.
„Dieser verdammte Unfall hat alles kaputt gemacht“, sagte Sabine schließlich. Sie hielt inne, dann fügte sie hinzu: „Nein, eigentlich ist Mischa an allem schuld.“
Diese Diskussion hatten sie mehr als einmal geführt und Marek hatte nicht die Kraft, wieder und wieder dieselben Argumente vorzubringen, die Sabine ohnehin nicht gelten ließ. Dennoch wollte er Mischa nicht die alleinige Schuld an dem geben, was geschehen war.

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Die Leseprobe von „Der erste Schnee“ hat sie neugierig gemacht? Die Kurzgeschichte ist in meinem Buch „Abgründe“ erschienen und ist als Taschenbuch und E-Book erhältlich.

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