Kurzgeschichte

Der Brief

„Du kannst deinem Schicksal nicht entkommen!“ Zufrieden betrachte ich den letzten Satz. Der Cursor blinkt hinter dem Ausrufezeichen, als würde er mir verschwörerisch zuzwinkern. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Während der Drucker den Brief Stück für Stück ausspuckt, denke ich an die Frau, für die er bestimmt ist. Cornelia Escher hat mein Leben in den vergangenen drei Monaten zur Hölle gemacht. Mich gedemütigt. Verletzt. Belogen. Sie verdient es, zu leiden. Und mein Brief ist dazu nur der Auftakt. Eine Warnung, sozusagen. Eine Warnung, die das überhebliche Miststück jedoch nicht ernstnehmen wird. Sie wird ahnen, von wem der Brief stammt und sie wird sich darüber lustig machen. Das liegt nun mal in ihrem Naturell. Aber dieses eine Mal werde ich zuletzt lachen.
Meine Hände zittern leicht vor Erregung, als ich den Briefbogen falte und in den Umschlag schiebe. Eine Unterschrift wird nicht nötig sein. Cornelia wird die Botschaft auch so verstehen. Eines muss man ihr lassen, sie ist eine kluge Frau.
Ich lege den Brief zur Seite und streife die Latexhandschuhe ab. Leichtfüßig und beschwingt durchquere ich mein kleines Büro. In einem wuchtigen Mahagonischrank bewahre ich auf, was ich eigens für Cornelia vorbereitet habe. Vorsichtig gleiten meine Finger über den kühlen Stahl des Jagdmessers. Ein wohliger Schauer läuft mir über den Rücken. Mein Blick fällt auf die Wäscheleine aus dunkelrotem Plastik und die Schraubzwingen. Wir werden so viel Spaß haben, Cornelia und ich.

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